Die Würde des Kindes ist tastbar

15 Jugendliche stehen im Kreis. Immer zwei tun sich zusammen. Die Aufgabe lautet: Schlage deinem Gegenüber eine Berührung vor und frage, ob er/sie damit einverstanden ist: ein Händedruck beispielsweise, eine Umarmung, ein Streicheln über die Wange – einer schlägt einen „Pferdekuss“ vor. Und nun ist spannend zu sehen, wie das Gegenüber reagiert: Lautet die Antwort „ja“, darf die Berührung ausprobiert werden. Wie aber ist es, „nein“ zu sagen? Fällt das schwer? 

 

Die Jugendleiter (Teamer) der Lutherischen Kirche Genf haben sich beim Teamer-Treff mit dem Schutz von Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Eine Einsicht war: Die Würde des Menschen muss ertastet, erspürt werden. Die Grenzen des Respekts sind nicht so einfach auszumachen. Wie ist es, wenn ich einen mir Schutzbefohlenen in die Arme nehme, um ihn zu trösten? Darf ich das? Die Jugendlichen spüren sofort, dass es Unterschiede gibt: Ein fünfjähriges Kind tröstet man anders als einen 13-jährigen Jugendlichen. Und es macht einen Unterschied, ob ich als Mann einem Mädchen gegenübertrete oder als Frau einem Jungen. Auch unter den Teamern gibt es „Berührungsangebote“, die mit „nein“ beantwortet werden – obwohl zum Glück nichts Unanständiges dabei ist. 

 

„Nein“ zu sagen will gelernt sein. Und ein „Nein“ zu akzeptieren, auch. 

 

Wie schütze ich mich selbst? Und wie schütze ich andere? Die Jugendlichen sagen: Nie ganz allein mit einem Kind oder einer Gruppe sein. Im Zweifel lieber einen Erwachsenen hinzuziehen. Immer die Tür offenlassen. Zurückhaltung im Umgang mit Körperlichkeit. Berührungen sind immer heikel. Können aber natürlich notwendig und hilfreich sein. Wer würde ein weinendes Kind nicht in den Arm nehmen? 

 

Die Würde des Kindes ist tastbar. Und sie ist – Gott sei’s geklagt - antastbar. Erst, seit Missbrauchsopfer angefangen haben, zu erzählen, oft viele Jahrzehnte nach den Taten, ist sichtbar geworden, dass gerade auch die Kirchen, evangelische wie katholische, zu wenig für den Schutz von Kindern und Anbefohlenen getan haben. Es grenzt geradezu ans Unerträgliche, wie zunächst und über viele Jahre hinweg Täter geschützt wurden. Der Fall eines evangelischen Pfarrers, der 20 Jahre lang mindestens ein Dutzend Jungen und Mädchen missbrauchte, sorgte auch und erst recht für Empörung, als bekannt wurde, dass er anschließend in einem Jugendgefängnis als Seelsorger eingesetzt worden war... 

 

Die Würde des Kindes ist antastbar. Und deshalb muss sie in besonderer Weise geschützt werden. Gerade in Kirchen und Gemeinden, die ein hohes Vertrauen bei Eltern genießen – oder verspielen können. 

 

Erst unlängst erklärte die Evangelische Kirche im Rheinland: „Als Pädagogen und Pädagoginnen in der Arbeit mit Kindern wissen wir, dass die Pluralisierung der Lebensstile, Werte und Normen und die rasanten technischen und wirtschaftlichen Veränderungen, die einen maßgeblichen Einfluss auf die Erziehung haben, die Anforderungen an Eltern steigen lassen. Gemeinsam mit ihnen stellen wir uns den Kindern in unserer Arbeit im Jugendverband und haben das Ziel vor Augen, Kinder auf dem Weg zu verantwortungsvollen Gestaltern und Mitgliedern der Gesellschaft von morgen zu begleiten. Dabei ist es wichtig, an den vorhandenen Ressourcen der Kinder anzusetzen, sie weiter zu entwickeln und zu festigen. Defizitorientiertes Arbeiten gehört in die Schublade „schwarzer Gehorsamspädagogik“ der Vergangenheit. Begleitung und Erziehung von Kindern ist ein komplexes Geschehen, in dem es keine einfachen Rezepte gibt. Kinder brauchen Liebe, Akzeptanz, Wertschätzung, Beteiligung, ein Recht auf eine eigene Meinung, Verständnis und Erwachsene, die ihnen zuhören.”

 

Als Vater von fünf Kindern weiß ich, wie schwer das ist: Die Grenze zwischen Nähe und Distanz, zwischen kritischem Gegenüber und verständnisvollem Zuhörer, muss immer neu ausgelotet werden. Aber genau darum geht es beim Kinderschutz – auch in der Kirche. Und das versuchen wir, mit unseren JugendgruppenleiterInnen klar zu kriegen.

 

Zum Schluss unseres Abends über Kinderschutz wird eine konkrete Situation vorgestellt: Auf einer Jugendfreizeit beschließen die Jugendlichen am Abend, nackt baden zu gehen. Wie verhältst Du Dich als Jugendleiter? 

 

Die Vorschläge reichen von: „Nackt baden wird nicht erlaubt“ bis hin zu „Einfach mitmachen, aber noch andere Teamer mitnehmen“. Ich merke, zunächst ist es wichtiger, die Jugendlichen für diese Thematik zu sensibilisieren, als starre Regeln vorzugeben. Aber im Laufe des Abends kristallisieren sich Handlungsmöglichkeiten heraus, die die Balance zu halten versuchen zwischen einerseits einer wichtigen Nähe im Sinne des „ich bin für dich da“ und andererseits einer notwendigen Distanz, die besagt: „Ich respektiere Dich in deiner körperlichen, geistigen und seelischen Integrität.“

 

Die Frage der Körperlichkeit ist dabei nur ein Aspekt der Würde des Menschen. Wie gehen wir mit Alkohol und Zigaretten, wie mit Pornographie und Internet, wie mit Gewalt und verbaler Aggression um? Wie schützen wir da? 

 

Der Abend lehrt mich zweierlei: Kirchliche Kinder- und Jugendarbeit ist im besten Sinne eine Achtsamkeitsschulung vor dem Leben in einer angefochtenen und verwirrenden Welt. Und: Die „Unantastbarkeit der Würde des Menschen“ ist nicht einfach gegeben. Sie muss in der täglichen Kinder- und Jugendarbeit immer wieder neu eingelöst werden. 

 

Marc Blessing