Die Kraft des Gebets

Wie lernt man beten? Unsere kleine Tochter lernt im Augenblick, wie man zu Gott betet. Vor dem Essen sprechen wir alle das Tischgebet: ‚Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was  du uns aus Gnaden bescheret hast. Amen.‘ Das letzte Wort betet sie dann mit: ‚Amen‘. Das  hat sie sich gemerkt, vielleicht auch deshalb, weil man danach essen darf. Amen, das heißt so viel wie ‚so ist es gut‘ oder ‚so soll es sein‘. Doch, warum man betet, das wird sie wohl noch nicht verstehen. 

Beten beginnt, wie alles im Leben, mit dem Nachmachen. Unsere Sprache haben wir so gelernt. Wie wir essen und trinken, haben wir uns von den Erwachsenen abgeschaut, und auch unsere Lebensgewohnheiten sind meist nur der Spiegel unserer Umwelt. Unsere kleine Tochter: vom Anfang lernt sie von den Eltern und wird später (hoffentlich!) mit den eigenen Kindern beten, oder sie wird von ihren Eltern erzählen, die dies noch taten. Viele Menschen berichten voller Ehrfurcht von der Frömmigkeit ihrer Großeltern. Ja - meine Großmutter war eine fromme Frau.

Imitation lebt vom Original. Ich denke an meine Mutter und meinen Vater. Beide sind fromme Leute. Dennoch: Über Gott sprachen wir selten. Doch wenn sie an unseren Betten ein Nachtgebet sprachen, dann war das ganz ehrlich. Ohne das Abendgebet hätte ich als Kind nicht einschlafen können. Es war wie ein Schutzwall gegen alle Angst vor der Dunkelheit. Im Abendgebet war ich geborgen und bin es bis auf den heutigen Tag. Meine Eltern sangen meist eine Liedstrophe: ‚Abend ward, bald kommt die Nacht‘ oder ‚Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein ...‘ und dann sprachen sie noch ein freies Gebet. Meine Schule des Betens. Beten hängt von diesen ersten Erfahrungen im Leben ab. Manche Eltern wissen gar nicht, wie wichtig religiöse Erfahrungen in der Kindheit sind. Wir sind als Eltern dafür verantwortlich. Das heißt aber nicht, dass nicht auch spätere Erlebnisse prägen können. Mich hat als Jugendlicher sehr berührt, als in England auf einer Freizeit andere, etwas ältere Jugendliche, für mich, nur für mich, gebetet haben. 

Woher kommt es denn, dass wir Christen beten? Jesus hat uns dazu ermuntert. Er selbst betete auch zum himmlischen Vater. Er war ein frommer Jude, für den das selbstverständlich war, zu Gott zu beten. Sicher hatte er es von seinen Eltern so gelernt. Seine Jünger lehrte Jesus später das ‚Vaterunser‘. In der Bergpredigt hat er eine ganze Reihe guter Regeln aufgestellt, wie man beten kann und wie das Beten keinen Sinn macht.

Du sollst nicht PLAPPERN, so sagte er. Gebete werden von Gott nicht eher erhört, wenn wir viele Worte machen. Es kommt darauf an, dass wir mit unserem Herzen dabei sind. Ich mag es auch nicht, wenn Menschen einen totreden und gar nicht merken, dass man schon lange  nicht mehr zuhört... Beten hat nichts mit Show zu tun. Wenn du betest, so sagt Jesus, dann gehe in einen kleinen Raum und mache die Tür zu. Andere geht das nichts an. Jesus hatte allen Grund, das zu sagen, denn das Gebet wird oft genug als Demonstration missbraucht. ‚Der ist bigott‘ sagen wir. Gebet ist keine Waffe und auch nicht Zeichen besonderer Frömmigkeit. 

Beten ist wie Atmen. ...Dass Gott mir zuhört, wenn ich bete, und dass ich nicht ins Leere rede, – das veranschaulicht ein kleines Gleichnis, das Jesus seinen Jüngern einmal erzählt: 

 

Wenn jemand unter euch einen Freund hat und ginge zu ihm um Mitternacht und spräche zu ihm: Lieber Freund, leih mir drei Brote;

denn mein Freund ist zu mir gekommen auf der Reise, und ich habe nichts, was ich ihm vorsetzen kann, und der drinnen würde antworten und sprechen: Mach mir keine Unruhe! Die Tür ist schon zugeschlossen, und meine Kinder und ich liegen schon zu Bett; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben. 

