Weihnachten

Eine meiner Lieblingsstrophen aus dem Schatz der Weihnachtslieder stammt aus dem Choral „Fröhlich soll mein Herze

springen“ und geht so:

 

Die ihr schwebt in großem Leide, /

Sehet, hier, ist die Tür /

Zu der wahren Freude; /

Fasst ihn wohl, er wird euch führen /

An den Ort, da hinfort, /

Euch kein Kreuz wird rühren.

 

Weihnachten. Kein friedliches Fest.

Mitten hinein in die Leid geprüfte Welt

wird der Heiland geboren.

Was für ein altmodisches Wort: „Heiland“.Einer, der Heil schenkt, der heile macht, was kaputt, zerbrochen, getrennt war. Die ihr schwebt in großem Leide.

Ich sehe mich um.

Die Welt aus den Fugen.

Die große und die kleine Welt.

Es wird so viel gelitten.

Und so wenig geheilt.

Es wird so viel gestritten – und so wenig versöhnt.

Wie viele schweben in großem, unendlich schwerem Leid.

Und wo finde ich Hilfe, Heil und Heilung?

Ich bin die Tür. Sagt Christus.

Die Tür zum Unsichtbaren, Unverfügbaren und Bilderlosen öffnet sich in dem Moment, in dem Gott Mensch wird.

Gott zeigt sein menschenfreundliches Antlitz. Sehet, hier ist die Tür zu der wahren

Freude. Freude über Freude, wenn ein Kind geboren wird.

Freude über Freude, wenn das Leben sich Bahn bricht.

Freude über Freude, weil Christus die Tür

zum Himmel öffnet.

Fasst ihn wohl, er wird euch führen /

An den Ort, da hinfort /

Euch kein Kreuz wird rühren.

 

Die Vision eines neuen Himmels und einer neuen Erde: Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein.

Der Krebs wird besiegt, ein Medikament gegen Alzheimer wird

gefunden, niemand mehr, der sich aus Verzweiflung das Leben nehmen muss, weil es erträglich geworden ist, weil andere Menschen mich mittragen,

weil Gott in meinem Leiden an meiner Seite bleibt. Weil er mich ansieht mit den Augen der Liebe.

 

Weihnachten.

Gott sieht mich.

Und ich sehe Gott.

Im Kind, im Gesang, im Lichterglanz der

Kerzen, durch das Dunkel der Nacht höre ich die

Botschaft:

Fürchtet euch nicht!

Euch ist heute der Heiland geboren.

Auch wenn ich manchmal gar nicht weiß,

wo Gott ist, wie er ist, auch wenn er mir oft genug fremd bleibt, wenn die Gebete nicht erhört werden und ich verzweifeln will, dann will ich dennoch seiner Verheißung

trauen: Euch ist heute der Heiland geboren. 

Es gibt Heil – auch für mich.

Es gibt Heilung – für die vielen, die da schweben in großem Leide.

Und ich halte daran fest, ich fass ihn, Christus, wohl,

und lasse mich führen.

Ich bin die Tür – sagt Christus.

Und ich?

Ich trete ein.

Wie die Hirten in den Stall.

Wie wir als Kinder in die Weihnachtsstube.

Aufgeregt, gespannt, voller Vorfreude,

und ich gehe auf die Knie – wie die Hirten.

Lasse mich anrühren von dem menschgewordenen

Gott.

Lege ab, was mich bedrückt.

Da steh ich.

Ich sehe dich mit Freuden an

und kann mich nicht satt sehen,

und weil ich nun nicht weiter kann,

bleib ich anbetend stehen.

O dass mein Sinn ein Abgrund wär

und meine Seel ein weites Meer,

dass ich dich möchte fassen.

Ich wünsche allen Gemeindegliedern und

allen Leserinnen und Lesern des Gemeindebotens

ein gesegnetes und fröhliches

Weihnachtsfest.