Wie sich Kinder Gott vorstellen

Gott ist cool

"Gott ist ein guter Mensch"... schreibt Hannes, ein aufgeweckter Fünftklässler auf die Frage, wie er sich Gott vorstellt. Zusammen mit seinen Mitschülerinnen und Mitschülern sitzt er im Kreis des Gymnastikraumes. In der Mitte steht auf einem großen Plakat „GOTT“. Drum herum liegen fünf kleinere Zettel mit der Aufschrift: Politik, Umwelt, Familie, Freunde, Schule. Für einen Moment dürfen sie alle Gott sein. Ein Mantel, der Mantel göttlicher Allmacht, wird ihnen umgehängt und sie überlegen, was sie verändern würden, wenn sie Gott wären: „Wenn ich Gott wäre, würde ich die Umwelt vor Atomkraft schützen“, sagt einer. Eine andere: „Wenn ich Gott wäre, würde ich den Hunger abschaffen“.

Ich bitte sie zu überlegen, wie Menschen sich Gott vorstellen, unabhängig davon, ob sie an Gott glauben oder nicht. Eine Schülerin notiert:

"Die Eigenschaft Gottes ist, dass er jedem Mensch eine zweite Chance gibt, jeden Mensch lieb hat egal, wie er aussieht, er kann aber nicht alle Probleme lösen, die wir uns selbst gemacht haben."

Ich muss schmunzeln. Nein, Gott kann nicht alle Probleme lösen, die wir uns selbst gemacht haben. Und doch weiß die Schülerin auch: Gott gibt eine zweite Chance. Er liebt uns. Ein anderer bringt es in der Sprache der Jugendlichen zum Ausdruck.

"Gott ist cool!"

Aber was ist damit gemeint? „Cool“ sagt heutzutage alles und gar nichts. Die Schülerinnen und Schüler kommen ins Diskutieren. Einer der „coolen“ Jungs meldet sich. „Gott“, sagt er, „hat den seelischen Wiederaufbaumodus. „Großartig“ denke ich. Ein seelischer Wiederaufbaumodus – das Wort gibt es nicht mal im Wörterbuch. Aber der Junge bringt eine Erfahrung zum Ausdruck, die in vielen Psalmen aufgehoben ist: Aus einer Situation der Not, der Krankheit, der seelischen Erschütterung, rettet Gott, richtet auf, bringt Menschen wieder ins Gleichgewicht. So heißt es in Psalm 22:

„Als ich zu ihm schrie, hörte er mich und rettete mich aus aller meiner Not“ Oder in der Sprache der Jugendlichen: "Gott ist groooß".

 

Ein Mädchen meldet sich: „Gott gibt es doch gar nicht“. Sie schaut mich herausfordernd an. „Ich glaube auch nicht an ihn.“ Ich sage: „Auch wenn man nicht an Gott glaubt, hat man vielleicht eine Vorstellung davon, wie andere Menschen über Gott denken.“ „ Ich schreibe trotzdem nichts auf“, sagt sie. Ob sie von mir überzeugt werden möchte? Ich sage: „Ich kann mir eine Welt ohne Gott nicht vorstellen. Für mich wäre dann alles sinnlos.“ Sie legt die Stirn in Falten.

Was denken die anderen, frage ich? Ein Mädchen meldet sich. Sie liest vor, was sie geschrieben hat.

"Gott ist gütich

Gott beschützt die Erde

Gott ist der Vater

Gott ist das Leben

Gott ist ein Schöpfer

Gott ist immer bei dir

gott ist gutmütich

Gott ist unsterblich

Gott hat die Macht

Gott ist über uns"

Wir reden noch lange weiter. Die Stunde lehrt mich: Den Glauben an Gott kann man nicht „unterrichten“. Er ist abhängig von vielen Aspekten: Erfahrungen der Geborgenheit, Ritualen in der Familie, Vorstellungen, die einen geprägt haben, Gefühlen, Verletzungen, Umgang mit Krisen. Aber wir finden in ein Gespräch über Gott. Und wo wird das heute noch gewagt, in einer Zeit, in der Religion und Glaube etwas ganz privates, fast tabuisiertes geworden sind? Die Schülerinnen und Schüler verlieren ihre Scheu, über Gott zu sprechen. Und sie wollen wissen, was ich eigentlich glaube. Ich erzähle ihnen von meiner Konfirmation und dem Spruch, den ich damals bekommen habe. Er hat mich begleitet bis heute: „Ich schäme mich des Evangeliums von Jesus Christus nicht, denn es ist eine Kraft Gottes, die da selig macht alle, die an ihn glauben. (Röm 1,16). Was trägt Kinder? Was trägt uns? Welche Vorstellungen und Glaubenskräfte leiten uns? In diesem Gemeindeboten werden sie von Kindern und ihren Vorstellungen und Geschichten lesen. Vielleicht kommen Sie dabei selbst zu neuen Einsichten. Viel Freude beim Lesen! Ihr Marc Blessing