Kunst & Kirche

Von außen: eine schmucklose Stadtvilla.
Von außen: kein herrlicher Prachtbau.
Von außen: Das soll eine Kirche sein?

Es fehlen: ein Glockenturm.
Das Langhaus.
Ein Chorraum.

Nicht einmal ein Kreuz findet sich.
Alle Insignien des Christlichen fehlen.

Die lutherische Kirche Genf am Place du Bourg-de-Four erschließt sich mindestens als Kirche nicht von außen. Man muss eintreten, um die Schönheit und die besondere Art ihres „Kirche-Seins“ zu entdecken.

So ist es oft mit Kirchen und mit der Kirche überhaupt. Von außen für viele nicht attraktiv. Von außen oft schmucklos, manchmal nicht einmal besonders einladend. Von außen eher grau und langweilig. Deshalb: Immer herein! Wer nicht in der Halbdistanz stecken bleibt, sondern neugierig und mutig genug ist, einzutreten, hinein zu gehen, der entdeckt in der Regel Räume von ausgesprochener Ästhetik, Licht durchflutet, farbig, zentriert auf das Wesentliche, in ihrer Anordnung und Ausrichtung Stein gewordene Verkündigung. Kunst! Selbst ohne die feiernde Gemeinde strahlen Kirchen von innen häufig eine Würde, eine „Heiligkeit“, eine Gottespräsenz aus, die Menschen unmittelbar in ihren Bann zieht. Wie ist es sonst zu erklären, dass unter der Woche immer wieder Menschen in die geöffnete Kirche kommen, um für einen Moment Ruhe und Stille zu suchen, Zwiesprache mit Gott zu halten oder einfach nur „da“ zu sein. Das ausliegende Gästebuch dokumentiert den Besuch von Menschen aus allen Ländern, Kulturen und Religionen.

Was also ist hinter der grauen Fassade der lutherischen Kirche Genf zu finden? Wer durch das wunderschöne schmiedeeiserne Gartenportal hindurchgeht und den Vor-Raum der Kirche betritt, wird von einem bunten hintergrundbeleuchteten Glasfenster empfangen. Es ist ein „Fenster“ im wahrsten Sinne des Wortes. Es öffnet den Blick nach vorne, lenkt hinaus in die Weite, lässt durch-blicken, was noch nicht ist, aber werden kann: helles Licht durchbricht das Dunkel. Österliches Licht, das den Tod besiegt.
Der Totenkopf am unteren Bildrand blickt starr. Kommen wir von dort? Aus einem Leben, das gefangen ist? Das sich manchmal eingeengt, begrenzt, wie abgestorben anfühlt?

Der Blick wandert nach oben, folgt den Linien, die die Richtung aus dem Dunkel weisen. Du stellst meine Füße auf weiten Raum, heißt es in Psalm 31. Und dieser Raum öffnet sich. Ein Ort zum Aufatmen. Ein Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren. Dort, am Kreuzpunkt zwischen oben und unten, zwischen Tod und Leben, da ist Gott. In Jesus Christus, im Kreuz, ist er da. Verborgen unter dem Leiden, eingeboren in die Zerbrechlichkeit des Lebens. Meines Lebens. Wenn ich da hinein gehe, werde ich da beachtet und gefunden werden?

Ich trete ein. In der Mitte ein runder Tisch. Eine Bibel darauf. Punkt. Darüber ragt die Kanzel. Um den Tisch stehen die Stühle. Kreisrund angeordnet. Ich „lese“ die Botschaft. Hier ist eine Gemeinschaft von Menschen, die einander in die Augen sehen wollen. Die einander auf Augenhöhe begegnen wollen. Die Unterscheidung von Priestern und Laien ist aufgehoben. Hier versammelt sich eine Gemeinschaft von Menschen, die vor Gott keine Unterschiede macht.
Von außen: grau.
Von außen: wenig einladend.
Von außen: als Kirche nicht zu erkennen.
Von innen: bunt, hell, licht.
Von innen: gemeinschaftlich, freundlich, offen.
Von innen: eine Kirche, die mich anspricht.

Die Kirche: ein Kunstwerk. Eine Verheißung auf das, was noch nicht ist aber werden kann. Wenn ich mich einlasse. Wenn ich eintrete und mich finden lasse von diesem Gott. Und in seiner Gemeinde. Denn die wahren Kunstwerke in der Kirche sind nicht die Steine und nicht die Fenster, sind nicht die Farben und nicht die Formen, es sind die Menschen, die den Verheißungen der Kunst Leben und ein Gesicht geben.

So ist die lutherische Kirche Genf – wie die Kirche Jesu Christi überhaupt – ein Haus aus lebendigen Steinen. Auch ein Haus – ja! Auch aus Steinen – ja! Aber lebendig wird sie erst durch Menschen, die mit einander auf dem Weg sind. Vom Dunkel ins Helle. Vom Tod ins Leben. Menschen, die den Traum von Ostern zu leben wagen.

„...und lehre mich die Osterkunst.“