Die Welt ist unser einziges Zuhause. Be tolerant!

Die Woche der Religionen

Ein gedeckter Tisch. Eine schlichte Bleibe. Vier Männer. Zwei haben schon Platz genommen. Ein dritter schenkt Tee ein. Der vierte lehnt lässig an der Tür. Es ist, als wären hier vier Freunde beisammen. Eine bunte Männer-WG. Doch die Kleidung der Leute überrascht. Der, der den Tee einschenkt ist offenbar ein hoher katholischer Würdenträger, ein Bischof. Die Soutane und das Kardinalsrot weisen darauf hin. Ein Bischof, der Tee einschenkt? Am Tisch haben ein jüdischer Rabbi und ein muslimischer Imam Platz genommen. Sie lassen sich gern bedienen – ohne dass es überheblich wirkt. Und der in der Tür lehnt, ist ein Buddhistischer Mönch, blickt fröhlich in die Runde. Das Bild provoziert, es stellt die gegenwärtigen Verhältnisse auf den Kopf. Oder sollte es gerade so sein? Wir erleben, dass hohe Würdenträger die Hierarchie festigen. Hier ist der oberste Hirte Diener der anderen. Wir erleben, dass Muslime und Juden und Christen und Buddhisten einander verfolgen, bedrohen, töten. Der jährlich erscheinende Weltverfolgungsindex weist über 100 Länder mit extremen Verfolgungsszenarien für religiöse Minderheiten aus. Hier sitzen sie in friedlicher Runde am Frühstückstisch. Wir erleben, wie Fundamentalismus und religiöser Fanatismus die Gewaltbereitschaft wachsen lassen.

Hier sehen wir aufgeklärte Religionsvertreter, die sowohl die Zeitung als auch die heiligen Schriften lesen. Wir erleben, wie religiöse Symbole zur Selbstbehauptung der Religionen missbraucht werden. Hier darf jeder sein Symbol behalten, das Kreuz ebenso wie den siebenarmigen Leuchter, das orange-rote Mönchsgewand ebenso wie die Gebetsmütze der Moslems, die sog. Takke. Das Bild weist den Weg: Die Religionsvertreter als Freunde. Mit einem gemeinsamen Zuhause. Die Welt als Religions-WG. Wo über Unterschiede diskutiert wird, wo man sich aber nicht die Köpfe einhaut. Wo Hab und Gut gemeinschaftlich geteilt werden. Wo die unterschiedlichen religiösen Überzeugungen nicht als Abwertung der anderen, sondern als Bereicherung meiner eigenen Praxis angesehen werden.Besonders originell finde ich hinten rechts an der Wand den „Haushaltsplan“. Dort wird berücksichtigt, wann wer welchen Feiertag einhält, wann wer putzt, den Abwasch macht, den Müll runterbringt, das Essen kocht, und so weiter. Dabei sind die Fastentage ebenso berücksichtigt wie die Feiertage. Könnte das nicht ein Modell sein für das Zusammenleben auf dieser Erde?

In diesem Jahr begeht die lutherische Gemeinde im Konzert mit den anderen Religionsgemeinschaften Genfs die Woche der Religionen mit einem ansprechenden und von der Plateforme interreligieuse vorbereiteten Programm. Vom 01.11. – 9. 11. laden wir zu Vorträgen und Konzerten, Portes ouvertes und gemeinsamem Essen ein. So wollen wir von einander lernen. Und nicht über einander, sondern mit einander ins Gespräch kommen. Wir müssen nicht so werden wie die anderen. Aber manchmal lerne ich meine eigene Tradition besser kennen, wenn ich darauf hin befragt werde: Warum machst Du dies so oder anders? Was feiert ihr an Weihnachten? Warum fastet ihr zum Ramadan? Wie kommt es, dass ihr den Sabbat haltet? Was bedeutet euch das Mönchtum? Und gibt’s das nicht auch bei uns? Welche Vorstellung habt ihr von Gott? Und wie geht ihr mit dem Gebot zum Frieden um? Es gibt so viel zu entdecken. Bei mir selbst – und bei den anderen. Die Welt ist unser einziges Zuhause. Gestalten wir sie heimatlich. Oder um es mit einem Wort der Bibel zu sagen: „Der Fremde, der sich bei euch aufhält, soll euch wie ein Einheimischer gelten und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid selbst Fremde in Ägypten gewesen. Ich bin der Herr, euer Gott“ (3 Mo 19, 34).

Marc Blessing