Arabischer Frühling - ein Winter für Christen, Juden und Moslems?

Was ist aus dem arabischen Frühling geworden? Die Aufbruchbewegung, die von Tunesien über Ägypten, Libyen, Bahrain, den Jemen und Syrien im Namen der Demokratie eine ganze Weltregion in Aufruhr versetzte, ist deutlich abgekühlt. Um nicht zu sagen: Es ist Winter geworden. Nicht nur für die christlichen und jüdischen Minderheiten. Auch für die muslimische Mehrheit.In Syrien herrscht Bürgerkrieg mit einer inzwischen unübersehbaren Zahl von Toten und zehntausenden Flüchtlingen in den Nachbarstaaten. In Ägypten, Tunesien, Libyen und im Jemen sind die alten Machthaber zwar vertrieben worden, auch Neuwahlen hat es zum Teil gegeben, aber an vielen Stellen sind die alten (Militär-) Strukturen noch immer wirksam.

Der Wandel zur Demokratie ist mühsam. In Ägypten sind die Muslimbrüder mit Präsident Muhammed Mursi gewählt worden. Zugleich haben seit 2011 rund 100’000 Christen aus Angst vor Verfolgung das Land verlassen. In Tunesien ist die umstrittene islamistische Partei Ennahda offiziell Sieger der Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung geworden. In Libyen kontrollieren noch immer Milizen weite Teile des Landes, die nicht dem neu gewählten Allgemeinen Nationalkongress unterstehen.

Beobachter warnen dort vor einem neuerlichen Bürgerkrieg. Im Jemen ist der bisherige Präsident Salih zwar zurück getreten, aber die Verfassungsreform unter seinem Nachfolger Mansur kommt nicht voran. Die großen Hoffnungen auf Veränderung der politischen Strukturen hin zu mehr Demokratie, zu mehr Toleranz, zu mehr Freiheit und wirtschaftlichem Wohlstand sind größtenteils enttäuscht worden. Als im November 2011 in Kairo die koptischen Christen, immerhin die größte christliche Minderheit im Nahen Osten, ihren neuen Papst wählten, musste die Versammlung mit massiven Sicherheitsmaßnahmen geschützt werden. In Ägypten leben etwa acht Millionen Kopten. Sie machen ca. 10 Prozent der Bevölkerung aus. Immer wieder gibt es religiöse Unruhen zwischen Muslimen und Kopten, oft mit tödlichem Ausgang. Seit dem politischen Aufstand der Muslimbruderschaft;häufen sich Meldungen über die Vertreibung von Koptenaus ägyptischen Dörfern und Städten. Am Beispiel Ägyptens wollen wir in diesem Gemeindeboten zwei Jahre nach dem „arabischen Frühling“ die „Temperatur messen“. Stimmt es, wenn David R. Youssef von der Koptisch-Evangelischen Organisation für soziale Dienste in Ägypten vor einem „arabischen Winter“ warnt, weil religiöse Minderheiten zunehmend verfolgt und vertrieben werden? In einem Interview, das der Ökumenische Rat der Kirchen kürzlich veröffentlichte, sagte Youssef: „Christinnen und Christen befürchten, dass wenn die radikalen Ziele der politischen islamischen Gruppierungen umgesetzt werden, indem man zum Beispiel einen islamischen Staat gründet, es für Christen in diesem Staat keinen Platz geben wird.“ Es gibt aber auch andere Stimmen. Familie Hofmann-Dally aus der luth. Gemeinde Genf lebt seit Sommer 2011 in Kairo. Wir haben sie gefragt, wie sie ihren Alltag leben, welche Veränderungen sie wahrnehmen und welche Perspektiven sie sehen. Aus drei unterschiedlichen Blickwinkeln erzählen sie von ihrem Erleben des „arabischen Frühlings“, von ihren Einstellungen und Horizonterweiterungen. Nein, es ist nicht alles dramatisch, schlecht oder beklagenswert, wie manchmal in westlichen Medien vermittelt wird. Die Lage insgesamt ist im Wandel begriffen. Wandel bedeutet immer auch die In-Frage-Stellung des Bisherigen und das Wagnis des Neuen. In Frieden kann das Neue jedoch nur entstehen, wenn alle drei abrahamitischen Religionen sich in ihren Gemeinsamkeiten und Unterschieden wahrnehmen, ohne sich deshalb das Lebens und Glaubensrecht abzusprechen. Nur so wird der Segen Gottes wirksam, der Abraham und seinen Nachkommen, Juden, Christen und Moslems verheißen ist: Ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein. (1. Mose 12,2). Marc Blessing