Ich singe dir mit Herz und Mund

Ich singe dir mit Herz und Mund

Singen gehört zum Leben dazu wie das Atmen oder das tägliche Brot. „Wo man singt, da lass dich ruhig nieder“ heißt es in einem Gassenhauer, „böse Menschen haben keine Lieder“. Tatsächlich ist das Singen so alt wie die Menschheit selbst. Schon in frühen Funden der Bronzezeit hat man einfache Musikinstrumente wie Rasseln oder Trommeln nachgewiesen. Musik begleitet die Arbeitswelt, dient der Unterhaltung oder dem Tanz, begegnet in religiösen Ausdrucksformen oder kann sogar in therapeutischer Hinsicht verwendet werden. Kaum ein Mensch heute, der noch ohne Ohrhörer des ipod herumläuft.
Gesang entsteht aus dem rhythmisierten Sprechen, der Variation aus Tonhöhe und Stimmlage, nicht selten unterstützt durch Klatschen oder Stampfen - und führt schon früh bei der Rezitation von sakralen Texten zu Kantillation oder Psalmodieren.
Bald treten Saiteninstrumente wie Harfen, Leier oder Blasinstrumente wie die Flöte hinzu. Im mediterran-abendländischen Kulturraum ist seit der Spätantike die Orgel sowohl zu einem höfischen als auch zu einem kirchlich bevorzugten Musikinstrument geworden.
Der Musik wird die Kraft zugeschrieben, alles Seiende auf einen vollkommenen Ursprung zurück zu führen. In der Renaissance wird die Vorstellung vorherrschend, Musik sei Ausdruck der universalen Harmonie wie sie in der Schöpfung angelegt ist.
In den Psalmen, dem Liederbuch der Hebräischen Bibel, eröffnen Klage und Dank, Bitte und Fürbitte, Hymnus und Lobpreis eine Gottesbegegnung aus Poesie und Vernunft.
Luthers Idee, Psalmen in der für die Gemeinde singbare Lieder umzudichten, wurde in der Straßburger und Genfer Reformation aufgenommen (Genfer Psalter).
Neben der Psalmendichtung entwikkelte sich in der Wittenberger Reformation aber auch das Kirchenlied und die Kirchenmusik insgesamt.

Für Luther kommt der Musik der höchste Rang neben der Theologie zu. Musik kann einen theologischen Beitrag zum Kampf gegen Melancholie, Depression und die Kräfte des Bösen leisten, indem sie den Menschen in Beziehung zur größeren Schöpfung und zum Schöpfer selbst setzt. Insofern kann Luther sagen, Gott habe das Evangelium auch durch Musik gepredigt. Außerdem hat Musik eine pädagogische Funktion, indem sie Glaubensinhalte leichter einprägt (Katechismuslieder). Weil das Lied auch sammelnde Kraft besitzt, kann es vom Geist gebraucht und zu einem Glaubenszeichen der Gemeinde werden.
Ich singe dir mit Herz und Mund, Herr meines Herzens Lust, ich sing und mach auf Erden kund, was mir von dir bewusst.
Das ist Ausdruck des Glaubens und der christlichen Lebensfreude. Schöpferlob, Herz und Mund, Weitergabe des Glaubens.

In unserer Gemeinde wird nicht nur viel gesungen, auch viel musiziert. Die Musik hat einen besonderen Stellenwert. Posaunenchor, Kirchenchor, Kindermusical, Musikunterricht, Kinderorchester zu Weihnachten, Friedenskonzerte, Musique et Vie, Sommerkonzert, Fête de la Musique. „Da ist Musik drin“ – und noch viel mehr.
Also, wenn der Sommer kommt und dir das Herze juckt und dein Mund voll Lachens ist und dein Atem im Rhythmus wippt und es dir durch Mark und Bein fährt und ein Tanz dich hüpfen macht, weil alles sirrt und schwirrt und klingt und lacht, dann komm zu uns und lass dich ruhig nieder, „böse Menschen haben keine Lieder, sondern nur ein Radio und ein Fernsehapparat.“


Marc Blessing