Etwas Besseres als den Tod finden wir überall

… sagen die Bremer Stadtmusikanten bei den Gebrüdern Grimm: ein alt gewordener Esel, ein Hund, der totgeschlagen werden soll, eine Katze, die sich vor dem Ersäuft-werden retten muss und ein Hahn, der gerade noch dem Suppentopf entkommt. Etwas Besseres als den Tod?

 

Das ist die Hoffnung vieler Flüchtlinge weltweit. Sie fliehen vor Krieg, vor Gewalt, vor Hunger, vor Armut, vor Trockenheit. Auf jeden Fall suchen sie etwas Besseres als den Tod. Sie suchen ein anderes, ein würdigeres Leben. Wer würde es ihnen verübeln? Würden wir nicht selbst ebenso handeln, wenn unser Leben bedroht wäre? Ich wäre bestimmt bereit, zu gehen. Doch finden sie tatsächlich etwas Besseres als den Tod? 

 

Weltweit sind 45 Millionen Menschen auf der Flucht. Mehr als die Hälfte der Einwohner Deutschlands. Allein durch den syrischen Bürgerkrieg haben 10 Millionen Menschen ihr Land verlassen. Sie müssen in den Flüchtlingslagern mit allem versorgt werden, was sonst ein Land selbst erwirtschaften muss: Wasser, Nahrung, Bildung, Unterkunft. Auf dem afrikanischen Kontinent, beispielsweise im Südsudan oder in Nigeria sind viele Menschen unterwegs, die einfach „weg“ wollen. 

 

Und wir? Europa baut sich als „Festung“ zu. Wer nicht nachweisen kann, dass er oder sie politisch verfolgt wurde, erhält keinen Asylstatus. Die Zukunft der vor Lampedusa strandenden Flüchtlinge ist ungewiss. Im vergangenen Jahr haben Hunderte von ihnen tatsächlich nichts anderes gefunden als den Tod. 

 

Die Schweizer Bevölkerung hat entschieden, die Zuwanderung zu begrenzen. Damit allerdings wird man – zumal als eines der reichsten Länder der Welt – sich des Flüchtlingsproblems nicht entledigen. Menschen gehen dorthin, wo sie sich eine bessere Zukunft versprechen. Die Schweiz gehört zweifellos dazu. Und wenn es bedeutet, hier „sans papiers“ zu sein. Die Zahl der Illegalen steigt. 

 

In der Bibel heißt es: Den Fremdling sollst du nicht bedrücken; ihr selbst wisst ja, wie es dem Fremdling zu Mute ist, denn Fremdlinge seid ihr im Lande Ägypten gewesen. (Ex. 23.9). Als deutschsprachige Gemeinde Genf verbindet uns alle, dass wir einmal die alte Heimat verlassen haben. Die Gründe dafür waren sehr verschieden. Aber viele von uns wissen, wie es ist, in der Fremde anzukommen, sich neu einzufügen. Freilich auf einem hohen Niveau. Die meisten von uns kamen freiwillig, nicht aus irgendeiner Not heraus. Die meisten von uns wurden nicht unfreundlich aufgenommen. Wie viel schwerer dürften es Menschen haben, die ohne Papiere, ohne Anwalt, ohne finanzielle Sicherheiten hier ankommen. 

Als lutherische Kirche Genf engagieren wir uns für die Sorge um die “sans papiers” hier im Kanton Genf. Wir unterstützen die Organisation “ELISA – ASILE” in Genf (www.elisa.ch), die sich um rechtliche Beratung der Asylsuchenden kümmert. Wir stärken die Arbeit des „Bâteau Genève“ (www.bateaugeneve.ch), wo jeden Morgen an die 100 Frühstücke für Obdachlose, unter ihnen viele Flüchtlinge, ausgegeben werden. Das ist natürlich nicht genug, und verändert die politische Lage nicht. Es ist ein lokales Engagement, das aber die Wunde in der globalen und nationalen Einwanderungsproblematik offen hält. Es liegt an jedem von uns, ob als Schweizer Staatsbürger oder als EU-Bürger, nicht zuletzt als Christ oder Christin, politisch und diakonisch dafür einzutreten, den “Fremdling” in unserer Mitte aufzunehmen – auch, wenn es uns etwas kostet. 

Marc Blessing