Der jüdische Philosoph und Schriftsteller Hans Jonas hat in seinem kleinen Bändchen „der Gottesbegriff nach Auschwitz“ einmal notiert, nach den Erfahrungen des Holocausts könne Gott nicht mehr als gütig, gerecht und allmächtig betrachtet werden. 

Entweder sei er allmächtig, dann wäre aber mit seiner Güte unvereinbar, dass er nicht in Auschwitz eingegriffen habe. Oder er sei gütig, dann wäre er bei den Opfern gewesen, ohne eingreifen zu können. Diese Vorstellung aber lasse an seiner Allmacht zweifeln. Oder er sei gütig und allmächtig, dann aber sei es ungerecht, das Leiden so vieler Menschen zugelassen zu haben. 

Jonas kommt am Ende seiner Überlegungen zu dem Schluss, nach Auschwitz müsse man die Vorstellung von der Allmacht Gottes aufgeben. Gott könne angesichts unfassbaren, unerträglichen Leidens, sofern er noch als gütiger und gerechter Gott geglaubt und verehrt werden wolle, nur als ohnmächtiger Gott angesehen werden. 

Und tatsächlich: Wenn nicht überhaupt die Rede von Gott angesichts nicht hinnehmbarer Erfahrungen aufgegeben werden soll, dann muss neu über den Gottesbegriff diskutiert und unsere Vorstellung von Gott überprüft werden. 

Wie also sollen wir uns Gott vorstellen? 

Nicht wenigen Menschen ist ihr Gottesbild aus Kindheitstagen „abhanden“ gekommen. Der „liebe“ Gott, der „Vater im Himmel“, der „gute“ Gott, der „Gerechte“ - all diese Gottesbezeichnungen und die mit ihnen transportierten Gefühle sind im Laufe des Erwachsenwerdens unsicher geworden. Manche Menschen haben überhaupt aufgehört, an Gott zu glauben, weil sie die kindlichen Vorstellungen von Gott nicht mit den schweren Erfahrungen des Alltags in Einklang bringen konnten. Warum sterben Menschen durch Umweltkatastrophen, während andere ein glückliches Leben führen. Warum werden die einen in gesunde, stabile Verhältnisse geboren, während andere von Anfang an mit Armut, Gewalt oder Krieg konfrontiert sind. Warum führen die einen eine glückliche Ehe, und bei anderen zerbricht die Familie? Das ist doch ungerecht! Und da soll es einen gütigen Gott geben? Einen gerechten? Gar einen allmächtigen? 

Der katholische Theologe und Religions–pädagoge Andreas Benk stellt - als ein Vertreter der sog. „negativen Theologie“ - die menschliche Rede von Gott überhaupt in Frage. In seinem Buch, das den Anstoß für diesen Gemeindeboten gegeben hat, schreibt er: Wie ein Tisch weder glücklich noch unglücklich sein kann, sondern die Rede von einem glücklichen Tisch sofort von jedem als unangemessen empfunden wird, so muss auch die menschliche Rede vom „guten“ oder „gerechten“ Gott als der prinzipiellen Andersartigkeit Gottes unangemessen angesehen werden. 

Wenn man also nichts von Gott sagen kann, soll man dann besser von Gott schweigen? 

Andreas Benk wirbt darum, dass in allen Bereichen des kirchlichen Lebens, in Unterricht, Verkündigung und Seelsorge insgesamt bescheidener von Gott gesprochen wird. Dass die Pfarrerinnen und Pfarrer nicht immer schon wissen, wie Gott ist. Sondern dass sie offen zugeben, dass all ihr Reden von Gott immer ein Tasten, ein Wagen, ein vorsichtiger Versuch ist, ja gar nicht mehr sein kann, als das von Gott Erfahrene, Verstandene nach zu buchstabieren, immer in dem Wissen, dass das Gesagte mehr falsch als richtig, mehr unangemessen als angemessen sein kann. Denn nur so öffnet sich ein Raum, in dem die Begegnung mit dem Unaussprechlichen, dem Unnennbaren, dem „ganz Anderen“ wirklich stattfinden kann. 

