Weg mit dem Kreuz

 

Weg mit dem Kreuz“ – der Titel dieses Gemeindeboten ist so vieldeutig und widersprüchlich wie das Symbol des Kreuzes, dieses Urbild des Christentums. Man könnte den Titel als ein Sympathisieren mit all den Nicht-Christen und Atheisten lesen, die das Kreuz aus dem öffentlichen Raum verbannen wollen. Man könnte ihn ebenso als Hinweis auf den Weg lesen, den Christen in der Nachfolge Jesu gehen, ein Weg, der zum Tod führt, aber mit ihm nicht endet. Was bedeutet uns das Kreuz? Woher stammt es? Warum dieses Gottesbild von Leiden und Tod? Kann man das Kreuz nicht abschaffen? Gott ist unsichtbar. Wir sollen uns kein Bildnis von ihm machen. Das Kreuz ist ein schmerzender Pfahl im Fleisch der Menschen – auch für Christen.„Bilder schreiben die Evangelien weiter“, so schrieb Herbert Fendrich, ein katholischer Theologe und Kunsthistoriker, „in ihrer Gesamtheit und Vielfalt können sie als ‚fünftes Evangelium‘ verstanden werden.“ In diesem Sinne wollen wir uns in dieser Ausgabe des Gemeindeboten mit einer Auswahl der Kreuzes-Darstellungen im Laufe der Jahrhunderte bis in die Gegenwart befassen und dabei versuchen, in die Bedeutung dieses uralten und zentralen Symbols tiefer einzudringen. Barbara Blum 

Wie konnte das Kreuz, ein grausames Folterinstrument der Römer (und bis heute gegen Christen verwendet, denkt man an die gewaltsamen Hinrichtungen durch den IS) zum Heilszeichen für Christen werden? 

Nun, es bringt wie kein anderes Symbol zum Ausdruck, was an Jesu Leben und Sterben sichtbar geworden ist: Die vertikale Linie erinnert an die Verbindung Gottes mit den Menschen: In Jesus Christus ist Gott eingegangen in die Welt. „Das Wort ward Fleisch“ heißt es im Johannesevangelium. Schon diese Vorstellung ist umstürzend genug. Kein Wunder, dass auch Paulus sich mit dem Spott der Heiden auseinandersetzen musste und entgegnete: Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit denen, die verloren gehen, uns aber ist es eine Gotteskraft (1. Kor. 1,18). 

Die horizontale Linie erinnert an den Weg Jesu auf Erden mit seinen Menschen. Seine Solidarität mit den Armen. Seine Hinwendung zu den Ausgeschlossenen und Chancenlosen. Seine freche Liebe zu den Kindern und an den Rande Gedrängten. Ja, seine Lebenslinie führt bis in den Tod. Aber dieser Tod blieb nicht das Ende. Das Kreuz durchbricht alle Todeslinien dieser Welt. Der Glaube an die Auferstehung ist nichts anderes als die Hoffnung, dass das Leben unbesiegbar ist. Dass sich Gewalt und Folter auf Dauer nicht halten werden, sondern der Mitmenschlichkeit, der Liebe weichen müssen. Insofern ist die vertikale Linie des Kreuzes nach unten und nach oben zu denken. Selbst in den dunkelsten Momenten meines Lebens kann ich mich an das Kreuz als Hoffnungszeichen klammern. 

Martin Luther bekam einst von seinem Beichtvater ein kleines Umhängekreuz geschenkt. „Halte Dich an Christus“ – empfahl dieser dem jungen Mönch. In seinen dunkelsten Stunden, als er sich vom Teufel versucht und von seinen innersten Ängsten übermannt fühlte, nahm Martin Luther das Kreuz hervor und betete: „Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner. Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner.“ 

Die Darstelllungen des Kreuzes in diesem Gemeindeboten mögen uns helfen, die Kraft des Kreuzes als Heils- und Hoffnungszeichen wieder zu entdecken. 

Ihr Marc Blessing