Es ist Krieg. Entrüstet euch!

„Der Tod ist ein Meister aus Deutsch­­land“. 1945, als Ausch­witz befreit und die teuflisch durch­­organisierte Vernichtungs­maschinerie der Nazis für die ganze Welt offen­kundig wurde, da bewahrheitete sich auf er­schreck­en­de Weise der Satz des Lyrikers Paul Celan. Hatten die Nazis nicht „meisterhaft“ die Tötung von sechs Millionen Juden „organisiert“?

Noch immer - Gott sei‘s geklagt - ist der Tod ein Meister aus Deutschland. Und niemand entrüstet sich. Deutschland ist der drittgrößte Exporteur von Waffen und Rüst­ungs­gütern nach den USA und Russland.

In den vergangenen fünf Jahren sind die deutschen Rüstungsexporte um 70 Prozent gestiegen - mehr als drei mal so stark wie die weltweite Waffenausfuhr zwischen 2004 und 2008. Aus Deutschland kommen einige der weltweit führenden Waffenproduzenten: Krauss-Maffei Wegmann baut und verkauft Panzer, Thyssen-Krupp liefert Fregatten, Korvetten und U-Boote, EADS veräußert Kampf­­hubschrauber, Rheinmetall stellt Munition her und Heckler und Koch führen Maschinenpistolen und Sturm­gewehre aus. Das Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI beziffert den Gesamtwert der deutschen Rüst­ungsexporte von 2004 - 2008 auf 8,7 Milliarden Euro.

Es ist Krieg. In Afghanistan - das wissen wir längst. Aber nicht nur da: 163 bewaffnete Konflikte gibt es derzeit weltweit. Es wäre naiv zu glauben, dass ausgerechnet deutsche Waffen darin nicht zum Einsatz kommen. Des­halb: Entrüstet euch! Moralische Entrüstung aber reicht nicht. Es geht um praktische Ent-Rüstung, um Ab-Rüst­ung.

„Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“. In der Bergpredigt preist Jesus die, die den Frieden Gottes ausbreiten. Christinnen und Christen tragen Verantwortung für diese Welt. Sie sind, Jesus hat es vorgemacht, mitten hineingestellt in die Konflikte dieser Zeit. Eine Kirche, die sich nur um sich selbst kümmert, verkümmert.

Selig sind die Friedfertigen. Ich erinnere mich noch gut an die Erzählungen meines Großvaters, der mit einer Misch­ung aus Traurigkeit und Abscheu vom Krieg erzählte, davon, wie er unter seinem Traktor Schutz suchte, als die französischen Kampfflieger ihn ins Visier nahmen. Wie er davon erzählte, als Pforzheim in den letzten Kriegstagen total zerbombt wurde und die Bevölkerung mit Brand­wunden aufs Land floh, wo die Bauern sie aufnahmen. „Nie wieder Krieg!“ - das war das Vermächtnis der Ge­neration unserer Großväter und Großmütter. Das war das Leitmotiv der Politikergeneration, die die Europäische Union erdacht und aufgebaut haben. Leitet uns das Motiv heute noch, 65 Jahre nach Kriegsende, 65 Jahre nach dem Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki?

In der Friedensstadt Genf, der Stadt der Vereinten Na­tionen und des Internationalen Roten Kreuzes und des Ökumenischen Rates der Kirchen, in der Stadt, die wie keine andere die Welt als Ganze in den Blick zu nehmen weiß, muss die Einsicht reifen, dass  Rüstungsexporte, insbesondere in Entwicklungsländer, strenger kontrolliert werden müssen. Der große Stuhl mit dem abgerissenen Bein vor dem Eingang zu den Vereinten Nationen mahnt nicht nur die Ächtung von Landminen an, sondern macht deutlich, dass es immer echte Menschen sind, Väter und Mütter und Kinder, die durch Waffen ihr Leben verlieren, die verletzt oder verkrüppelt werden und ihr Leben lang gezeichnet sind.  

Selig sind die Friedfertigen. Das beginnt in meinem persönlichen Umfeld. Bin ich selbst dazu imstande, Kon­flikte ohne Gewalt zu lösen? Trage ich dort, wo Gott mich hinstellt, zum Frieden bei? Als Teil einer Familie, als Mitarbeiter in einer Institution, als Mensch und Christ?

Gott, mache mich zum Werkzeug deiner Friedensliebe.

Marc Blessing