…so bunt ist unser Glaube

…so bunt ist unser Glaube

Fröhliche Menschen, tanzend, singend, sie halten sich gegenseitig, eine offene Kirche, Musik, in der Mitte der Abendmahlstisch, Brot und Wein, das Kreuz, der Glaube an Jesus Christus bildet das Zentrum, dazu bewegte Linien, Gottes Geist durchzieht das Gemeindeleben, auch dunkle Bereiche sehe ich, Schweres, Sorge und Schmerz, dennoch: Gottes Licht schimmert durch, österliches, hoffnungsvolles Licht, in allem Bruchstückhaften, manchmal nur als Hoffnungsschimmer, und doch geglaubt. 

Das Bild, das den Titel dieses Gemeindeboten ziert, ist ein Bild der lutherischen Kirche Genf, wie Sie es noch nicht gesehen haben. Es wurde angefertigt von den Gemeindevorsteherinnen und -Vorstehern bei der jährlichen ‚Retraite’ in Annecy. Keiner wusste im Voraus, was dabei herauskommen würde. Aber als zu Ende gemalt war, sahen wir: So bunt ist unsere Gemeinde!

Die lutherische Kirche Genf ist jedenfalls nicht grau oder langweilig. Da ist Bewegung drin, Veränderung. Und viele sind beteiligt. Wie war das Jahr 2012? 

Zur Lutherdekade haben wir eine kleine Reihe zum Jahresthema 2012 „Reformation und Musik“ aufgelegt. Dazu gehörten die Aufführungen einer Motette und einer Kantate im Rahmen besonderer Gottesdienste, ein Orgelgesprächskonzert, sowie eine Reihe kleinerer musikalischer Beiträge zu besonderen Anlässen. Immer engagiert: der kleine Projektchor, der sich regelmäßig zu den größeren Werken sowohl qualitativ als auch zahlenmäßig steigert, alles unter der souveränen Leitung von Regine Kummer. Schön war in diesem Jahr auch das Kurrende-Singen, zu dem jeweils zwischen 15 und 20 Sängerinnen und Sänger kamen. 

Ein großes und überraschendes Plus hat im vergangenen Jahr die Zahl der Teamerinnen und Teamer erfahren. Halfen anfangs nur Elise und Anne in der Jugendarbeit mit, so ist die Zahl der Teamer inzwischen auf 20 angewachsen. Besonders begehrt waren die personalisierten Kapuzenshirts mit dem Logo der evangelischen Jugend der Evangelisch-Lutherischen Kirche Genf, die nun alle Teamer in unserer Kirche bekommen - und mit Stolz tragen. In diesem Jahr können wir vier Jugendliche zum Jugendleitergrundkurs nach Hallig Hooge schicken. Außerdem freut es mich, dass auch die Zahl der KonfirmandInnen auf 27 angewachsen ist. 

Traurig war, dass wir im vergangenen Jahr von 7 langjährigen Gemeindegliedern und „Säulen“ der Gemeinde Abschied nehmen mussten. Menschen, die zum Teil vierzig oder fünfzig Jahre und mehr die Gemeinde getragen, unterstützt, bereichert haben. Sie fehlen uns mit ihrer Weisheit und ihrem Langzeitwissen. Andererseits spüren wir nun auch: Die Jüngeren sind verstärkt „dran“, Verantwortung für die Gemeinde zu übernehmen. 

Wir sind dankbar, dass wir im vergangenen Jahr 12 Kinder und Jugendliche taufen durften. Erfreulicherweise kommen auch immer wieder neue junge Familien zur Gemeinde hinzu. Die Minikirche ist ein erstes Angebot für Familien mit kleinen Kindern, das einmal im Monat von ca. 15 Kindern und 10 Erwachsenen wahrgenommen wird. Werden die Kinder größer, können sie am Religionsunterricht oder am Kindergottesdienst teilnehmen. Auch eine kleine Vorkonfirmandengruppe hat sich gebildet, die immer mit den „großen“ Konfirmandinnen und Konfirmanden beginnt, und dann zum eigenen Unterricht unters Dach geht. So versuchen wir, Kinder und Jugendliche in allen Altersstufen zu begleiten und ihnen die Kirche als Begegnungsort mit Gott und mit ihren Freundinnen und Freunden aufzuschließen. 

Besonders schön war in diesem Zusammenhang auch der Gemeindeausflug nach Passy in die Nähe des Mont Blanc. Ältere und jüngere, Familien mit ihren Kindern, Alleinstehende, es war ein buntes und fröhliches Völkchen. Zunächst besichtigten wir die von Chagall und anderen modernen Künstlern gestaltete Kapelle, anschließend gab es ein wunderbares Mittagessen mit Blick auf den Mt. Blanc, und der Höhepunkt war ein Bad im eisigen Bergsee. 