Dies ist zugleich eine ur-biblische Erfahrung. Als Mose auf den Berg steigt, um die zehn Gebote zu empfangen, bittet er darum, Gott sehen zu dürfen. Gott verwehrt dies mit dem Hinweis, jeder, der Gott sehe, müsse sterben. Und so erlaubt Gott dem Mose nur, ihn von hinten, im Vorüber-Eilen zu erheischen. Noch deutlicher wird es in der Elia-Geschichte, wo Elia zunächst meint, Gott sei im Erdbeben, er sei im Sturm, er sei im Gewitter. Um am Ende zu erfahren, Gott sei in nichts dergleichen, sondern in einem verwehenden Hauch. Also erneut in etwas Unbegreifbaren. 

Und in der christlichen Tradition werden in der Karwoche alle „Bilder“ von Gott entweder zugehängt oder ganz vom Altar entfernt. Im „Bilderfasten“ soll alles, was wir von Gott zu wissen meinen, abgelegt werden. Und an die Stelle rückt zunächst - nichts! Die im wahrsten Sinne des Wortes „Leer“-Stelle muss leer bleiben. Kein Gottesbild trägt angesichts des Grauens von Golgatha, von Auschwitz, von Hiroshima. 

Und an Karfreitag selbst sehen wir nichts anderes als das Bildnis des Gekreuzigten. Ein Gegenbild gegen alle Gottesbilder. Den Griechen ein Graus und den Heiden eine Torheit. Das Kreuz durchkreuzt unsere Bilder vom guten, gerechten, lieben Gott. In den Schrei „mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ schreie ich meine eigene Gottessehnsucht und Gottesverzweiflung. Wo warst Du, Gott, in Auschwitz, in Hiroshima, auf - Golgatha? Und wo bist Du bei mir? In meinen durchweinten Nächten und meinen bitteren Tagen?

Das Kreuz ist für mich der wahre Begegnungsort mit Gott. Wenn überhaupt, dann zeigt sich die Wahrheit des christlichen Gottes dort, in der radikalen Ohnmacht, im Mitleiden mit der geschundenen Kreatur, im Auf-sich-Nehmen der Schuld, im Aushalten der Schmerzen, im Schrei der Verzweiflung. Denn, und das ist mein ganzer Glaube, nirgend anderswo als dort hat die Wahrheit Gottes eine Chance, den Menschen zu erreichen in seiner ganzen Tiefe. Und wer weiß, wenn wir mit einander so aushalten wie Jesus aushält mit den Verbrechern am Kreuz, wenn wir einander zu Christen werden wie Christus mit seinen Jüngern am Tag vor seinem Tod, wenn wir einander trösten und beistehen und der Ungerechtigkeit, der schreienden Ungerechtigkeit nicht das letzte Wort erlauben, sondern widersprechen, aufstehen, protestieren, dann mag eine neue, eine österliche Vorstellung von Gott in uns auferstehen, zaghaft vielleicht, unsicher anfangs, aber wenn Gott will, immer glaubwürdiger, immer zuversichtlicher. So setzt sich aus den Splittern der zerborstenen Gottesbilder ein Mosaik neu zusammen, das nicht mehr den Anspruch erhebt, das ganze Bild Gottes zu sein, das aber gerade durch und in seiner Fragmentierung besonders geeignet ist, die Wahrheit Gottes in ihrem Facettenreichtum aufscheinen zu lassen. 

Dieser Gemeindebote will Sie dazu anregen, über ihr Gottesbild (neu) nachzudenken. Wie hat es sich im Laufe der Jahre verändert? Wie sah Gott in Ihrer Vorstellung als Kind aus? Wie stellen Sie ihn sich heute vor? Und welche Vorstellung von Gott empfinden Sie heute als tragfähig? Wir freuen uns über kritische und anregende Rückmeldungen. 

 

Ihr Marc Blessing