Segen sein - ein Text von Hans-Dieter Hüsch

Im übrigen meine ich
Dass Gott uns das Geleit geben möge
Immerdar


Auf unserem langen Weg zu unserer Menschwerdung
Auf dem endlos schmalen Pfad zwischen Gut und Böse
Herzenswünschen und niedrigen Spekulationen
Er möge uns ganz nah sein in unserer Not
Wenn wir uns im dornigen Gestrüpp der Wirklichkeit verlieren


Er möge uns in den großen anonymen Städten
Wieder an die Hand nehmen
Damit wir seiner Fantasie folgen können
Und auf dem weiten flachen Land
Wollen wir ihn auf unseren Wegen erkennen


Er möge uns vor falschen Horizonten und
Dunklen Abgründen bewahren
So dass wir nicht in Richtungen wandern
Die uns im Kreise und an der Nase herumführen


Er möge unseren kleinen Alltag betrachten
Den wir mal recht und mal schlecht bestehen müssen
Die 12 Stunden Unrast und die 12 Stunden Ruhe vor dem Sturm
Er hat auch den Tag und die Nacht geschaffen
Hat auch den Alltag gemacht und den Schlaf
Die 12 Stunden eilen und kümmern und laufen und
sorgen und streiten und ärgern und schweigen
Und die 12 Stunden ausruhen nichts mehr sehen und hören
Und er möge uns die vielen Streitigkeiten von morgens bis
abends verzeihen


Das Hin und Herlaufen zwischen den vielen Fronten
Und all die Vorwürfe
Die wir uns gegenseitig machen
Möge er in herzhaftes Gelächter verwandeln
Und unsere Bosheiten in viele kleine Witze auflösen
Wir bitten ihn Zeichen zu setzen und Wunder zu tun
Dass wir von all unseren Schuldzuweisungen ablassen und
jedwedem Gegner ein freier Gastgeber sind
Er möge uns von seiner Freiheit ein Lied singen
Auf dass wir alle gestrigen Vorurteile außer Kraft setzen


Er möge uns von seiner großen zeitlosen Zeit
Ein paar Stunden abgeben
Und – Er kann gewiß nicht überall sein – Er möge in unsere
Stuben kommen und unsere Habseligkeiten segnen unsere
Tassen und Teller die Kanne die Zuckerdose und den
Salzstreuer die Essigflasche und den Brotkorb
Er möge vor allem die Kinder schützen und die Tiere
Vor jeglicher Willkür


Ja er möge sich zu uns an den Tisch setzen und erkennen
Wie sehr wir ihn alle brauchen überall
Auf der ganzen Welt
Denn wer will uns erlösen von all unserem
Weltgeschichtlichen Wahn
Auch von unseren täglichen Lebenskonflikten
Gott unser Herr möge auch manchmal ein Machtwort sprechen
Mit all jenen Herren die sich selbst zu Göttern ernannt
Die Menschen durch Maschinen ersetzen und für Geld
Kriege führen
Und mit Drogen alle Zukunft zerstören


Er möge sich unser erbarmen
Am Tage und in der Nacht
In der großen Welt und in der kleinen Welt unseres Alltags
Er möge uns unsere Krankheiten überstehen lassen
Und uns in der Jugend und im Alter seine Schulter geben
damit wir uns von Zeit zu Zeit von Gegenwart zu Gegenwart
an ihn anlehnen können getröstet
Gestärkt und ermutigt.