Reformation und Toleranz

von Margot Kässmann 

 

Toleranz und Reformation – die Verbindung dieser drei Worte scheint so gewagt, dass sie zögern lässt. Mit der Reformationsgeschichte setzt auch eine Geschichte massiver konfessioneller Rivalität und der Intoleranz gegenüber Andersgläubigen ein. Mit Blick auf die lebensvernichtenden, menschenverachtenden Erfahrungen der Intoleranz gerade des 20. Jahrhunderts wurde deutlich: Durch Intoleranz wurde der Glaube verdunkelt. Das Evangelium wird nicht „recht gepredigt“, wie es das Augsburger Bekenntnis fordert, wann immer Nächstenliebe auf der Strecke bleibt, zum Krieg gerufen wird statt zum Frieden, das Schutzgebot gegenüber Fremden missachtet wird. Anlässlich des Reformationsjubiläums gilt es zu fragen, was „Christum treibet“, wenn wir nach Wegen suchen, den eigenen Glauben zu bekennen  und gleichzeitig Menschen zu respektieren, die einen anderen Glauben haben oder ohne Glauben leben. 

 

Gewiss, für mich ist die Aussage Jesu „Ich bin das Licht der Welt“ die entscheidende Wegweisung. Aber das bedeutet nicht, dass ich nicht respektieren kann, dass für einen anderen Menschen Mohammed Gottes Prophet ist. Das erschüttert meinen Glauben an Jesus Christus nicht. Eine Glaubenshaltung, die anderen Glauben nicht erträgt – und „tolerare“ meint schließlich auch „ertragen“ – ist eher schwach, weil sie Angst davor hat, was eine Anfrage gar an eigenem Zweifel auslösen könnte. Wer andere bedroht, mit Worten, Gewalt und Waffen, kann nicht toleriert werden. Einem Dialog ist dann jede Grundlage entzogen. 

 

Drei Beispiele, die mich beim Nachdenken angeregt haben: 

 

Wer die nordamerikanische Geschichte anschaut, sieht, dass die Frage der religiösen Toleranz sie durchzieht. Schon Anfang des 17. Jahrhunderts propagierte Roger Williams (1603- 1683), ein evangelischer Theologe, aufgrund seiner Erfahrungen der Religionskriege in Europa Religionsfreiheit und eine Trennung von Staat und Kirche. Er gründete die Kolonie Rhode Island als Zuflucht für religiöse Minderheiten – den Puritanern war die Insel ein Dorn im Auge. Williams aber studierte indianische Sprachen und trat für faire Beziehungen zu den Ureinwohnern ein. Er ist mir ein frühes Vorbild für konstruktiven Dialog. 

Bei einem Essen, zu dem ich am Schabbat in den USA bei orthodoxen Juden eingeladen war, sagte mir der anwesende Rabbiner: „Warum sollte ich mich für euren Glauben interessieren? Sie können gern glauben, dass Jesus Gottes Sohn war, aber für mich ist er auf keinen Fall der Messias, und mir liegt auch nicht an einem Dialog darüber, welche Ziele sollte das denn haben?“ Mich ließ das eher bedrückt zurück – ist nicht der Dialog der Religionen ein gewichtiger Beitrag zur Verständigung der Völker, zum Frieden in der Welt?

In den 25 Jahren, in denen ich in Gremien der ökumenischen Bewegung aktiv war, habe ich erlebt, dass ich immer bewusster lutherisch wurde, je näher ich andere Konfessionen kennen lernte. Die Erfahrung des Anderen hat mir das Bewusstsein für das Eigene gestärkt. Dabei respektiere ich, dass ein russisch-orthodoxer Gläubiger oder eine römisch-katholische Katholikin ihr Christsein anders praktizieren, andere Zugänge zur gemeinsamen Religion haben. 

 

„Versöhnte Verschiedenheit“ – ein Begriff, der für die lutherischen Kirchen im ökumenischen Gespräch das Ziel von Einheit umschreibt, könnte passend sein auch für die Suche nach einer theologischen Konzeption von religiöser Toleranz: Das Eigene lieben und leben, das Verschiedene respektieren und beides so miteinander versöhnen, dass gemeinsames Leben möglich ist. Ein so definierter Begriff ließe sich mit Blick auf Menschen ohne Glauben erweitern, indem sie als „verschieden“ respektiert und nicht von Vornherein als defizitär beschrieben werden. Im Gegenzug ist selbstverständliche Voraussetzung, dass religiöse Menschen ebenso Respekt finden. 

 

Es gibt nicht „wir“ und „die“, sondern Menschen, die ihre tiefen Überzeugungen von Freiheit, Toleranz und Verantwortung so umzusetzen haben, dass ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen auf dieser Welt möglich wird. Intoleranz und Rechthaberei haben allzu oft Öl in das Feuer politischer und ethnischer Konflikte gegossen. Es wird Zeit, dass Religionen ein Faktor bei der Konfliktentschärfung werden, weil sie eine Toleranz kennen, die Unterschiede nicht mit Gewalt vernichten will, und sich als kreative Kräfte verstehen, die unsere Welt und die Zukunft menschenfreundlich gestalten wollen und können. 

 

Für mich persönlich bleibt Jesus Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Das ist meine Glaubensgewissheit, die ich gern in der Gemeinschaft meiner Geschwister im Glauben lebe, in der Welt praktiziere, im Gottesdienst feiere. Es ist meine Freiheit, in der ich niemandem untertan bin. Gerade deshalb kann ich respektieren, dass andere Menschen anders glauben. Das ist meine Freiheit, in der ich jedermann Untertan bin. Und am Ende kann ich es Gott überlassen, wie dieses Geheimnis der verschiedenen Religionen sich einst nach dieser Zeit und Welt lüften wird.