Ist denn Christus zerteilt?

Die Frage nach der Einheit der Kirchen

Als ich in die vierte Klasse kam, musste ich für das Fach Religion den katholischen Priester aus meinem Dorf besuchen und ihn fragen, was eigentlich „katholisch“ sei. Mein Freund und ich gingen hin und der Priester – er stammte aus Polen - zeigte uns die Kirche. Weihwasserbecken, Ewiges Licht, Tabernakel – es gab vieles zu entdecken. Zudem lud er uns zur Fronleichnamsprozession ein, an der wir brav teilnahmen, ohne wirklich zu verstehen, was daran „katholisch“ sein sollte. Ich lernte immerhin, dass „katholisch“ etwas anderes ist als „evangelisch“, auch wenn ich als Kind noch nicht fand, dass es da große Unterschiede gab. 

Aus dieser ersten Begegnung wurde in der Folgezeit eine Freundschaft, die unsere ganze Familie erreichte: Der katholische Priester freundete sich mit meinen Eltern an. Wir verbrachten ganze Sonntag-Nachmittage im Keller des katholischen Pfarrhauses mit Tischtennisturnieren (der Priester war ein begeisterter Tischtennis-Spieler – und meine Eltern auch).  Und natürlich gingen wir ab und zu auch mal zur Messe oder gestalteten das ökumenische Abendgebet mit. Und so kam es, dass ich fast nebenbei – obwohl aus einem gut protestantischen Elternhaus stammend – vom katholischen Glauben mit geprägt wurde. 

Unter meinen Freunden und Freundinnen waren immer solche, die einer anderen Konfession angehörten. Auf diese Weise lernte ich die katholische Fokolari-Bewegung, lernte ich das ökumenische Taizé, lernte ich die anglikanische Kirche, die tschechische Kirche, die Herrnhuter Brüdergemeine, die Baptisten, die römisch-katholische Kirche, die englischen pentekostalen Bewegungen und viele andere Konfessionen mehr kennen.  

Da ich meistens über Freunde oder Freundinnen in diese Gemeinschaften hinein fand, hatte ich kein Misstrauen. Ich fand in allen Kirchen und Konfessionen Menschen, die ernsthaft, fröhlich, erfrischend, gläubig ihren Glauben zu leben versuchten und mich auf meinem Glaubensweg geprägt haben. Dass es Dinge gibt, die uns unterscheiden, empfand ich nie als störend, eher als eine Bereicherung. 

Ist denn Christus zerteilt? Wenn die Kirche der Leib Christi ist (eine mystische Metapher), so ist der sichtbare Teil dieses Leibes in der Tat zerteilt. Das Christentum fächert sich (wie fast alle Religionen) in verschiedene Bewegungen, Gemeinschaften, Konfessionen, Denominationen auf. In der Geschichte wurden diese Unterscheidungen und Abgrenzungen, die immer auch die Gefahr der Abspaltung in sich trugen, bereits in der Bibel selbst sichtbar, beispielsweise in den Spannungen, die sich zwischen der Jerusalemer Urgemeinde und den neu hinzu gekommenen griechischen Missionsgemeinden zeigten. 

Es war das Anliegen der noch jungen Christenheit, in den ersten 500 Jahren die Einheit der Kirche zu bewahren und damit auch gegenüber sektiererischen oder häretischen Gruppen deutlich Stellung zu beziehen. Das führte dazu, dass sich in Rom und in Konstantinopel (und zeitweise auch in Alexandria) bald Bischofssitze ausprägten, die den Führungsanspruch innerhalb der sich zersplitternden Christenheit für sich  beanspruchten, um die Einheit der jungen Kirche zu bewahren. 

Immerhin gelang es in den ersten Jahrhunderten, Konzilien einzuberufen und wesentliche Gemeinsamkeiten des christlichen Glaubens festzuhalten. Zugleich begann damit aber die Bekenntnisbildung und die Tendenz zu Dogmatisierung von Glaubensinhalten. Die Rückseite dieses Vorgangs war die Verdammung von Häresien und Häretikern. 

 

Die Geschichte des Christentums wird in der Folgezeit eine Geschichte der Spaltungen. In den ersten Jahrhunderten spalten sich die afrikanischen Christen von Rom und Konstantinopel ab. 1054 zerbricht die Christenheit in eine West- und eine Ostkirche. Nochmals ca. 500 Jahre später vollzieht sich die Trennung zwischen der römisch-katholischen Kirche und den Kirchen der Reformation, die sich in der Folgezeit nochmals und immer weiter verästeln.  Die Glaubenskriege mit ihren vielen Millionen Toten seien hier nur als trauriges Ergebnis genannt. 

Es ist das Verdienst der ökumenischen Bewegung der letzten hundert Jahre, die Geschichte der Trennungen und Spaltungen umgekehrt zu haben. Dieser Prozess ist noch längst nicht abgeschlossen. Aber er ist in vollem Gang. Was in den 1900 Jahren zuvor nicht gelungen ist, das ist in den letzten hundert Jahren gelungen: Die Stärkung des Miteinanders, die (Wieder)-Ent-deckung der biblischen Botschaft, dass wir „in Christus eins sind“. 

Es war die große Errungenschaft des innerprotestantischen Gesprächs, das Modell der „versöhnten Verschiedenheit“ für die Ökumene fruchtbar gemacht zu haben. Dieses Modell erlaubt es einerseits, die historisch gewachsenen Kirchen und Konfessionen in ihrer Identität anzuerkennen (und damit auch ein Stück weit die Gründe für Ihre Entstehung zu würdigen) und zugleich das Ziel der Versöhnung neu in den Blick zu nehmen. 

 

Es würde diesen Artikel sprengen, die Stationen auf dem Weg der Ökumene im vergangenen Jahrhundert nachzuzeichnen. Genannt sei aber zum Beleg das jüngste Dokument, die Charta oecumenica, die nach rund 1000 Jahren Trennung zwischen Ost- und Westkirche das erste gemeinsame Dokument aller christlichen Kirchen in Europa darstellt. Darin verpflichten, um nicht zu sagen: bekennen sich die Kirchen dazu, in allen Bereichen des kirchlichen Lebens dort, wo es möglich ist, gemeinsam zu feiern und zu handeln, und dort, wo es noch nicht möglich ist, die Versöhung und Einheit zu suchen. 

Als lutherische Kirche Genf nehmen wir diesen Auftrag wahr. Christus ist nicht mehr zerteilt, seit die Kirchen aufgehört haben, sich ihr „Kirche-sein“ gegenseitig abzusprechen. Seit sie aufgehört haben, einander die Gläubigen „abzuwerben“. Seit sie aufgehört haben, sich selbst als die einzig „wahre“ oder „legitime“ Kirche zu behaupten. Wir stehen in Genf, der Stadt des Sitzes des Ökumenischen Rates der Kirchen und des Lutherischen Weltbundes, in besonderer Verantwortung, die ökumenischen Gräben, die es zum Beispiel beim Abendmahl oder in der Auffassung des Amtes noch gibt, theologisch weiter aufzuarbeiten und zugleich bereits das zu feiern, was wir gemeinsam feiern können.  Die Gebetswoche für die Einheit der Christen lädt uns ein, weitere Schritte auf dem Weg zu einer versöhnten Verschiedenheit zu wagen. 

 

So geben wir zugleich ein Zeichen an die Welt, dass wir uns nicht mit internen Streitereien selbst genügen, sondern gerade aufgrund unserer Praxis zur Versöhnung selbst zu Botschaftern der Versöhnung werden können. 

Marc Blessing