„Finsternis ist nicht finster bei dir“ - eine biblische Hoffnungsperspektive

In der Bibel kommt weder der Begriff Demenz noch der Name Alois Alzheimer vor, aber – wie so oft, wenn es um elementare menschliche Themen geht – bergen die Psalmen tiefe, heilsame Antworten auf unsere bangen Fragen. Eine Passage aus dem 139. Psalm beginnt vor dem Hintergrund der Nöte und Sehnsüchtevon Menschen mit Demenz und ihrer Angehörigen, ganz neu zu sprechen:

Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein -, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. (Psalm 139, 5-12)

Wenn das Gedächtnis schwindet und damit die Möglichkeit, sein eigenes Leben zu erinnern, wenn die eigene Identität verloren geht und die Umgebung plötzlich seltsam reagiert, wenn ich meiner selbst unsicher werde und einfachste Dinge wie die Zeit oder den Ort oder die Adresse nicht mehr angeben kann, wenn meine Sprache mich verlässt und die verbale Kommunikation weniger wird, dann müssen neue Wege des Austauschs gefunden werden. Gesten werden wichtig. In den Arm nehmen. Die Hand halten. Wärme und Nähe geben. Als Besucher, als Angehöriger strecke ich meine Hände aus berühre den anderen, um die Kluft zu überwinden, die die Krankheit zwischen uns geschlagen hat. Wenigstens das kann ich noch. Manchmal, wenn Berührungen von Demenzkranken zurückgewiesen werden, sind Hände zumindest im Hintergrund da - beschützend, sorgend.

Der Psalmbeter des 139. Psalms erzählt von der Hand Gottes. Er weiß: Von allen Seiten ist Gott um uns, hält seine Hand schützend über uns. Die Angehörigen eines demenzkranken Menschen brauchen Schutz und Unterstützung, damit ihr Lebensgebäude nicht völlig in sich zusammenfällt. Genauso der bzw. die Kranke. Aber was nützt einem Menschen, der dement, ohne Geist ist, diese Botschaft von Gott, könnte man fragen? Auch religiöse Überzeugungen, die Freude am Gottesdienst, kann zerbröckeln, vergessen werden. Doch auch dafür ist Raum bei Gott. Einem dementen Menschen kann es gehen wie dem Psalmbeter, der sagt, vielleicht klagt: Gott hält seine Hand über mich! Aber diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Keine schnelle Vertröstung. Rational begreifen ist aber nicht alles: Wenn der Intellekt geht, bleibt noch lange das Gefühl erhalten. Demente Menschen freuen sich an Musik, an Tanz, an Farben, mit denen sie selbst gestalten können. Hier können wir viel tun, um Kontakt zu halten. Einander an der Hand und im Arm halten beim Tanzcafé, ausgerichtet von der örtlichen Alzheimer-Gesellschaft – oder vielleicht auch mal von der Kirchengemeinde? Dem geliebten Ehemann Pinsel und Farbe reichen in der Maltherapie. All das ist wie das Erlernen einer neuen Sprache gelebter Gottesdienst. Das alles sind kleine Schritte, Schritte auf einem Weg, auf dem Familien zwischen Verzweiflung und neuer Hoffnung, zwischen Weinen und manchmal auch einem Lachen angesichts mancher komischer Situation hin und her gerissen werden.

Ständig ist dabei alles in Veränderung. Wie können wir mit einer Krankheit mithalten, die uns mit großen Schritten in die Verwirrung vorauszueilen scheint? Demente Menschen laufen oft weg, sie wissen selbst nicht wohin, oder sie suchen eine Heimat, ein Zuhause, das es nicht mehr gibt und in dem sie doch noch leben, in ihrer eigenen Welt. Oft verzweifeln Angehörige darüber, dass sie ihre geliebten Ehepartner oder Eltern in dieser Welt nicht mehr erreichen, manche Pflegeheime wenden Zwangsmaßnahmen an, wenn sich Demenzpatienten nicht kooperativ genug verhalten. Was schenkt uns in solchen Situationen Entlastung, was nimmt uns den Druck? Wo immer du dich hinverirrst, sagt der Psalmbeter des 139. Psalms, Gott ist schon dort, selbst bei den Toten. Er ist der, der auf uns wartet, uns dort birgt, wo uns sonst niemand mehr kennt. Wenn sich ein Kranker aus unserer gemeinsamen Wirklichkeit langsam verabschiedet, kränkt uns das.

