Liebe Leserin, lieber Leser, 

 

die Geburt Jesu nach der Darstellung des Lukas hat wundersame Züge. Würde man sie mit dem kritischen Auge der modernen Geschichtsschreibung betrachten, würde man wohl sagen müssen: So kann es sich doch nicht zugetragen haben! Engel auf den Feldern, ein Leuchten mitten in der Nacht, dazu noch die Erzählung von den Sterndeutern, die mehrere hundert Kilometer einem Stern folgen, um an einer Höhle oder Krippe bei einem Kind halt zu machen? Dazu noch ein Stern, der stehen bleibt? Wie soll das, wissenschaftlich betrachtet, wahr sein? 

 

Womöglich missversteht man die Geburtsgeschichte Jesu, wenn man meint, es ginge um die Frage, ob sie denn in einem naturwissenschaftlichen oder historischen Sinne “wahr” sei. Will sie das selbst? Nein! “Wahr” wird sie erst in dem Sinne, indem sie die Wahrheit über Gott und seine Beziehung zum Menschen erschließt, mithin eine Wahrheit erzählt, die sich im Glauben zuerst bewahrheiten muss. Wer sich auf die Bewegung der “Bewahrheitung” einlassen kann, dem erschließt sich die anrührende Geschichte von einem Gott, der Mensch wird. Der klein und zerbrechlich in einer Krippe zur Welt kommt und sich so den Menschen ausliefert. Zwei Hände voll Leben. Wahrer Mensch, wahrhaft Mensch. Noch mehr aber: wahrer Gott. Denn das ist die erste Botschaft von Weihnachten: Christen glauben an einen Gott, zu dessen Wesen es gehört, sich mit dem “Lehm Adams” eingelassen, ja, untrennbar verbunden zu haben. In dem kleinen Jesuskind zeigt sich die Wahrheit über einen Gott, der nicht ohne seine Menschen sein will, ja, vielleicht gar nicht ohne sie sein kann. 

 

Diesem Gedanken muss man sich jedoch zuerst nähern, so geläufig er möglicherweise gläubigen Christinnen und Christen auch sein mag. Aus einer säkularen Perspektive heraus muss einen dieser Gedanke in ungläubiges Staunen versetzen: Der große, unerforschliche, unsichtbare Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, den selbst eingefleischte Physiker zumindest als Möglichkeit vor dem Urknall nicht völlig ausschließen, macht sich “bekannt”. Theologen sagen: Er offenbart sich. Das heißt: Gott gibt sich selbst preis. Diese “Preisgabe” ist in einem doppelten Sinne zu verstehen: Er macht sich bekannt als der “Gott-mit-uns”, der “Immanuel”, zu dessen Wesen es gehört, mit uns Menschen in Beziehung sein zu wollen. Und er gibt sich preis, er liefert sich aus an die Menschen - in einem einzigen Menschen, in Jesus Christus. Diese Preisgabe ist durchaus definitiv. Unumkehrbar, ja, von Gott nicht anders gewollt, weil zu seinem Wesen gehörig. Mit den Worten des Johannesevangeliums möchte man präzisieren: So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn Jesus Christus hingab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren gehen, sondern das ewige Leben haben. Vor den Augen der Welt ist das durchaus eine “Torheit” - also dummes Zeugs. Eine Verrenkung des Verstandes. Eine Zumutung an die Vernunft. 

Aber so ist der Glaube. Man könnte auch positiv sagen: Er fordert die Vernunft heraus. Fides quaerens intellectum. Er befragt die Vernunft aber nicht nur auf die Begrenztheit ihres Erkennens von Gott, er fordert sie auch heraus, in die Mitte des Gottesgeheimnisses hinein vorzudringen. Ist es nicht durchaus vernünftig, möchte ich fragen, einen menschenfreundlichen Gott anzunehmen, der dem Universum und der Existenz des Menschen einen Sinn verleiht? Der ihm Heil verheißt inmitten der Gebrochenheit seines Lebens: Euch ist heute der Heiland geboren!?