In der Seelsorge erlebe ich eine Vielzahl von Gesprächen und Austauschmöglichkeiten beispielsweise beim Kirchenkaffee nach dem Gottesdienst oder bei den Gruppen und Kreisen, die mehr eine Seelsorge bei Gelegenheit darstellen. Andererseits bin ich dankbar, wenn ich erfahre, dass jemand im Krankenhaus oder Altenheim ist und den Besuch des Pfarrers wünscht. Im vergangenen Jahr habe ich an mehreren Stellen Krankenabendmahl gefeiert und dies – neben der Begleitung durch Gespräch und Gebet – als sehr tröstliches und stärkendes Element der Seelsorge empfunden. Auch Jugendliche fragen mich, ob ich für ein Gespräch Zeit habe. Das Vertrauen, das mir da entgegengebracht wird, überrascht mich immer wieder aufs Neue. Manchmal reicht ein offenes Ohr. Überhaupt habe ich das Gefühl, dass es gut ist als Gemeinde oder als Seelsorger, einfach „da“ zu sein, zu zuhören, ein Stück Weg mit einander zu gehen – auch wenn man nicht gleich einen Ausweg, eine Lösung oder dergleichen findet. Hilfreich ist es schon, am Ende eines Gesprächs die Situation vor Gott zu bringen. Wunderbar finde ich, dass ich als Seelsorger nicht alleine bin. Neben dem Besuchsdienstkreis gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die anderen Menschen in Not oder Trauer beistehen. Wird in unserer Gemeinde jemand krank oder liegt im Sterben, so sind sofort Menschen da, die begleiten, besuchen, Hilfe anbieten. Das entlastet mich und schafft zugleich ein Netz, das Menschen zu tragen vermag. Wir spüren hier in der Auslandssituation, wie sehr wir alle auf einander angewiesen sind. 

In der Verkündigung sind besonders die Vielzahl der unterschiedlichen Gottesdienste zu nennen: Einmal im Monat gestalten die Konfirmandinnen und Konfirmanden den Gottesdienst mit, immer wieder beeindruckt mich, wie souverän die jungen Leute schon auftreten; es gab wunderbare musikalische Gottesdienste, besonders fröhlich sind die gemeinsamen Feiern mit der Englischsprachigen Gemeinde zur ‚Fête de la Musique’ oder in der Osternacht, dazu eher ruhige und besinnliche Andachten wie zu Gründonnerstag oder Karfreitag, zwei bis dreimal im Jahr feiern wir in der Form der Thomasmesse, legendär auch der Erntedankgottesdienst im Château de Bossey für die ganze Familie oder, wie wohl in jeder Gemeinde, von besonderem Glanz die Heiligabendgottesdienste. Dazu kommen Schulgottesdienste an der Deutschen Schule, der Sankt-Martins-Umzug, der ein großer Straßen-Kindergottesdienst ist, oder auch mal kleine Formen wie die lutherische Vesper an einem Sonntagabend. Nicht zu vergessen sind die ökumenischen Gottesdienste zur Gebetswoche für die Einheit der Christen oder zum Weltgebetstag der Frauen. 

Immer wieder greifen wir aktuelle gesellschaftliche oder theologische Fragen im Rahmen eines Gemeindeabends auf. So haben wir uns mit der Alzheimer-Krankheit an zwei Abenden beschäftigt, thematisierten den Streit ums Abendmahl zusammen mit den ökumenischen Schwesterkirchen, diskutierten über die Chancen und Grenzen des interreligiösen Dialogs im Rahmen der interreligiösen Woche und hörten bei einer Autorenlesung vom jüdischen Leben in Genf. Auch Spaß muss sein: Aus Anlass der Fußball-Europameisterschaft boten wir im Sommer wieder die Vorrunden-Spiele der deutschen Nationalmannschaft auf Großbildleinwand an, die gut angenommen wurden. Drum herum gab es Bratwurst und Bier.  

Auch ein Highlight war der Dankeschön-Abend für die rund 120 Ehrenamtlichen, der unter dem Motto stand: „11(1) Freunde sollt ihr sein“. Ist es nicht großartig, dass so viele Menschen in dieser Gemeinde an irgendeiner Stelle aktiv sind? Für den einen ist Kirche das Mitmachen beim Kranzbinden für den Adventsmarkt, ein anderer engagiert sich im Büchermarkt, andere kochen Kaffee, spendieren Kuchen oder bringen sich in den Gruppen und Kreisen mit ihren Fragen ein, wieder für andere ist es der Gottesdienst am Sonntagmorgen, der ihnen das Gefühl gibt: dies ist meine Gemeinde, meine Kirche – hier halte ich Zwiesprache mit Gott, hier begegne ich anderen Menschen, hier setzen wir uns gemeinsam für die Veränderung der Welt im Großen und im Kleinen ein. So bunt ist unser Glaube! 

Dass Menschen hier in Genf immer wieder neu anfangen, sich einwurzeln, gehört genauso zu unserem Gemeinde-Alltag wie die traurige Rückseite, dass wir auch immer wieder Menschen verabschieden müssen. Zum 1. Januar hat unsere (Teilzeit- und Überstunden-) Pfarrerin Lore Rahe die Gemeinde verlassen und ist mit ihrem Mann nach Bern gezogen. Dort wird sie zum 1. März eine neue Stelle als Pfarrerin antreten. Gottes Geleit, liebe Lore, für Dich und Olivier in Euren neuen Aufgaben! Wir sind froh, dass die Stelle nicht vakant blieb, sondern Roger Schmidt die Aufgaben von Lore übernommen hat. Roger kommt aus der Jugendabteilung des Lutherischen Weltbundes – wer könnte besser die Aufgaben für Kinder und Jugendliche in unserer Gemeinde übernehmen? Wir heißen Dich, lieber Roger, zusammen mit Deiner Familie, herzlich willkommen. 

Ihr Marc Blessing