Es ist eine uralte Weisheit, dass das Zusammenspiel von Körper und Geist, von Leib und Seele für unser Wohlergehen von großer Bedeutung ist. Wenn die Seele krank wird, ermattet auch der Körper. Und wenn der Körper vernachlässigt wird, hat auch die Seele keine rechte Lust mehr, darin zu wohnen. In der Medizin hat die Psychosomatik (altgr. „psyche“ für Atem, Hauch, Seele, und „soma“ für Körper, Leib und Leben) den Blick auf diesen Zusammenhang neu geöffnet.

 

Niemand ist davor gefeit. Selbst die ganz Großen der Weltgeschichte sind davon betroffen: Von dem Propheten Elia wird berichtet (1. Könige 19), eines Tages sei er einfach zusammen gebrochen, habe sich in die Wüste gelegt und nichts anderes gewünscht als zu sterben. „Es ist genug. So nimm nun, Herr, meine Seele (althebr. näfäsch = Leben)“. Erschöpft, ausgebrannt, von allen verlassen, so gerät der Prophet in tiefe Verzweiflung. Depression, würde man heute vielleicht sagen. Burn-out. Es ist genug. Elia liegt da unter dem Wachholder: lebensmüde, glaubensmüde, gottesmüde.

Die Geschichte erzählt, er habe sich hingelegt und sei eingeschlafen. Herrlich! Wenn nichts mehr geht, wenn der Geist total aufgewühlt und der Körper am Ende seiner Kräfte ist, dann muss der Mensch ruhen. Wenn er kann! Hinlegen, ausruhen, nichts mehr denken, nicht grübeln, die dunklen Gedanken verabschieden, schlafen dürfen. Der Körper kommt zur Ruhe. Der Geist darf sich erholen.

Ein Engel kommt herbei und weckt ihn auf. Da sind Boten Gottes unterwegs, Leib- und Seelsorger, denen wir manchmal unser Weiterleben verdanken. Sie sagen: Komm, setz dich hin. Ruh dich aus. Ich mach jetzt erstmal eine Tasse Kaffee. Und dann reden wir. So ist Gott. Er lässt dich nicht allein. Er kommt dir nach bis in deine Wüsten, wohin du dich verkrochen hast. Wenn nichts mehr geht, dann willst Du niemand sehen, niemand hören, nichts schmeckt mehr. Alles ist fürchterlich.

In der Geschichte wird erzählt, der Engel habe frisch geröstetes Brot und einen Krug mit kühlem Wasser hingestellt. Wo alles am Ende zu sein scheint tut es Not, sich wieder auf die einfachen Dinge des Lebens zu konzentrieren. Brot und Wasser. Schlafen und Ausruhen. Menschen, die dir gut tun. Es braucht nicht viel. Aber DAS brauchen Körper und Seele.

Elia isst und trinkt. Und schläft wieder ein. Ja, so schnell geht es nicht. Wenn Du am Rande bist, dann brauchst Du Zeit. Die Krankheit will Dir einreden, es müsste jetzt, sofort wieder alles gut sein. So geht es nicht. Besser ist es, Du nimmst Dir die Zeit. Du darfst weiterschlafen. Ein zweites, ein drittes Mal, wie viel Du brauchst. Und Gott? Der schickt seinen Engel auch ein zweites und drittes Mal. Wie ermutigend! Gott lässt Dich nicht hängen. Er geht nach, er sucht Dich erneut. Und wieder ist er da, an Deinem Sterbe- nein, jetzt nicht mehr, an deinem LEBENsort. Elia isst und trinkt erneut. Und mit jedem Schluck frischen Wassers und mit jedem Stück gerösteten Brotes kehrt das Leben in ihn zurück.

 

Der Engel sagt: Steh auf, du hast noch einen weiten Weg vor dir. Ja, vierzig Tage und vierzig Nächte wird Elia unterwegs sein. Es ist ein harter und steiniger Weg – raus aus der Wüste. Raus aus der Depression. Raus aus dem Lebensüberdruss.

 

Elia steht auf und geht. Langsam erst. Das Zutrauen, das Gott in ihn hat, gibt ihm Kraft. Einen Schritt nach dem anderen setzt er. Es geht nicht schnell. Und er weiß nicht, wohin Gott ihn führen wird. Er weiß nur: Raus aus der Wüste. Und Elia geht und geht. Er erlebt Sturm und Gewitter, Erdbeben und Feuer. Doch Gott ist nicht im Sturm, nicht im Beben, nicht im Feuer.

 

In der Übersetzung von Martin Buber:

ER im Sturme nicht-

Und nach dem Sturm ein Beben:

ER im Beben nicht –

Und nach dem Beben ein Feuer:

ER im Feuer nicht –

Und nach dem Feuer:

Eine Stimme verschwebenden Schweigens.

 

Ein harter Weg. Sturm, Beben, Feuer. Aber Elia geht. Und wird nicht enttäuscht: Am Ende seiner langen Wanderung begegnet Elia Gott: In einer „Stimme verschwebenden Schweigens“. Wohltuend, zart und leise, wie ein kühler Windhauch nach einem heißen Wüstentag, so berührt Gottes Geist Elias Stirn. Nichts muss jetzt mehr gesprochen werden. Alles schweigt. Gott ist da. Und Elias Körper und Seele kommen zur Ruhe. Schweigen. Finden neue Kraft.

 

Sie finden in diesem Gemeindeboten Anregungen und Hintergründe zum Verhältnis von Körper und Seele. Dazu haben wir die Schweizer Meisterin im Judo und frühere Konfirmandin der lutherischen Kirche, Juliane Robra, interviewt, die als Spitzensportlerin und voraussichtliche Olympia-Teilnehmerin davon erzählt, wie Glaube und Sport bei ihr zusammen gehen. Und Elisabeth Benn, Psychotherapeutin, schildert aus medizinisch-therapeutischer Sicht.

 

Vielleicht regt die Lektüre dieses Gemeindebotens Sie an, dem Wechselspiel von Körper und Seele in den Sommermonaten wieder mal Beachtung zu schenken. Gesunde Ernährung (Brot und Wasser sind ein Anfang), Sport (es muss nicht gleich eine Wüstenwanderung sein), auch Ausschlafen (und sich vom mitwohnenden Engel wecken lassen), einander verwöhnen (und selbst zum Engel werden), zuhören, schweigen, beten, mit anderen unterwegs bleiben auf dem Weg der Gotteserkenntnis (nicht auszuschließen, dass das im Gottesdienst erfahrbar wird), so es sein soll, Gottes Frieden finden (im kühlen Windhauch nach einem anstrengenden Tag) – und am Ende gesunden an Leib und Seele.

 

Das wünsche ich Ihnen in der vor uns liegenden Sommerzeit,

Marc Blessing