 

Das ist die zweite Botschaft von Weihnachten: Um nichts weniger geht es als um unsere Rettung, um unser Heil. Einem Heil allerdings, das nicht erst in der Ewigkeit anbricht, sondern jetzt, heute, mit der Geburt des Gotteskindes schon da ist. Deshalb erzählt die Weihnachtsgeschichte von den Hirten, die mitten in der Nacht die Botschaft der Engel hören: Euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus in der Stadt Davids. Deshalb erzählt sie von den Sterndeutern aus dem Morgenlande, die dem neu geborenen König (auch dies eine Retterfigur) im Jesuskind huldigen. Deshalb erzählt sie von dem greisen Simeon, der am Ende seines Lebens im Angsicht des Jesuskindes bekennt: Meine Augen haben den Heiland gesehen, den du bereitet hast vor allen Völkern, ein Licht, zu erleuchten die Heiden und zum Lobpreis deines Volkes Israel. 

 

Alles Unsinn? Eine Zumutung für die Vernunft? Ich finde nicht. Die Weihnachtsgeschichte erzählt von einem menschenfreundlichen Gott. Keinem unbewegten Beweger am Anfang. Auch keinem allmächtigen, absoluten, unnahbaren Gott, wie ihn die griechische Philosophie postulierte. Der christlich-jüdische Gott ist ein Gott, der hinabsteigt in die Tiefe der menschlichen Existenz. Der “das Leiden des Volkes in der Knechtschaft in Ägypten” sieht und auf “das Seufzen der ganzen Schöpfung” hört. Der “gekommen ist, um zu suchen, was verloren war”, wie es bei Lukas häufig heißt. Gott ist ein befreiender Gott. Ein Gott, der hinausführt in die Weite, heraus aus ungerechten, unmenschlichen Bedingungen. Eben: ein Retter-Gott.

 

Es ist aus meiner Sicht keine Zumutung für die Vernunft, an einen solchen Gott zu glauben. Im Gegenteil. Zeigt sich hier nicht der Grund aller Menschenfreundlichkeit - auch der der Menschen? Liegt nicht in der Hinwendung Gottes zum Menschen gerade die Wurzel aller Humanität? Die Würde des Menschen, so oft angetastet, in den Schmutz getreten, so oft verletzt, sie erfährt ihren unbedingten Schutz in der göttlichen Wertschätzung. In der Tatsache, dass Gott selbst gerade dem Leben, das sich selbst nicht schützen kann, höchsten Schutz schenkt, indem er selbst das wird, was verletzt, geschlagen, gefoltert und am Ende - gekreuzigt wird. In der Weihnachtsgeschichte beginnt die Wahrheit Gottes, die am Ende mit dem Kreuz den letzten Beweis ihrer Wahrheit antritt. Gott ist kein Redenschwinger. Er erträgt sogar, dass seine Wahrheit verdunkelt, besiegt, als machtlos erklärt wird. Aber seine Liebe ist stärker als die scheinbare Überlegenheit der Gewalt. Die Liebe erweist sich am Ende als das, was stärker ist als der Tod. 

 

Und daraus resultiert ein Glaube, der sich nicht abfindet mit den Ungerechtigkeiten in der Welt. Man kann viel lästern über die Spendenfreude der Menschen in der Weihnachtszeit. Ich freue mich darüber, dass die Weihnachtsbotschaft auch diese Kraft freisetzt: die nicht zu vergessen, denen es nicht so gut geht wie uns. Ein Stück Solidarität üben - und wenn sie finanzieller Art ist - mit denen, die “im Schatten des Todes sitzen”. So bewahrheitet sich an Weihnachten symbolisch der dritte und letzte Kern des Evangeliums, ihre dritte Botschaft: Friede auf Erden - und den Menschen ein Wohlgefallen. 

 

 

 

 

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, gesegnete Weihnachten und einen friedvollen Übergang in das Jahr 2014, 

 

 

Ihr Marc Blessing, Pfarrer