Der rote Faden

Weihnachten begann lange vor Weihnachten. Am Wochenende vor dem ersten Advent brachte mein Vater frisches Tannengrün. Es wurde in der Küche ausgebreitet und begutachtet. Mit der Rebschere schnitt meine Mutter kleine Zweige zurecht und band den Adventskranz. Der Duft aus Harz und Tanne mischte sich mit den Düften aus dem Backofen. Dort waren Vanillekipferl und Zimtsterne, Haselnussmakronen und einfache „Ausstecherle“ in der „Röhre“. Mein Vater legte das Weihnachtsoratorium auf und schon bald erklang das „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage“ durch das Haus – lautstark begleitet von den ungeübten Kinder- und den etwas geübteren Erwachsenenstimmen. 

 

Ich erinnere auch noch die betriebsame und immer etwas geheime Vorbereitung meiner Eltern im sogenannten „Weihnachtszimmer“. Das war unser Wohnzimmer, das Tage vor Heiligabend mit Tüchern zugehängt wurde, sodass niemand mehr hinein kam. Hinter der Tür, die stets sorgsam verschlossen wurde, schmückte mein Vater den Weihnachtsbaum, baute die von ihm selbst gebaute Krippe auf und versteckte die Geschenke. Es war das Zimmer der Sehnsucht, das erst am Heiligabend, nach dem Gottesdienstbesuch und einem schönen Abendessen, geöffnet wurde. 

Das war der heilige Moment: Das Glöckchen rief uns hinein. Drinnen brannten die Kerzen am Baum. Wir sangen „ihr Kinderlein kommet“ und zogen ins Weihnachtszimmer ein. Es roch nach Tannenzweigen, die mein Vater an der Kerze entfachte und gleich wieder löschte - nur des Duftes wegen. 

Dann mussten wir Kinder (damals eine lästige Pflicht) mit unseren Instrumenten Weihnachtslieder begleiten und singen. Die Weihnachtsgeschichte wurde von uns Kindern nochmals gelesen (kein Wunder, dass wir sie im Laufe der Jahre auswendig konnten), bevor dann – endlich(!) - die Bescherung kam. 

 

Als ich älter wurde, wurden die Geschenke unwichtiger. Aber nachts nochmals in die alte Klosterkirche zur Christmette, wo wir uns als Jugendliche verabredeten, um dann in Decken gehüllt (meist war es lausig kalt) im Chorgestühl verborgen nochmals der Geschichte von Weihnachten zu lauschen. Das ist mir unvergesslich. 

Dass wir Gottes Menschwerdung feierten, wurde mir im Laufe der Zeit erst bewusst. Als Kind und Jugendlicher war es einfach „Weihnachten“- das schönste Fest im Jahr. 

 

Heute sehe ich alles nüchterner – und sage das ganz ohne Wehmut. Es ist ein auch problematisches Fest: Familiär hoch aufgeladen: alles soll doch möglichst schön und heiter sein. Und wehe, wenn was schief geht. An keinem Abend im Jahr gibt es so viel Tränen, Wutausbrüche, Einsamkeit, Scheitern, Ehekrise, Kinderstress. Pfarrhaus nicht ausgenommen. 

 

Und doch, in allem, möchte ich immer wieder vom Kern des Festes her denken, das für mich immer noch und immer wieder das Wunder ins Bewusstsein hebt, dass Gott einer von uns geworden ist. In keiner anderen Religion kommt Gott seinen Menschen so nahe wie im Christentum. Von sich aus. So glauben wir. Aus reiner Liebe, weil er nicht allein sein will und wollte. Ja, weil es sein Wesen ist, nicht alleine sein zu wollen. 

 

In Jesus liefert sich Gott uns aus. Er gibt sich hin. Macht sich klein und verletzlich. Der große Gott: ein Mensch. Und seht, was für ein Mensch! Er brennt in Liebe für und für – heißt es in meinem Lieblings-Weihnachtslied. Sein Weg: ein Weg der Liebe. Sein Ende: ein Akt der Hingabe. Seine Auferstehung: ein Hoffnungszeichen für alle, die über diese Welt hinaus glauben, hoffen und lieben. Und zwar nicht unter Absehung von all dem Wust, der Weihnachten zur Hölle machen kann. Sondern gerade „in, mit und unter“ all den Dingen , die auch zu Weihnachten gehören. In diese Welt aus Streit und Krieg, Konflikten und Krisen, geht Gott ein. In dieser Welt kommt die Liebe zur Welt. Verletzlich, klein, unscheinbar. Und doch wirksam. Von ihr her möchte ich Weihnachten leben und feiern. Und dann rückt auch alles andere ins rechte Licht. Das Wichtige scheidet sich vom Unwichtigen. 

 

Heute ist der schönste Moment an Weihnachten für mich, wenn (entschuldigt!) die Kinder im Bett sind und meine Frau und ich einfach an der Krippe sitzen, nur ein paar Kerzen brennen, und wir horchen hinein in die Tiefe dieser Nacht. Alles fällt ab, und wir ahnen das Geheimnis Gottes. Dazu braucht es keine Worte, vielleicht nur ein Schweigen, ein Gedanke, ein Lied: 

 

Ich steh an Deiner Krippen hier 

O Jesu du mein Leben. 

Ich komme bring und schenke dir, 

was Du mir hast gegeben. 

Nimm hin, es ist mein Leib und Sinn, 

Herz, Seel und Mut, nimm alles hin, 

und lass dir’s wohlgefallen. 

 

Wenn ich’s recht bedenke, ist das „mein“ roter Faden, der sich durchzieht durch alle Weihnachten seit Kindertagen bis heute. 

 

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, gesegnete, friedliche und ruhige Weinachten! 

Ihr Marc Blessing