Meditation

Meditation führt in die Stille, zu Gott. Meditation eröffnet Gottesbegegnung. Denn „Gott war nicht im Feuer, nicht im Erdbeben, nicht im Sturm; Gott war im leisen Säuseln eines Windhauchs (1. Kön. 19,11). Oder in der Übersetzung Martin Bubers:

Gott, im Sturme nicht
Und nach dem Sturm ein Beben:
Gott im Beben nicht
Und nach dem Beben ein Feuer:
Gott im Feuer nicht
Aber nach dem Feuer
Eine Stimme verschwebenden Schweigens.

Christliche Meditation beginnt mit dem Schweigen und Hören auf die „verschwebende Stimme Gottes“. Sie hat ihre Wurzeln im frühen Mönchtum (und bei Jesus selbst). Die eine Wurzel ist die „ruminatio“ (lat.= wiederkäuen). Martin Luther benutzt das Wort, wenn er sagt, dass man das Wort Gottes wiederkäuen solle. Die andere ist die lectio divina (lat. = göttliche Lesung), das Lesen der Heiligen Schrift. Beides sind heilende Wege. Und beide Wege beginnen nicht mit einer „actio“, indem man etwas tut, sondern mit der „contemplatio“, also indem man etwas „lässt“, sie beginnen mit dem Schweigen und dem Hören.

Der Weg der „ruminatio“: Früher haben die Mönche die ganze heilige Schrift auswendig gelernt. Für sie waren die negativen Gedanken, die auftauchen, wie Ärger, Wut, Eifersucht, Angst – durch die Hl. Schrift zu verwandeln und zu heilen. Die Alten verstanden die Bibel als Heilungsbuch. Sie waren überzeugt: Worte können heilen.

Worte können aber auch krank machen. Aus der Psychotherapie und Seelsorge kennen wir das so genannte Verliererskript: „Keiner mag mich“, „ich habe keine Lust“, „hat ja doch alles keinen Zweck“, „bei mir geht alles schief“. Ins Seelsorgegespräch kam ein junger Mann, intelligent. Aber bei allem, was man mit ihm angefangen hat, hatte er zwei Sätze parat: „Das kann ich nicht“ und „das bringt mir nichts“. Sein Seelsorger sagte zu ihm: „Deine Worte sind dein Leben, deine Worte machen dich krank“.

In der „ruminatio“ werden gegen solche Sätze Worte der Heiligen Schrift gesetzt. Evagrius nennt sie die „Methode Davids“, nach Psalm 46: „Was bist du so betrübt meine Seele?“ Das ist der Teil, der traurig ist. Der andere wird dem entgegen gesetzt: „Harre auf Gott!“ und: „Ich werde ihm noch danken, dass er meines Herzens Wonne und mein Teil ist.“

In der Meditation werden also zwei Bereiche in uns mit einander ins Gespräch gebracht: die Angst und das Vertrauen. Das ist kein Trick. Es nimmt beide Seiten im Menschen ernst und es traut dem Wort Gottes zu, dass es die Angst in Vertrauen wandelt.

Beim Einwortgebet konzentriert sich die Meditation auf einen einzigen Satz: „Herr, eile mir zu helfen.“  Cassian schreibt, dass man dies Wort überall sagen soll: bei der Arbeit, wenn man schlafen geht oder wenn man nichts tut. Allein dies Wort hindert die negativen Gedanken und wehrt die Feinde ab, so sagt er; es sammelt den Geist. Es heilt die Krankheiten, und es spricht: Setz dich hin zur Beschauung (contemplation) Gottes.

Es ist nicht die Methode, die Wirkung hat. Die Methode ist nur der Weg zu Gott, Gottes Wort Raum in mir zu schaffen, damit Gott mich heilen und verwandeln kann.

Im Osten ist vor allem das Jesusgebet oder Herzensgebet beliebt geworden. Es lautet: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“. Da wird genaue Anweisung gegeben, beim Einatmen „Herr, Jesus Christus“ zu sagen und sich vorzustellen, wie der Atem ins Herz strömt, wie es warm wird, weil Christus in meinem Herzen ist (deshalb Herzensgebet). Beim Ausatmen in den ganzen Leib soll man sagen: „Sohn Gottes, erbarme dich meiner.“ Für die Alten ist das die Zusammenfassung des ganzen Evangeliums. Der blinde Barthimäus ruft diese Worte Jesus zu. Sehnsucht und Bitte um Nähe, um Berührung, um Liebe. Wenn ich das immer wieder sage, dann wächst so ein Stück Nähe in mich selbst hinein. Wie oft sagen wir, wenn etwas misslungen ist: „schon wieder ich“ oder: „typisch ich, das passiert immer nur mir“, „du wirst es nie lernen“. Sprich da hinein: „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner“, dann kann es geschehen, dass du mit der Zeit barmherziger mit dir selbst umgehst.

Der zweite Weg: die „lectio divina“, enthält vier Schritte: lectio, meditatio, oratio, contemplatio. Das ist die klassische Gebetsform seit dem fünften Jahrhundert. Der heilige Benedikt hat drei Stunden pro Tag dafür reserviert. Lectio: Ich lese einen Abschnitt. Ich verweile beim Text. Welches Wort spricht mich besonders an? Ich versuche, es als Wort Gottes in mir wirken zu lassen. Es führt mich in die Stille: Meditatio: Ich schweige. Ich lasse das Wort Gottes in mir wirken. Eine Hilfe kann es sein, das Wort zu wiederholen. Es zu käuen, zu schmecken. Oratio ist das affektive Gebet, mit dem ich Gott bitte, das Gehörte in mir und für mich wirksam werden zu lassen. Es braucht keine Worte, keine laute Rede. Es entspringt der Seele. Die Contemplatio ist dann das Beten ohne Worte. Als Methode, sagen die Alten, kann man nur die ersten drei Schritte üben. Contemplatio ist immer Geschenk.

Dieser Gemeindebote will Sie einladen, eine alte christliche, fast schon verloren geglaubte Praxis des Gebets wieder zu entdecken. Östliche Religionen wie der Buddhismus haben uns geholfen, diese Tradition wieder zu entdecken. Sie finden praktische Anregungen und Hilfen zum Gebet in dieser Ausgabe. Und wenn es allein zu schwer ist: die „Stille-Sucher“ treffen sich 14-tägig montags in unserer Kirche zum Gebet und zur Meditation.
Marc Blessing