Männer

„In der Kirche sitzen mehrheitlich Frauen. Im Stadion mehrheitlich Männer.“ Ist das wirklich so: Frauen beten. Männer fiebern? 

 

Es gibt in Deutschland 15.129 evangelisch-landeskirchliche Gemeinden, rund 5000 landeskirchliche Gemeinschaften, und einige tausend freikirchliche Gemeinden. Geschätzte 1,1 Millionen Evangelische feiern jeden Sonntag einen Gottesdienst. Das sind mehr als alle Fußballfans zusammen, die samstags in Sportstadien ihrer Mannschaft oder dem Fußballgott „huldigen“. 

Die Männerquote dürfte jedoch beim Fußball höher sein als in der Kirche, trotz zuweilen beeindruckender kirchlicher Männerarbeit vor Ort: Vortragsveranstaltungen, Vater-Sohn-Freizeiten, Männergruppen.  Auch in der lutherischen Kirche Genf gibt es seit Juni eine Männergruppe.  

 

Und doch sind Männer besonders beim Sonntagmorgengottesdienst eher in der Minderheit. Warum? Es gibt eine Antwort, die entwaffnend simpel, aus christlicher Sicht hoch erfreulich und trotzdem für Gemeinden peinlich ist: Weil sie sonntagsmorgens für Frau und Kinder da sein wollen. 

 

Es gibt in Deutschland über vier Millionen Fernbeziehungen und Wochenend-Ehen, darunter viele mit Kindern. Und selbst, wer an dem Ort arbeitet, an dem er auch wohnt, kommt nicht immer so nach Hause, dass er unter der Woche noch etwas von der Familie mitbekommt. Geschweige denn „qualifizierte Zeit“ mit Frau oder Kindern verbringt. „Burn-out“ mag eine Mode-Krankheit sein, wer jedoch im Job zu viele Projekte  gleichzeitig betreut und mit einigen Mausklicks tausende von Euros verbrennen kann, der ist nun mal nicht „emotional ganz da“, sobald er abends nach Hause kommt. 

 

Bleibt also das Wochenende? Samstags gibt’s hunderterlei Dinge zu tun: Arbeiten, Einkäufe, Reparaturen, Garten. Familiäre Verwaltungsaufgaben. Ab sonntagabends nach dem Tatort machen viele bereits wieder Arbeitsvorbereitung – wann also liegt Papa mit den Zwergen auf dem Teppichboden? Wann werden Lego und Playmo-Städte erbaut? Wann ist Zeit für’s Schwimmbad oder Klettern oder einfach eine Runde Joggen mit den Kids? Eben: Sonntagmorgen. 

Dennoch haben Männer ein großes Interesse an Kirche – das zeigen Untersuchungen. Oft sind es Krisen, in denen sich für viele Männer die Frage nach dem Sinn stellt. Und da kommen Kirche und christlicher Glaube ins Spiel. Für Männer ist Selbstbestimmung ein wichtiges Kriterium. Sie wünschen sich einen offenen Dialog über Spiritualität, ohne dass ihnen gleich ein Pfarrer sagt, wo es langgeht. Kirche soll für sie eine Art Gegenwelt zum Alltag sein – eine Welt ohne Hierarchien, ohne Druck, in der sie ihre Interessen leben können. Der traditionelle Sonntagsgottesdienst antwortet nur bedingt auf diese Bedürfnisse. Natur, Sport, Bewegung und offener Austausch – das ist es, was Männer sich wünschen. Wo gibt es das in der Kirche? 

 

Dieser Gemeindebote porträtiert Männer, die zur lutherischen Kirche Genf gehören. Wir haben sie gebeten, davon zu erzählen, an welchen Stellen sie ganz Mensch, ganz Mann sind, frei nach dem Motto: „Hier bin ich Mensch/Mann, hier darf ich sein.“ Herausgekommen sind eindrückliche Bilder und Texte, die sichtbar werden lassen, wie Männer ihr Mann-Sein mit ihrem Glauben verbinden. Gotteserfahrungen sind für diese Männer dort möglich, wo sie ein Stück ihrem Alltag enthoben sind: in der Natur, beim Sport, in der Kunst, oder schlicht bei einem guten Buch. Männliche Spiritualität mag Gott, wie einst beim Propheten Elia, wahrnehmen im Sturm, im Beben, im Feuer, in den Elementen - zuletzt aber auch in der Stille und im leisen Säuseln eines sommerlichen Windhauchs. Und darin unterscheiden Sie sich dann auch wieder nicht so sehr von ihren Schwestern: den Frauen.  

Marc Blessing, Pfarrer