Das Miteinander der Generationen: Brückenbauer werden!

Ich erinnere mich noch gut an meinen Großvater. Er war Bauer. Als ich sechs Jahre alt war, durfte ich mit ihm aufs Feld und Heu machen. Er saß vorne auf seinem alten Massey-Fergusson– ich durfte hinten die Heuballen auf den Anhänger hieven. Ich verdiente meine ersten 5 Mark. Nach getaner Arbeit machten wir Pause, mitten auf dem Feld. Es war drückend heiß. Er bot mir Wasser und Hefezopf an. Und dann erzählte er. Wie man die Feuersäule bis nach Wiernsheim sehen konnte, als Pforzheim von den Engländern in Schutt und Asche gelegt wurde. Wie sie französische Deserteure im Stall versteckt hatten – und sie nicht verrieten, als die Gestapo kam. Wie er selbst um sein Leben rennen musste, als die englischen Tiefflieger ihn und seinen Bruder aufs Korn nahmen. Er hatte riesige Hände. Und bevor wir aßen, faltete er diese Hände sanft und sprach ein Gebet. Eines hat er mir mitgegeben: seine abgrundtiefe Verachtung für den Krieg.

Später habe ich den Militärdienst verweigert und zwei Jahre in einem Altenpflegeheim als Zivildienstleistender ältere Menschen gepflegt. Anfangs war das schwer. Ich kam von der Schule, hatte gerade Abitur gemacht. Und musste jetzt Menschen waschen - überall, Windeln wechseln, peinlich war mir das. Aber im Laufe der Zeit habe ich die älteren Menschen lieben gelernt. Als ich ging, waren sie mir zu Vertrauten geworden. Ich habe gelernt, dass viele ältere Menschen, auch wenn sie körperlich vielleicht eingeschränkt sind, nichts von ihrem jugendlichen Charme verloren haben müssen. 

Dieser Gemeindebote trägt den Titel: Vom Miteinander der Generationen. Er erzählt, wie ältere und jüngere Menschen voneinander lernen und miteinander wachsen können.

Gerade eine christliche Gemeinde ist ein guter Lernort für das Miteinander der Generationen. 

In der amerikanischen Soziologie werden für die letzten vier Generationen folgende vier Begriffe gebraucht: builders – boomers – busters – bridgers. 

 

Die Builders war die Generation des Aufbaus nach dem Krieg. Sie haben einen oder beide Weltkriege erlebt. Den Zusammenbruch und den Wiederaufbau. Das Wirtschaftswunder mit gestaltet und das Land aus den Trümmern zu einem gewissen Wohlstand geführt. 

 

Mitte der 60-ger Jahre bis in die siebziger Jahre hinein kam die Boomer-Generation, der Begriff leitet sich vom Baby-boom ab. Diese Generation erlebte die Einführung des Fernsehers, die Mondlandung, das Frauenwahlrecht und den Kalten Krieg. 

 

Die Buster-Generation ist bedeutend kleiner: Die Pille hat Einzug in die Familienplanung gehalten und die Frage, ob man Kinder möchte oder nicht, wird zu einer Frage der Selbstbestimmung. Der Zuzug in die Städte nimmt zu. Viele Kinder dieser Generation wachsen in ein-Eltern-Haushalten auf. Institutionen wie die Ehe erscheinen ihnen eher zweifelhaft – oft haben sie ein funktionierendes Familienleben nicht mehr erlebt. Die Mauer fällt. Terrorszenarien erschüttern das globale Dorf. Es ist auch die Generation des Internet. 

 

Schließlich die Bridgers – Brückenbauer. Das ist die junge Generation, die sich auf facebook tummelt und auf diese Weise einen neuen Zusammenhalt bis hin zu politischen Aktionen schafft. Es entstehen Mehrgenerationenhäuser. Man entdeckt die verloren geglaubte Großfamilie wieder – allerdings sucht man sie sich heute selber aus. Die „jungen Alten“ stürmen die Unis. Und mit ziemlich schwachen Mitteln wie der Einführung des Elterngeldes versucht man, das Altern der Gesellschaft zu korrigieren. Ohne Erfolg. Pro Frau werden im Schnitt nur noch 1,25 Kinder geboren. Jedenfalls bei uns. 

