Der Arzt schaute das junge Mädchen freundlich über seinen Brillenrand an. „Ja, Sie erwarten ein Kind“, sagte er und wartete die Reaktion des Mädchens ab. Sie war 15 Jahre alt. Irgendetwas hatte sie geahnt in den vergangenen vier Wochen. Sie war beunruhigt. Deshalb war sie gekommen. Der Arzt rückte ihr nun den Bildschirm vom Ultraschallgerät zurecht, damit sie auch einen Blick auf das werdende Leben werfen könnte. Stumm betrachtete sie das Bild. Ein paar Tränen füllten ihre Augen. „ Ach du mein Gott“, dachte sie und warf wieder einen Blick in das Gesicht des Arztes. Er schaute sie ernst, aber freundlich an. „Sie sind noch sehr jung. Haben Sie sich für diesen Fall schon überlegt, ob Sie das Kind behalten wollen?“ „Ich weiß nicht.“ Sie schluckte. Schaute wieder auf den Bildschirm. Mit der Hand fühlte sie nach der Stelle, wo sie das Kind vermutete. „Wie soll das gehen, ich bin doch noch gar nicht in einer festen Beziehung?“ 

„Sie können sich mit der Entscheidung noch ein paar Tage Zeit lassen“, sagte der Arzt. „Warten Sie, ich habe hier einen Prospekt mit ein paar Adressen, wo Sie sich beraten lassen können.“ Sie nickte und nahm dankbar das Papier. Tausend Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was sie hier soeben erfahren hatte, würde ihr Leben von Grund auf verändern - so oder so, das war ihr klar. Ach du mein Gott, dachte sie wieder, was soll ich nur machen? Es wäre schön, wenn sie jetzt mit jemandem reden könnte. Sie schaute auf den Prospekt. Ich möchte wissen, wie es anderen Mädchen in meiner Situation ergangen ist, dachte sie. Eine Abtreibung kann ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen. Aber ein Kind zu haben, jetzt – eigentlich auch nicht. „Lassen Sie sich etwas Zeit“, sagte der Arzt noch einmal. „Kommen Sie nächste Woche wieder, dann sehen wir weiter.“ So verließ sie die Praxis. 

Auf dem Nachhauseweg kam sie an den erleuchteten Fenstern und Fassaden vorbei. Bald ist Weihnachten, dachte sie. Eine schöne Bescherung! Und dann musste sie fast lachen. Letztes Jahr hatte sie an Heilig Abend beim Krippenspiel in der Kirche mitgemacht. Da war sie noch Konfirmandin gewesen. Jetzt war sie schwanger. Sie musste an Maria denken. Maria war auch noch ganz jung, als ihr der Engel sagte, dass Jesus unterwegs war. Jung und unverheiratet. Ja, wenn man der Geschichte glauben darf, hatte sie noch nicht einmal mit einem Mann geschlafen. Es sollte Gottes Kind werden in ihrem Bauch. Hat jedenfalls der Engel gesagt. Ich muss mir die Geschichte heute Abend noch mal durchlesen, dachte sie, als sie an ihrer Haustür klingelte. Ihre Mutter öffnete und sah ihr mit einer Mischung aus Neugier und mütterlicher Wärme in die Augen. Sie sagte nichts. Aber der Tochter war sofort klar: Sie wusste es. Erleichtert trat sie ein.

Später am Abend, nach langen Gesprächen mit den Eltern, schlug sie tatsächlich ihre Konfirmandenbibel auf: 

 Lukas 1,26-38

26 Als Elisabeth im sechsten Monat war, 

sandte Gott den Engel Gabriel nach Nazareth in Galiläa 

  27 zu einem jungen Mädchen mit Namen Maria. Sie war noch unberührt und war verlobt 

mit einem Mann namens Josef, einem Nachkommen Davids. 

  28 Der Engel kam zu ihr und sagte: 

»Sei gegrüßt, Maria, der Herr ist mit dir; er hat dich zu Großem ausersehen!« 

  29 Maria erschrak über diesen Gruß und überlegte, was er bedeuten sollte. 

  30 Da sagte der Engel zu ihr: »Hab keine Angst, du hast Gnade bei Gott gefunden! 

  31 Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Dem sollst du den Namen 

Jesus geben. 

  32 Er wird groß sein und wird ‚Sohn des Höchsten‘ genannt werden. Gott, der Herr, wird ihn 

auf den Thron seines Vorfahren David erheben, 

  33 und er wird für immer über die Nachkommen Jakobs regieren. 

Seine Herrschaft wird nie zu Ende gehen.« 

  4 Maria fragte den Engel: »Wie soll das zugehen? Ich bin doch mit keinem Mann zusammen!« 

  35 Er antwortete: »Gottes Geist wird über dich kommen, seine Kraft wird das Wunder voll

bringen. Deshalb wird auch das Kind, das du zur Welt bringst, heilig und Sohn Gottes 

genannt werden. 

  36 Auch Elisabeth, deine Verwandte, bekommt einen Sohn - trotz ihres Alters. Sie ist bereits 

im sechsten Monat, und es hieß doch von ihr, sie könne keine Kinder bekommen.

  37 Für Gott ist nichts unmöglich.« 

  38 Da sagte Maria: »Ich gehöre dem Herrn, ich stehe ihm ganz zur Verfügung. 

Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.«

  Darauf verließ sie der Engel.

Das Mädchen ließ die Bibel auf ihren Schoß sinken. Wie anders war doch diese Geschichte als ihre eigene. Und doch war sie sehr berührt. Manches ist wirklich ganz ähnlich, dachte sie. Gewiss, zu Maria kam ein Engel und hat ihr freundlicherweise die Schwangerschaft angekündigt. Mein Engel trug zwar auch ein weißes Gewand. Er war auch sehr freundlich. Aber war er auch ein Bote Gottes? Vielleicht eher ein Bote des Lebens. Des neuen Lebens, das ich jetzt in meinem Bauch trage.

