Abschied und Neuanfang

Gute Reise“, „mach’s gut“, „wir sehen uns bestimmt mal wieder“…Abschiedsworte, die wir schon so oft gesagt haben und die beim Abschiednehmen helfen sollen. Immer wieder erleben wir in unserem Leben Abschiede – freiwillige, lange geplante, erzwungene oder erhoffte. Abschiednehmen tut immer ein bisschen weh, und manchmal sogar sehr. Denn Abschiednehmen heißt: Sich ganz bewusst von etwas zu trennen, was einem wichtig ist, die Trennung zu akzeptieren, loszulassen und sich auf das Neue einzulassen. Manchmal ist das ein langer schmerzhafter Prozess – vor allem in der Trauer um einen geliebten Menschen. Manchmal geht es wie von selbst – zum Beispiel, wenn etwas schönes Neues lockt. 

Gut ist es, wenn kleinere oder größere Rituale einen Abschied begleiten und erleichtern. Denn Rituale helfen uns in emotionsgeladenen Situationen, geben uns Halt und helfen uns nicht nur über den Kopf, sondern mit dem ganzen Körper zu verstehen, was geschieht. Und wir alle kennen viele Abschiedsrituale:

Da sind zum einen die guten Wünsche: „Auf Wiedersehen; pass auf Dich auf; sei behütet“. Und selbst ein einfaches „Tschüss“ ist eigentlich ein guter Wunsch: „à Dieu“, also Gott befohlen. Mit diesen Worten drücken wir aus, dass wir dem anderen Gutes wünschen; dass wir hoffen, ihn einmal wieder zu sehen, und dass wir ihn Gott anbefehlen, damit Gott mit ihm geht, wenn wir aufgrund der Trennung ihn nun nicht mehr selbst begleiten, helfen oder unterstützen können. Dieser Gedanke, dass wir den anderen Gott anvertrauen hilft vielleicht dabei, die Trennung zu akzeptieren und loslassen zu können.

Da sind zum anderen die Gesten: Eine Umarmung, ein Kuss, ein freundliches Lächeln – das alles drückt noch einmal aus, wie wichtig der andere ist und oft verbinden sich damit auch ungesagt gute Wünsche. Zudem wird deutlich: Es besteht eine Bindung, die auch über die Trennung hinaus bestehen bleibt – jedenfalls hoffen wir darauf. Und es gibt Gesten, die verdeutlichen, dass wir jemanden unter Gottes Schutz stellen: Die Hand auf dem Kopf, das Kreuz auf der Stirn…. In manchen Familien ist es üblich, dass diese Segensgesten auch bei alltäglichen Abschieden ein Zeichen dessen sind, dass wir den anderen Gott anbefehlen und sein Wohlergehen nicht selbst in der Hand haben.

Dann gibt es natürlich die Abschiedsfeste in ganz unterschiedlicher Form. Wirkliche Feste, offizielle Verabschiedungen – und eben auch Trauerfeiern und Beerdigungen. Wie gut, dass dabei diejenigen, die Abschied nehmen müssen, nur wenig selbst machen müssen. Freunde, Kollegen oder Pfarrer helfen und gestalten diese Feiern. Aus dem Schmerz über den endgültigen Verlust der gemeinsamen Zeiten und Erlebnisse kann auch durch solche Feiern langsam ein dankbares Zurückschauen werden und schließlich ein Akzeptieren der Trennung. 

Es gibt natürlich noch viele andere Abschiedsrituale – Briefe oder emails, Blumen und andere Geschenke als Ausdruck der Wertschätzung, das Winken mit dem Taschentuch, Fotografieren etc., dem anderen etwas von sich mitgeben. 

Spannend finde ich es, dass die Bibel voll von Abschiedsgeschichten ist. Das fängt bei Abraham an, der sich von seinem Neffen Lot trennen muss und diesen Abschied sehr bewusst gestaltet (1. Mose 13,1-13). Er weiß, dass es gut ist, die Dinge zu regeln, die zwischen zwei Menschen stehen, wenn es um einen Abschied geht. So ist er bereit, Unangenehmes anzusprechen und einen Verzicht hinzunehmen – damit sie nicht im Unfrieden auseinander gehen. Wie anders ist es da bei Jakob und Esau. Der eine betrügt den anderen und muss fliehen – es gibt keinen Abschied, und die Begegnungen nach vielen Jahren sind durch die alten Geschichten belastet (1. Mose 27 und 32/33). Eindrucksvoll wird gerade in den Vätergeschichten erzählt, wie die Patriarchen ihren Hausstand ordnen und ihre Kinder segnen, wenn sie merken, dass sie sterben müssen. Und in allen Evangelien finden wir Hinweise, dass Jesus seine Jünger darauf vorbereitet, gehen zu müssen. 

 

Jesus ist es, der uns eins der intensivsten Abschiedsrituale schenkt: Das Abendmahl. Seinen letzten Abend mit seinen Jüngern verbringt er mit einem Essen in Gemeinschaft. Er deutet dieses Essen dahin, dass er von nun an immer mitten unter ihnen sein wird, wenn sie im Gedenken an ihn ein solches Mahl feiern. Er nimmt seinen Schmerz über den Abschied und den der Jünger ernst. Sicher haben sie sich viel erzählt – und dann schafft er ein Ritual, das verbindet – auch über die Trennung und den Tod hinaus. 

Auch wir können im Abendmahl die Verbindung spüren – die Verbindung mit Jesus, aber auch die Verbindung mit den Menschen, die wir lieben und die nicht bei uns sind. 

Und noch ein zweites Abschiedsritual ist in der Bibel zu finden, das auch wir praktizieren: Es ist der Zuspruch des Segens Gottes. Denn jeder Abschied ist verbunden mit Angst. Mit der Angst, dass dem anderen etwas zustoßen könnte, mit der Angst, dass ich nicht weiter leben kann ohne den Anderen. Der Segen dient als eine Kraftquelle, um uns zu stärken. Und mehr noch – all das Gute des Lebens wird sozusagen gesteigert in Worte gefasst. Viele Segensworte und Segenshandlungen begegnen uns in der Bibel – vor allem dort, wo Menschen sich aufmachen, Abschied nehmen, ausbrechen aus Gewohntem und Neues wagen. Manche biblische Segensworte sind aufgegriffen und verändert worden, vor allem die irischen Segenssprüche sind bekannt. Mit dem folgenden wünsche ich allen Kraft und Mut, die dabei sind – freiwillig oder unfreiwillig – die Kunst des Abschiednehmens zu lernen: 

 

Der Herr sei vor dir, um dir den rechten Weg zu zeigen. 

Der Herr sei neben dir, um dich in die Arme zu schließen und dich zu schützen gegen Gefahren von links und rechts.

Der Herr sei hinter dir, um dich zu bewahren vor der Heimtücke böser Menschen.

Der Herr sei unter dir, um dich aufzufangen, wenn du fällst und dich aus der Schlinge zu ziehen. Der Herr sei in dir, um dich zu trösten, wenn du traurig bist.

Der Herr sei um dich her, um dich zu verteidigen, wenn andere über dich herfallen.

Der Herr sei über dir, um dich zu segnen. So segne dich der gütige Gott.