Schöpfung bewahren

Seit der Reaktorkatastrophe in Fukushima hat die Atomenergie keine Akzeptanz mehr. Weder gesellschaftlichnnoch politisch. In Deutschland ist der Atom-Ausstieg beschlossene Sache. In der Schweiz, die immerhin fünf Atomkraftwerke betreibt, soll 2034 Schluss sein. Österreich ist eines der wenigen Länder, das gar nicht erst in die Nutzung der Atomenergie eingestiegen ist. Der verstärkte Ausbau der erneuerbaren Energien wie Wind-, Wasser- und Sonnenenergie steht nun ganz oben auf der Energie-Agenda. Weltweit. China hat allein in 2010 Windkraft-Kapazitäten von rund 19 Gigawatt neu ans Netz genommen. Die Schweiz und Österreich decken schon heute über die Hälfte ihres Energiebedarfs durch Wasserkraft ab.

Nach Plänen der deutschen Bundesregierung sollen bis zum Jahr 2030 große Offshore-Windparks mit einer Leistung von 24 Gigawatt entstehen. Das entspricht einer Leistung von 20 Atomkraftwerken. Zum Vergleich:

Gegenwärtig werden in Deutschland 17 Atomkraftwerke betrieben, die sukzessive bis 2022 vom Netz gehen müssen.

Und was sagt die Kirche dazu?

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat ihre ablehnende Position zur Kernenergie seit 1987 immer wieder und zuletzt im Herbst 2010 formuliert, als sie eine Rücknahme der Verlängerung der Laufzeiten empfahl.

Dort hieß es: Kernenergie ist aus Sicht der EKD-Synode „mit dem biblischen Auftrag, die Erde zu bebauen und zu bewahren, nicht zu vereinbaren“, und weiter: „Zwar ist die Eintrittswahrscheinlichkeit eines großen Unfalls in einem Kernkraftwerk aus technischer Sicht sehr niedrig, doch steigt das Risiko großtechnischer Anlagen mit hoher Laufzeit wieder an. Das Schadenspotenzial eines solchen Unfalls wäre so groß, dass der weitere Betrieb solcher Anlagen nicht akzeptabel ist. Es gibt Alternativen der Energieversorgung.“ Es ist tragisch, dass 25 Jahre nach Tschernobyl eine erneute Katastrophe notwendig war, damit diese Erkenntnisse in die politischen Entscheidungen Eingang finden. Die Ziel der „Bewahrung der Schöpfung“ ist seit den achtziger Jahren, angestoßen durch den konziliaren Prozess des Weltkirchenrates 1983, und dann ausdrücklich in den Dokumenten der ersten europäischen ökumenischen Versammlung in Basel 1989 als kirchliche Leitlinie festgelegt und seitdem, nicht zuletzt in der Charta oecumenica 2001 als Querschnittsaufgabe aller christlicher Kirchen verabredet worden. Dort heißt es:

„Im Glauben an die Liebe Gottes, des Schöpfers, erkennen wir dankbar das Geschenk der Schöpfung, den Wert und die Schönheit der Natur. Aber wir sehen mit Schrecken, dass die Güter der Erde ohne Rücksicht auf ihren Eigenwert, ohne Beachtung ihrer Begrenztheit und ohne Rücksicht auf das Wohl zukünftiger Generationen ausgebeutet werden.

Wir wollen uns gemeinsam für nachhaltige Lebensbedingungen für die gesamte Schöpfung einsetzen. In Verantwortung vor Gott müssen wir gemeinsam Kriterien dafür geltend machen und weiter entwickeln, was die Menschen zwar wissenschaftlich und technologisch machen können,

aber ethisch nicht machen dürfen. (...) Wir empfehlen, einen ökumenischen Tag des Gebetes für die Bewahrung der Schöpfung in den europäischen Kirchen einzuführen. Wir verpflichten uns, einen Lebensstil weiter zu entwickeln, bei dem wir gegen die Herrschaft von ökonomischen Zwängen und von Konsumzwängen auf verantwortbare und nachhaltige Lebensqualität Wert legen; die kirchlichen Umweltorganisationen und

ökumenischen Netzwerke bei ihrer Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung zu unterstützen.

Schöpfungsbewahrung ist eine Aufgabe, zu der wir alle beitragen können: Man kann bei seinem Energieversorger Grünen Strom einkaufen – Strom, der nicht aus Atomenergie gewonnen wird. Man kann seinen Haushalt durchgehen: Stand-by-Geräte ganz vom Netz nehmen, Sparlampen einschrauben, Wasserverbrauch reduzieren (z.B. nicht täglich duschen),

in moderne Heizanlagen investieren, z.B. in dem man neue Brennwertkessel installiert, später im Jahr und dann ein oder zwei Grad weniger hoch heizen, energieeffiziente Kühlschränke und Tiefkühlschränke kaufen (A++), lieber das Rad statt das Auto nehmen. Auch wie wir essen, wo und was wir einkaufen, ist wichtig: Unser Lebenswandel beschleunigt den Klimawandel. Oder verzögert ihn.

Wir brauchen nicht nur eine Energiewende. Wir brauchen eine Lebenswende. Der Garten Eden, in den Gott uns einst gesetzt hat, ist zu schön, um verdreckt, verstrahlt oder zugemüllt zu werden. Wir wären doch schön blöd, wenn wir unsere eigene Lebensgrundlage zerstören würden. Ich vertraue darauf und will meinen Teil dazu beitragen, dass die uralte Verheißung Gottes auch für meine Kinder und Kindeskinder wahr bleibt:

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Ihr Marc Blessing