Warum lässt er uns allein? Manchmal kommt sogar Wut und Aggression auf. Die Bibel malt uns aber ein Bild vor Augen, das uns - bei aller Belastung - auch durchatmen lassen kann: Ein demenzkranker Mensch stürzt nicht nur ab, vielleicht fliegt er ja auch, wie ein Vogel auf den Flügeln der Morgenröte, in die Ferne, unterwegs ins Licht, in eine andere Welt, weit fort zwar, aber nicht ins Nichts. Vielleicht fällt es uns leichter, ihn ziehen zu lassen, ohne Vorwürfe oder Selbstzweifel, wenn wir wissen, dass Gott ihn dort erwartet: „…so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“ Aber wenn ein Mensch sich selbst verliert, wenn wir einen Menschen, den wir geliebt haben, kaum mehr wieder erkennen, dann kann es trotzdem finster um uns werden. Bei allem positivem Denken bleibt eine Demenzerkrankung für viele Menschen eine furchtbare Herausforderung, an der sie zu zerbrechen drohen. Viele Betroffene, aber auch Angehörige erleben Momente, in denen sie am liebsten gar nicht mehr auf dieser Welt wären.

Licht im Dunkel „… Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein.“ Da helfen schnelle Vertröstungen wenig, das Dunkel bleibt real. Wir sollten es auch nicht wegerklären. Trotzdem gilt aber auch: So weit ein Mensch fliehen mag, sich entfernen mag im Verlust seiner selbst: “wohin soll ich fliehen?”

Gott ist da. Manchmal ist das Entfernen besonders aus der Sicht der Angehörigen so bedrängend, für den Betroffenen selbst gibt es Momente, in denen er sich in seiner Welt wohl fühlt: “nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer”. Für Viele von uns ist das heute ein schönes Bild, weit wegfahren, den Sonnenaufgang am Meer erleben!

Der Psalmbeter hilft uns als Angehörigen und als Gesellschaft, unseren gewohnten Blickwinkel auf die Krankheit der Demenz zu relativieren, zumindest in Momenten. Das kann uns entlasten. Trotzdem bleibt – besonders in klaren Momenten - für Demenzpatienten ganz bedrängend die “Finsternis” als eine reale Erfahrung. Der Verlust der eigenen Geschichte ist erschreckend. Wie ist das? Glaubt ein Demenzkranker noch an Gott? Begriffe gehen verloren. Seelsorger berichten dennoch, dass demente Menschen in Andachten mit vertrauten Liedern, beim Hören von Psalmen und Geschichten, die seit Kindertagen bekannt sind, über einen weit längeren Zeitraum als sonst ruhig und konzentriert dabei waren. Das Gefühl bleibt ansprechbar, auch wenn schließlich alle Worte verhallen. Die paradoxe Zusage: “Finsternis ist nicht finster bei dir, Finsternis ist wie das Licht” gilt für beide: Für die Angehörigen, denen der Schmerz über das “Davongleiten” eines geliebten Menschen zusetzt, aber auch für die Betroffenen, für die es trotz aller Dunkelheit auch Lichtblicke geben kann, wenn eine Erinnerung aufblitzt, wenn z.B. ein Enkelkind - auch wenn sie es nicht mehr erkennen - sich an sie drückt, wenn eine Hand sie liebevoll berührt. Mit Gott an unserer Seite können wir, auch wenn wir nicht oder noch nicht selbst Betroffene sind, die Dunkelheit anschauen, ihr gegenübertreten, ohne völlig in sie hineingezogen zu werden.

Es ist so paradox und überraschend wie die Botschaft von Ostern. Im Gebet, in der Gemeinschaft mit Menschen in unserer Gemeinde, im Gespräch mit einem Pfarrer, einer Pfarrerin, einem Hospizhelfer, in einer Angehörigengruppe oder beim Gottesdienst in der Kirche oder im Altenheim kann ich spüren: „Finsternis ist nicht finster bei dir und die Nacht leuchtet wie der Tag.“

Marc Blessing