Ich sage euch: und wenn er schon nicht aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, dann wird er doch um seines unverschämten Drängens aufstehen und ihm geben, soviel er bedarf.‘

Ich habe erfahren, dass Gott Gebete erhört. Nicht immer. Manchmal bleibt es über Wochen, Monate, Jahre still. Ich habe dann den Eindruck, dass mir niemand zuhört und niemand auf meine Bitten antwortet. Dann hilft mir jener sture Freund aus der biblischen Geschichte. Er lässt von seinem Bitten nicht ab. Mitten in der Nacht bittet er seinen Freund, so wird erzählt. Die Nacht ist oft die Zeit für Gebete. Beten braucht sicher eine Menge Sturheit, oder lassen Sie es mich ein wenig liebevoller sagen: Beten braucht Geduld. Ich weiß nicht, warum Gott manchmal die Geduld auf eine harte Probe stellt. In solchen Wüstenzeiten, wie ich sie einmal nennen möchte, helfen feste Gebetsgewohnheiten. Auch andere Menschen können einem helfen, eine Durststrecke zu durchqueren.

In NOTZEITEN ist das anders. Ich habe erlebt, dass da Gott näher ist. Wenn man Angst vor einer Krankheit oder einem Befund hat, wenn die Schmerzen größer sind als die Lebensfreude, wenn daheim Krach ist, wenn einem die Kinder Sorgen machen, wenn Streit  im Beruf und Ungerechtigkeit das Leben verdunkeln, wenn der Tod in die eigenen vier Wände einbricht, dann hört Gott zu. Ich kann erzählen, was mich so bedrückt.

Oft habe ich erfahren, dass sich eine Tür auftut, wo ich nur Mauern erkennen kann. Meist war ich dann sehr erschrocken. Ich hatte nicht damit gerechnet. Leider vergisst man solche Erfahrungen  wieder. Der Alltag ist mächtiger. Im Grunde müsste man Gott täglich danken. ...

GEBET IST DANKEN. Wenn es mir schlecht geht, dann überlege ich, was ich alles Schönes erlebe. Zunächst fällt mir nichts ein. Wenn ich dann genauer nachdenke und den Tag an mir vorüberziehen lasse, dann fällt mir immer mehr ein. Am Ende scheint Licht in die Seele. Danken hat immer mit denken zu tun. Wer nicht nachdenkt, wird kaum danken.

POSITIV DENKEN, so wird heute gefordert. Das ist nicht neu. Positiv denken heißt eigentlich, das Leben täglich neu aus der Hand Gottes empfangen. Leben ist mir geliehen. Ich habe kein Recht darauf. Nichts ist selbstverständlich. Ich denke mir, dass es vielen von uns noch nie so gut gegangen ist wie heute. Wem dies klar wird, der hat es viel leichter, das Leben fröhlicher zu leben... Beten ist Fürbitte. Betet füreinander! So sagt die Bibel. Seitdem vergeht kein Gottesdienst, in dem nicht für Kranke und Einsame, für Notleidende und Arbeitslose und für Menschen, die bedroht sind, gebetet wird. 

Hat das Gott nötig, dass wir ihm die Not sagen müssen? Kennt er sie nicht?  So hat mich einmal ein Konfirmand gefragt. Er hatte recht. Ich glaube, Gott kennt die Not. Unsere Fürbitte sagt ihm nichts Neues, aber sie verändert uns selber und ordnet das eigene Leben in einen größeren Zusammenhang.

FÜRBITTE ENTLASTET. Was kann ich schon tun, wenn ich um einen Menschen Angst habe, dass ihm etwas zustoßen könnte. Ich kann nur beten. Ich habe bis heute kaum einen Tag beendet, ohne für die Menschen zu beten, die ich lieb habe. Was auch immer geschieht, ich bitte Gott darum, dass er sie behütet. 

Fürbitte legt alles in Gottes Hände. Wenn ich erkenne, dass ich nichts tun kann, dann bitte ich Gott um seine Hilfe.

Fürbitte ist eine Macht. Wenn das nur mehr Menschen wüssten. Ich kann das Rad der Geschichte nicht anhalten. Ich kann auch nicht das Wasser bergauf fließen lassen. Ich kann aber Gott bitten, dass er gnädig sein möge, dass er Geduld mit mir und meinen Lieben haben soll.

Gott kann die Herzen und Hände bewegen. Betet füreinander – das ist tätige Liebe. Ich weiß von Menschen, die körperlich nicht mehr auf dem Damm sind, die mit ihrer Fürbitte aber tatkräftig helfen... Es gibt ein Gebet, das mir nur schwer über die Lippen geht: Herr, dein Wille geschehe. Es ist ein Satz aus dem ‚Vater unser‘. Jesus betete so am Ölberg, als er wusste, dass er bald verhaftet und hingerichtet würde. Dein Wille geschehe – viel kindliches Vertrauen steckt in diesem Satz. Gott wird schon wissen, was gut ist. Ich verstehe es nicht. Ich frage ‚warum‘ und bekomme keine Antwort. DEIN WILLE GESCHEHE – es ist eine himmlische Gelassenheit, die Gott ganz selten in unser Herz legt. Wer es sagen kann, der ist begnadet, im wahrsten Sinne des Wortes. Sollte ich da meinem Gott nicht singen, sollte ich ihm nicht dankbar sein?

Marc Blessing