Jesus der Christus

Über 1,8 Milliarden Menschen in allen Erdteilen nennen sich heute Christen. Nach einem Mann, der vor über 2000 Jahren lebte. Wer war dieser Mann? 

JESUS

Jesus war Jude. Er wurde in den letzten Regierungsjahren des Königs Herodes (40- 4 v. Chr.) geboren. Ungefähr 35 Jahre dürfte er alt geworden sein. Seine Eltern hießen Maria und Josef, er hatte mehrere Brüder und Schwestern. Seine Kindheit und Jugend liegen fast völlig im Dunkel. Erst mit ca. 30 Jahren wird von ihm im Umfeld des Johannes dem Täufer berichtet. Von ihm lässt er sich taufen. 

Überraschend: Nur etwas mehr als ein Jahr hat Jesu öffentliches Wirken gedauert, bevor er in Jerusalem den Tod am Kreuz fand. In diesem Jahr zog er mit einer Schar von Männern und Frauen durch Galiläa, predigte, heilte, erzählte den Menschen vom Reich Gottes. Durch seine Lehren zog er sich die Wut der maßgeblichen religiösen und politischen Kreise zu. Als er zum Passahfest nach Jerusalem einzog, jubelten ihm die Menschen zuerst zu. Als er aber die Kaufleute aus dem Tempel vertrieb, ließ man ihn durch die Tempelwache verhaften. Offenbar war dort auch der Verrat des Jüngers Judas mit im Spiel. Die Behörden lieferten Jesus als Unruhestifter dem römischen Statthalter Pontius Pilatus aus, einem Judenhasser und grausamen Herrscher. Er verurteilte Jesus zum Tod am Kreuz. So starb Jesus wie ein gemeiner Verbrecher. Für die einen war er ein politischer Rebell. Für die anderen sollte er – nach seiner Auferstehung – als der Sohn Gottes, der Gesalbte, der Christus (griechisch: Xristos = der Gesalbte, der Messias) erfahren und bekannt werden.

Erstaunlich aber: Alle Autoren des Neuen Testaments haben den irdischen Jesus persönlich nicht gekannt. Paulus, dessen Briefe die frühesten Zeugnisse über Jesus darstellen, hatte eine Begegnung mit dem Auferstandenen, von Jesu Leben wusste er fast nichts – und berichtet demzufolge auch nichts davon. Die Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes haben erst ca. 70 Jahre nach Jesu Tod aufgeschrieben, was sie von den Jüngern Jesu und den Menschen, die ihn persönlich gekannt haben, erfahren haben. Aber auch sie sind nach-österliche Schriftsteller oder Historiker, die, wie Lukas zu Beginn seines Evangeliums schreibt, gesammelt und aufgeschrieben haben, was sie gehört haben. Persönlich gekannt haben sie ihn nicht. 

Ein Hauptproblem an Jesu Kreuzestod ist, dass er „für uns“ gegeißelt und ans Kreuz genagelt wurde. Dass er „für uns“ durch Erstickungstod und das viele Blut in der Lunge gestorben, also auf grausame Weise umgekommen ist. „Für uns?“ – „für mich?“. 

Hätte es „uns“ nicht auch genügt, wenn er nur gepredigt, geheilt und vom Reich Gottes erzählt hätte? Ohne dafür auch noch sterben zu müssen? Manche sagen: „für mich“ hätte er das nicht tun müssen. Ich hätte auch so an ihn geglaubt. 

Da bin ich mir nicht so sicher. Hat man den Christen nicht genau das immer wieder vorgeworfen: Sie predigen Wasser und trinken selbst Wein. Hätte ein Gott, der nur predigt, aber für seine Lehre nicht einsteht, wirklich überzeugt? 

Nein! Solange es einem gut geht, mag es genügen, an einen Gott der schönen Predigten zu glauben. Aber wie ist es, wenn es einem dreckig geht? Wie sieht es aus, wenn man wichtige Prüfungen mit Angstschweiß auf der Stirn zu bestehen hat. Wenn man mit Verdacht auf Krebs im Krankenhaus liegt und sich der Verdacht bestätigt? Wenn einem der Lebenspartner in den Armen wegstirbt, wenn, ja, wenn alles zusammenbricht? Dann kann mir ein Gott mit seinen schönen Worten gestohlen bleiben, denn er weiß ja gar nicht, wie dreckig es mir geht. 