Deshalb ist das Miteinander der Generationen heute das Signum einer zukunftsfähigen und solidarischen Gesellschaft. Inzwischen gibt es spannende Projekte: Junge Leute helfen Senioren mit dem Internet und dem Computer. Ältere Frauen gestalten Vorlesenachmittage in Kindergärten. Es gibt schon Leih-Omas, die ehrenamtlich in überforderten Familien aushelfen. Und es gibt im Ruhestand befindliche Manager, die jungen start-up-Unternehmern ehrenamtlich helfen, ihr Unternehmen auf Kurs zu bringen. 

 

In der Bibel heißt es: „Unsere Väter haben saure Trauben gegessen – und uns sind davon die Zähne stumpf geworden“ (Prophet Hesekiel). Jede Generation fußt auf den Schwächen und Stärken der vorderen Generation und muss sich mit ihr (kritisch) auseinandersetzen. Das haben die 68-ger in Deutschland besonders bewusst wahrgenommen, als sie ihre Väter und Großväter nach ihrer Verantwortung für die Gräuel des Nationalsozialismus befragt haben. In anderen Gesellschaften wie in Südafrika wurde die „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ dafür gegründet, um die Wunden einer ganzen Generation aufzuarbeiten und zu „heilen“. Auch wenn dies nicht oder nur zum Teil gelungen ist, der Versuch war aller Ehren wert. 

Und wir? Insbesondere wir als Christinnen und Christen? „Ehre das Alter“ – heißt es als Mahnung bei Jesus Sirach. „Du sollst Vater und Mutter ehren“ heißt es in den zehn Geboten. Und zugleich hat Jesus die Kinder in die Mitte gestellt und gesagt: „Seht zu, dass ihr auch nicht einem von diesen kleinen Menschen schadet.“ Jede Generation hat ihre eigenen Herausforderungen zu meistern. Unsere Gesellschaft, in der es immer mehr ältere und immer weniger jüngere Menschen gibt, ist besonders darauf angewiesen, Brückenbauer zu finden. 

Ein schönes Beispiel stellen wir in diesem Gemeindeboten vor: Victoria Rötger besucht seit über einem Jahr Frau Grabs, die im Rollstuhl sitzt. Frau Grabs, die wegen einer multiple sklerose-Erkrankung kaum noch einen Finger bewegen kann, schreibt ein Buch. Victoria hilft ihr dabei. Das ist ein tolles Beispiel. Auch von mir persönlich kann ich erzählen: Unsere Familie erfährt seit Monaten, wie ältere Frauen aus der Gemeinde uns zu Hause, bei den Gängen zum Arzt, beim Spielen mit Michal Dorothee oder bei den Hausaufgaben mit den Großen unterstützen. Ehrenamtlich. Eine Frau aus der Jungen Gemeinde, die an Epilepsie erkrankt ist, hat, wenn ihr Mann auf Dienstreise ist, eine ältere Frau aus der Gemeinde, die bei ihr übernachtet. So gibt es auch in der lutherischen Gemeinde Genf viele Freiwillige, ältere und jüngere, die füreinander da sein wollen und einander helfen und stärken. Ein schöneres Beispiel für das Miteinander der Generationen kann ich mir nicht vorstellen. 

Schließlich: Vom 13. – 14. September gibt es ein schönes Seminar, wo wir das Miteinander der Generationen lernen wollen. In Workshops, beim gemeinsamen Essen und beim Feiern im Gottesdienst. Machen Sie mit! Information und Anmeldung siehe Seite 8.

Wer weiß, vielleicht werden auch Sie ein Brückenbauer! 

Ihr Marc Blessing