Sie überlegte. Bange Wochen lagen hinter ihr, bevor sie sich endlich in die Arztpraxis getraut hatte. Gut dass ich mir darüber jetzt im Klaren bin, dachte sie. Eigentlich bin ich schon fast soweit wie Maria, durchfuhr es sie plötzlich. Maria lässt sich richtig für Gott in den Dienst nehmen. Sie nimmt ihr Schicksal an. „Es soll an mir geschehen, wie du gesagt hast.“ Aber deshalb ist sie noch nicht völlig überzeugt. Sie diskutiert richtig mit dem Engel: „Wie soll das zugehen?“ Wahrscheinlich haben die beiden noch viel länger diskutiert, als es hier in der Bibel steht. Mindestens so lange wie ich mit meinen Eltern vorhin. Ich kann mir jedenfalls kaum vorstellen, dass Maria im Handumdrehen eingewilligt hat in ein völlig neues Leben, in ein völlig anderes und ungewisseres Leben! Aber am Ende willigt Maria ein. Sie lässt es geschehen. Irgendwie ist es gleichzeitig ihre eigene Entscheidung und Gottes Wille, was da passiert. 

Sie las noch einmal die Engelsbotschaft: „Gottes Geist wird über dich kommen, seine Kraft wird das Wunder vollbringen. Deshalb wird auch das Kind, das du zur Welt bringst, heilig und ein Sohn Gottes genannt werden.“ Jedes Kind ist doch irgendwie heilig, dachte sie. So wie es im Leib der Mutter heranwächst, so zart, so völlig angewiesen auf die Mutter. Und jedes Kind ist ein Kind Gottes. Davon war sie überzeugt. Niemand kommt zur Welt, ohne dass Gott seine Hand dabei im Spiel hatte. Eins ihrer Lieblingslieder fiel ihr plötzlich ein: 

 „Vergiss es nie, dass du lebst war keine eigene Idee, und dass du atmest kein Entschluss von dir. 

Du bist gewollt, kein Kind des Zufalls, keine Laune der Natur, 

ganz egal ob du dein Leben in Moll singst oder Dur. 

Du bist ein Gedanke Gottes, ein genialer noch dazu. Du bist du.“

Ha, jetzt spricht ja doch ein Engel zu mir. „Vergiss es nie. Auch dein Kind ist ein Gedanke Gottes.“ Ja, das glaube ich auch. Und Gott hat Großes mit ihm vor. Es wird wachsen, es wird lieben, es wird lernen. Die Welt wird sich durch dieses Kind verändern, wenn auch nur ein wenig. Aber es wird nichts mehr so sein wie vorher. 

Auch mein Leben wird sich verändern. Von Grund auf. Nichts wird mehr so sein wie vorher. Und mehr noch als Maria kann ich es mir noch überlegen. Obwohl ich es fürchterlich finde, mir vorzustellen, dass das Kind in meinem Bauch getötet werden soll. Wie oft ändert sich das eigene Leben von Grund auf, ohne dass wir etwas dagegen tun können. Wenn jemand sehr krank wird und stirbt. Oder wenn jemand seinen Arbeitsplatz verliert. Wenn da wo man lebt ein Krieg ausbricht. Oder wenn man verlassen wird. In jeder Minute kann sich mein Leben verändern. Maria nimmt ihr Schicksal einfach so an. Sie vertraut auf Gott: „Ich gehöre dem Herrn. Es soll an mir geschehen, was du gesagt hast.“ 

Wie das wohl ist, wenn man wie Maria gesagt bekommt: „Deshalb wird auch das Kind, das du zur Welt bringst, heilig und Sohn Gottes genannt werden.“ Na, so viel anders nun auch wieder nicht. Das Kind das ich zur Welt bringen werde, wird auch ein Kind Gottes sein. Nicht sein Sohn. Aber doch sein Kind.  

Mutter hat vorhin gesagt, sie an meiner Stelle würde sich für das Kind entscheiden. Sie wollte jedenfalls mithelfen, wo es ginge. Man könne doch so ein kleines Kind nicht töten. Ich finde das auch. Meine Schwester hatte schon ganz leuchtende Augen. Wir mussten ihr das Versprechen abnehmen, dass sie erstmal niemandem was davon erzählt. Und Papa meinte nachher noch, für drei Kinder gebe es erheblich mehr Kindergeld als für zwei. Na ja, Papa.

Was Marias Eltern wohl dazu gesagt haben? Merkwürdig, von den Großeltern von Jesus hab ich noch nie was gehört. Aber so richtig entzückt werden die auch nicht gewesen sein. Zum Glück hatte die den Josef. Ich hab nicht mal einen festen Freund. Ich bin so froh, dass Mama so lieb zu mir war. Ich werde das schon schaffen. 

Mensch Maria, Mutter Gottes, plötzlich sehe ich dich mit ganz anderen Augen. Du hast es nicht leicht gehabt. So jung, wie du damals warst. Mein Kind muss auch nicht unbedingt so wichtig werden wie Jesus. Aber ich werde ihm später erzählen von diesem Tag heute und meinen ganzen Gedanken. Ich werde es auf jeden Fall zur Welt bringen. Das ist mir heute klar geworden. Es ist doch Gottes Kind. 

Das Mädchen löschte das Licht. Advent, dachte sie noch beim Einschlafen. Ankunft! Das hat jetzt noch eine ganz andere Bedeutung. Aber nun darf Weihnachten kommen.

Marc Blessing