Selig sind, die Frieden stiften

Es ist verrückt: 100 Jahre nach dem Beginn des ersten Weltkrieges (1914) und 75 Jahre nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges (1939) erleben wir das Aufbrechen neuer, zum Teil extrem gewalttätiger Konflikte, ja: Kriege. In der Ostukraine kämpfen pro-russische Separatisten gegen die ukrainische Armee. Im Nordirak werden durch die Terrororganisation

Islamischer Staat (IS) Kurden, Jesiden, Christen, Juden und andere ethnische und religiöse Minderheiten grausam verfolgt. In Syrien herrscht seit 2011 Bürgerkrieg – zehntausende Menschen sind auf der Flucht.  

 

Die Arbeitsgemeinschaft Kriegsursachenforschung Hamburg zählt gegenwärtig 35 Kriege weltweit, davon 15 allein auf dem afrikanischen Kontinent, gefolgt vom vorderen und mittleren Orient (9 Kriege) und Indien (5 Kriege). Und auch in Europa, das im vergangenen Jahrhundert zwei der fürchterlichsten Kriege erlitten hat, sich seitdem aber als „Raum des Friedens und der Sicherheit“ tituliert, erlebt durch den anhaltenden Konflikt in der Ostukraine erneut ein kriegsähnliches Szenario. 

Zahlen sind kalt. Sie lösen bei uns keine Gefühle aus. Es sind Menschenschicksale, die uns anrühren. Hinter den Zahlen stehen fürchterliche Schicksale: Männer, Frauen und Kinder, deren Wohnungen und Häuser zerbombt wurden, deren Familien auseinandergerissen sind, die Folter und grausames 

Töten mit ansehen mussten, die traumatisiert sind von dem Erlebten, und die nicht wissen, wo hin. Wo finden sie Ruhe, Frieden, stabile Verhältnisse? Wo eine Zukunft für ihre Kinder? Wo Rettung?

Selig sind, die Frieden stiften – sagt Jesus in der Bergpredigt. Doch wie gelingt das? Während ich dieses „Angedacht“ schreibe, spricht sich die katholische Bischofskonferenz für die Lieferung von Waffen an die Kurden aus, damit diese sich gegen das brutale Vorgehen des „Islamischen Staates“ zur Wehr setzen können. 

Der Bundestag hat einen entsprechenden Beschluss gefasst. Ein Akt der Nothilfe sei das – bestätigt auch der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider. 

Erst 2005 haben die Vereinten Nationen das Prinzip der ‚responsability to protect‘ (Schutzverantwortung) festgeschrieben, das die internationale Gemeinschaft zur militärischen Intervention verpflichtet, wenn ein Staat die eigene Bevölkerung vor Massenverbrechern nicht schützen kann. Und auch der frühere EKD-Ratsvorsitzende Wolfgang Huber unterstreicht: „Aus Gründen der christlichen Friedensethik ist es nach meiner festen Überzeugung ausgeschlossen, auf das Terrorregime der IS-Milizen im Irak mit Untätigkeit zu reagieren.“

Doch können Waffenlieferungen am Ende dem Frieden dienen? Was ist, wenn die Waffen weiter zirkulieren? Gar dem Gegner in die Hände fallen? 

Huber sieht bei den Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak größere Nähe zu bisherigen ethischen Prinzipien als bei manchem Rüstungsgeschäft der Vergangenheit. „Diesen Prinzipien entspricht man eher, wenn man Menschen unterstützt, die um ihr Überleben kämpfen, als wenn man Panzer an Saudi-Arabien liefert.“

 

Huber nennt vier Fragen, die sich die Kirchen – und nicht nur sie – stellen müssen: 

1. Befinden wir uns wirklich in jener äußersten Situation, in der wir den Einsatz militärischer Gewalt nicht ausschließen können? 

2. Auf welcher völkerrechtlichen Grundlage muss und kann man intervenieren? Dafür braucht es ein UN-Mandat, „ein dringendes  und unabweisbares Verlangen der Betroffenen“ sowie „das Prinzip der Schutzverantwortung“. 

3. Kommen wir mit den militärischen Mitteln zum erhofften Ziel? 

4. Können wir die Verhältnismäßigkeit der Mittel wahren und unbeteiligte Zivilisten in ausreichendem Maße schützen? 

 

„Man muss dem Rad in die Speichen fallen“ äußerte Nikolaus Schneider in Anlehnung an Dietrich Bonhoeffer. Das Rad der Gewalt kann manchmal nur durch Gegengewalt gestoppt werden. Nur läuft man dabei immer Gefahr, dass man dabei selbst schuldig wird und „unter die Räder kommen kann“. Wichtig in dem Streit um Waffenlieferungen und militärische Gewalt ist jedoch, weiter auch politische und zivile Mittel zur Lösung der Konflikte zu suchen. Wo sind die religiösen Führer im Islam, die die Gewalt ächten? Wo sind die politischen Führer, die gesprächs- und verhandlungsfähig sind?

Die Greuel der Weltkriege haben die Kirchen gelehrt, zu unfassbarem Unrecht nicht zu schweigen. Im Stuttgarter Schulbekenntnis haben sie 1945 bekannt: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.”

Selig sind, die Frieden stiften – denn sie werden Gottes Kinder heißen. Jesus war nicht frei von starken Gefühlen, auch von kräftigem Zorn, als er z.B. die Händler aus dem Tempel warf. Aber er hat sich durch die Gewalt der Römer, die List der Pharisäer und den Hass des Volkes, das „kreuzige, kreuzige ihn“ rief, nicht provozieren lassen. Er hat den Männern, die die ehebrecherische Frau steinigen wollten, den Spiegel vorgehalten und das Leben der Frau gerettet. Von ihm ist Friede ausgegangen, weil er im Kleinen, in seinem Umfeld, damit begonnen hat. Und weil er selbst im Frieden mit Gott gelebt hat. Davon können wir lernen, indem auch wir „treuer beten, fröhlicher glauben, brennender lieben“. 

Ihr Marc Blessing