Weihnachten

Ein Weihnachtsstern

Sag deiner Seele,
sie soll ihr schönstes Kleid tragen
heute Abend.
Sag ihr, es ist soweit:
Die Sterne haben ihren Segen gegeben.
Was nun geschieht,
führt näher ans Licht.
(Hans Kruppa)

Weihnachten. Ich gehe über den Marktplatz. Ein Nach­mittag wie jeder andere, möchte man meinen. Und doch liegt in der Luft eine ungewohnte Mischung aus Hetze und Besinnlichkeit, aus Einsamkeit und Erwartung. Die Leute haben es eiliger als sonst, nach Hause zu kommen.

Es hat angefangen zu schneien. Am Markt leuchten die Lichter der großen Tanne. Wie viel Sehnsucht liegt in dieser Nacht, der heiligen Nacht, denke ich. Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen? Und wie viel Ent­täuschung. Wie viel Nacht bei so vielen Menschen.  
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,
und über denen, die da wohnen im finstern Lande scheint es hell. (Jesaja 9,1)

Mitten in der Dunkelheit der Welt höre ich leise die Botschaft der Engel: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren. Welcher ist Christus.

Merkwürdig. Die Dunkelheit ergreift das Licht nicht. Weihnachten bleibt verborgen. Das Christus-Licht kommt abseitig zur Welt. Unbemerkt. Die Weihnachtsbotschaft - ungeeignet für die großen Slogans. Aber geeignet für ein Herz, das noch nicht kalt geworden ist, das noch sehnen kann. Und hoffen. Und vielleicht wieder lieben?
Ich nehme den Bus. Ich bin der einzige Passagier. Ich setze mich zum Busfahrer. „Wie lange müssen sie heute noch arbeiten?“  frage ich ihn. „Die ganze Nacht“ - sagt er. „Mache ich jedes Jahr.“ Er macht eine Pause. „Für mich ist Heiligabend fürchterlich.“ Ich sehe
ihn schweigend an. Da bricht es heraus aus ihm. Weihnachten bedeute ihm gar nichts mehr, seit seine Frau ihn verlassen habe. Er wolle heute die ganze Nacht Dienst tun, um nur nicht allein zu sein.

Ich sehe ihn an. Er hat Tränen in den Augen. Weihnachten? Kein heiles, kein heiliges Fest. Das Volk, das im Finstern wandelt...
   
Wir kommen in die Nähe der Kirche.

„Der Engel“, sage ich. „Damals bei den Hirten auf dem Feld, da gab es doch einen Engel?“ Er nickt. „Der hat etwas zu den Hirten gesagt, was mir heute schon den ganzen Tag durch den Kopf geht.“ Er dreht sich fragend zu mir hin.

„Fürchte dich nicht“ hat er gesagt.

An der Kirche hält der Bus. Wir hören die Glocken läuten. Er sieht mich an, dann gibt er mir die Hand: „Schöne Weihnachten.“

Ich drücke seine Hand. „Fürchte dich nicht!“ sage ich und steige aus.  

Licht

Herbergssuche
Fremd die Wege
Lang die Schatten
Im Land der Verbannung irrlichtern wir wie Heimatlose
Sehnsuchtskrank von Tür zu Tür
Trinken auf versteinerter Schwelle
Einen Lidspalt Licht
Aus Bethlehem.  (Anneliese Merkel)


Marc Blessing