Von der Bürde und Würde des Alters

Gewiss das Alter ist ein kaltes Fieber

Ein Frost von grillenhafter Not

Hat einer vierzig Jahr vorüber

So ist er schon so gut als tot.

Besser wär’s, euch zeitig tot zu schlagen!

 

(Goethe, Urfaust)

 

Die Bürde des Alters: Frost, kaltes Fieber, grillenhafte Not. Zipperlein. Schon der alte Spötter Goethe wusste – und hat es wohl am eigenen Leibe erfahren: Alt werden ist eine Kunst.

 

In der Bibel zeigen sich sowohl die Bürde als auch die Würde des Alters – in der Dimension Gottes. Ältere Menschen werden als diejenigen dargestellt, die aufgrund ihrer Erfahrung weise geworden sind. Gerade deshalb soll ihnen von jungen Menschen Ehrfurcht entgegen gebracht werden: „Du sollst vor grauem Haar aufstehen, das Ansehen eines Greises ehren und deinen Gott fürchten“ (Lev 19,32).

 

Symbol für das ehrwürdige Alter sind die grauen Haare. „Graues Haar ist eine prächtige Krone, auf dem Weg der Gerechtigkeit findet man sie.“ (Spr. 16,31). „Der Ruhm der Jungen ist ihre Kraft, die Zier der Alten ihr graues Haar“. (Spr. 20,29). Aus diesem Loblied auf die von uns nicht gerade geschätzten grauen Haare (der Autor weiß, wovon die Rede ist), spricht die Erfahrung, dass der Rückgang der körperlichen Schönheit oft mit dem Wachstum der inneren Reife einhergeht.

 

Trotz dieser grundsätzlich positiven Deutung der letzten Lebensphase kennzeichnet die Bibel das Altsein durchaus auch als Bürde. So wird nüchtern aufgedeckt, wie mit fortschreitendem Alter die Kräfte, die Sinne und die Lebensäußerungen schwächer werden. „Unser Leben währet siebzig Jahr, und wenn es hoch kommt, so sind’s achtzig. Und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe, denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon“ (Ps 90).

 

Damit einher geht auch die Angst, verlassen zu sein von Gott und den Menschen. „Verwirf mich nicht, wenn ich alt bin, verlass mich nicht, wenn meine Kräfte schwinden... Auch wenn ich alt und grau bin, o Gott, verlass mich nicht.“ (Psalm 71,9f. 18)

Dahinter steckt die Befürchtung älterer Menschen, am Ende niemanden mehr zu haben, der sich sorgt und kümmert, wenn die eigene Kraft nicht mehr ausreicht. Solche Erbarmungslosigkeit gegen alte Menschen ist für die Bibel ein Anzeichen eines gottlosen Volkes: „Ein Volk mit unbeweglichem Gesicht, das sich dem Greis nicht zuwendet und für das Kind kein Mitleid zeigt (Dtn. 28,50). Die Qualität einer Gesellschaft lässt sich nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift also nicht zuletzt daran messen, ob sie Sinn und Verständnis und Ehrerbietung aufbringt gegenüber alten Menschen und übrigens gleichermaßen – Kindern!

 

Dennoch weiß auch die Bibel, dass ältere Menschen auch unklug, verbohrt und starrköpfig sein können (Hiob 12,12). Das Alter selbst bietet noch keine Garantie für Weisheit und Einsicht. Wirklich weise im Sinne der Bibel ist der Mensch, der seine Armut, seine Hilfsbedürftigkeit eingestehen kann und der fähig ist, sein Leben unter Gottes Führung zu stellen. Das für mich schönste Beispiel ist der greise Simeon, der auf seine alten Tage die Geburt des Jesuskindes miterleben darf und nicht anders kann, als in Dank und Lobpreis einzustimmen (Lukas 2, 25ff): „Herr, nun lässest Du Deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast. Denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“

 

Wer so sterben kann, voller Dankbarkeit im Rückblick auf das gelebte Leben und im Vorausschauen auf das Neue, das in der Geburt, im Tod und in der Auferstehung Jesu Christi verheißen ist, der stirbt „in Frieden“.

 

Die Kunst zu altern und die Kunst zu sterben liegen wohl genau darin: Mich zu bergen in der alten Verheißung Gottes wie in der Hand des Vaters und der Mutter. Wie hat die Begründerin der Hospizbewegung einmal gesagt: Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre, sondern den Jahren mehr Leben zu geben. Dazu kann der Glaube eine wichtige Hilfe sein, wie in den beiden folgenden Interviews mit Ulrike Frank und Gisela Maus sichtbar wird.

 

Ich schließe mit einem Text, der mich bei meinem zweijährigen Dienst in einer Altenpflegeeinrichtung begleitet hat:

 

Viel Freude beim Lesen wünscht Ihnen

 

Ihr Marc Blessing