Daher ist mir ein Gott lieber, der wie Jesus schon dort war, wo ich nie hin möchte: in einen äußerst grausamen Tod. Und Gott sei’s gedankt bleibt es nicht bei diesem elendigen Tod, sondern er wird aufgeweckt zum ewigen Leben bei Gott. 

DER CHRISTUS

Zunächst dachten die Jünger Jesu, mit seinem Tod sei alles vorbei. Sie kehrten auf unterschiedlichen Wegen nach Galiläa zurück. Doch es mehrten sich Berichte von seiner Auferstehung. Zunächst erzählten die Frauen, das Grab sei leer gewesen. Auch zwei der Jünger, die auf dem Weg nach Emmaus liefen, erzählten, sie hätten den auferstandenen Jesus gesehen. Sie kehren wieder nach Jerusalem zurück und erzählen es den anderen. Und zuletzt berichtet auch Paulus von einer dramatischen Licht-Erscheinung des Auferstandenen, die ihn für drei Tage erblinden lässt und in der Folgezeit aus dem Jesus-Verfolger einen Jesus-Nachfolger macht. Erst von da an wird Jesus als der Christus bekannt und geglaubt. 

Von sich aus hat kein Mensch die Auferstehung Jesu gesehen. Als der Auferstandene wird er weder von den Frauen noch von den Jüngern erkannt. Sie halten ihn für den Gärtner oder einen Wanderer. Erst in dem Moment, in dem er die Frauen anspricht oder bei den Emmaus-Jüngern das Brot teilt, wird er erkannt – und ist sofort wieder verschwunden. 

Hier liegt der Grund für die Bandbreite der Deutungen: Während rationalistische Theologen und Religionskritiker von Betrug, Fiktion oder Projektion sprechen, versuchen konservative Theologen Jesu Auferstehung als historisches Ereignis auszuweisen. Eine Mittelposition hat Karl Barth vertreten: Er betont das objektive Geschehen hinter den Zeugnissen, das aber prinzipiell nicht historisch verifizierbar ist. 

Hilft das weiter? 

Für viele Christinnen und Christen ist die Auferstehung vor allem das wirksame Zeichen der Überwindung des Todes durch Gott. Mit der Auferstehung Jesu verbindet sich der Glaube daran, dass Gott sich nicht nur mit dem „Lehm Adams“ eingelassen hat, als er Mensch wurde, sondern dass er die Todesverfallenheit des Menschen geteilt - und am Ende überwunden hat. 

Unvergleichlich ist das in dem schönen Choral 

„O Haupt voll Blut und Wunden“ festgehalten: 

Wenn ich einmal soll scheiden, 

so scheide nicht von mir, 

wenn ich den Tod soll leiden, 

so tritt du dann herfür, 

Wenn mir am allerbängsten, 

wird um das Herze sein, 

so reiß mich aus den Ängsten, 

Kraft deiner Angst und Pein. 

In dem Film „Schindlers Liste“ gibt es eine wundervolle Schlusssequenz: Die überlebt habenden Schindler-Juden kommen – gemeinsam mit den Schauspielern – über den Hügel, an dem Oskar Schindler beerdigt ist, und legen einen Stein auf sein Grab. Man würde denken, dass bei 6 Mio. ermordeten Juden die wenigen hundert Schindler-Juden kaum ins Gewicht fallen. Das Gegenteil ist der Fall: Erst kommen einige wenige, dann immer mehr, hunderte, tausende, am Ende ist das Grab mit einem Berg aus Steinen übersät. Zeichen nicht mehr des Todes, sondern des Lebens. Mitten im Leben ein Zeichen der Auferstehung. Wer auch nur einen Menschen gerettet hat, der hat die ganze Welt gerettet. 

Das ist christlich-jüdisches Denken. Jesus ist der Erste der Auferstehung, die uns allen verheißen ist. Sein Tod und seine Auferstehung verheißen Hoffnung für alle Menschen.

Wie heißt es so schön in Händels Messias: For as in Adam all die, even so in Christ shall all be made alive. Wie in dem Menschen Adam alle sterben, so werden in Christus alle leben. 

Marc Blessing