Haus der lebendigen Steine

Ich erinnere mich noch gut an den ersten Blick auf das Haus. Meine Frau und ich waren zum Vorstellungswochenende in Genf. Gisela de Vecchi begleitete uns. Wir kamen vom Parking Saint Antoine und bogen in den Place Bourg-de-Four ein. „Da ist es“. Sie wies mit der Hand den Platz hinunter. Die Sonne schien. Für Ende Februar war es überraschend warm. Die Leute saßen in der Morgensonne auf dem Platz und tranken ihren Kaffee. Wir folgten mit unseren Blicken dem ausgestreckten Arm und sahen auf ein schönes, würdevolles Haus. Grün leuchteten die Fensterläden. Auf drei Ebenen stattliche, hohe Fenster – unten zwei Stockwerke die Kirche, oben die Pfarrwohnung. Wir staunten nicht schlecht. Auf dem Dach zwei kleine Zwiebeltürmchen. Symmetrisch wirkt das Haus und großzügig, ohne protzig zu sein, wie eine ehrwürdige Stadtvilla. Nicht gerade wie eine Kirche. Aber doch prominent nach vorne zum Marktplatz hin. Das also sollte vielleicht einmal unser neues Zuhause werden: Ich war beeindruckt. Das war 2009.

 

Heute, 2016, sieben Jahre später, ist das Haus unser Zuhause geworden. Ich liebe das Kirchgebäude: die großzügige Pfarrwohnung, die unserer siebenköpfigen Familie Raum zum Leben, zum Arbeiten, zum Spielen, zum Ruhen schenkt. Der Gewölbekeller mit seiner anheimelnden Atmosphäre – eigentlich optimal für ein Jazz-Café oder einen deutschen Bäcker (träumen darf man ja). Die Kirche selbst – mit ihrer kreisrunden Anordnung um den Altar herum. Lebens- und Feierraum für unsere Gemeinden. Der dritte Stock: Raum für den Glaubenskurs und den Konfirmandenunterricht, für Kicker-Abende mit den Teamern, für Kindergottesdienst und für Seelsorge-Gespräche. 

Ein lebendiges Haus: Wir bewohnen das Haus mit unserer Concierge Ernika, und wir teilen uns das Haus mit der deutsch-sprachigen, der englisch-sprachigen, der madagassischen Gemeinde und dazu einer Vielzahl von Menschen, die tagein tagaus hierherkommen. Vielleicht nur, um einen Moment Stille in der Kirche zu finden. Vielleicht wegen eines Patenscheins oder einer Lebensbescheinigung. Viele auch wegen der Musik: einem schönen Konzert im Sommer oder zum Orgel- und Klavierüben,  zum Musikunterricht bei Regine Kummer. Für einen Gesprächskreis oder die GV-Sitzung. Und natürlich: Für den Sonntagsgottesdienst. 

 

Ein Haus aus Steinen. Aus dem Jahre 1766. Denkmalgeschützt. (Selbst, wenn man nur das Treppenhaus überstreichen möchte, braucht man Sondergenehmigungen.) Und doch: Wir leben hier. Täglich mehrmals die Treppen hoch und runter. Längst ist das Gewohnheit. Und anstrengend, wenn der Wocheneinkauf hochgeschafft werden muss. Dass unsere älter gewordenen Eltern die drei Stockwerke nicht mehr ohne Hilfe zu uns hoch schaffen, ist da schon betrüblich. Dass überhaupt Menschen mit Gehbehinderungen weder die Toiletten im unteren Halbgeschoss noch die oberen Räumlichkeiten nutzen können, ist noch betrüblicher.  „Barrierefreiheit“ in einem alten Gebäude zum Beispiel durch einen Aufzug zu schaffen, ist fast unmöglich. Der Schacht im Treppenhaus misst nicht einmal 80 cm in der Tiefe – zu klein für einen Rollstuhl. Immerhin: Seit letztem Jahr beschäftigt sich die „renovation feasability group“ eingehend mit den Möglichkeiten einer grundlegenden Renovierung und Anpassung des Hauses an die Notwendigkeiten von heute. 

 

Das Haus ist ein Segen. Schutz- und Zufluchtsort für Durchreisende. Heimstatt in der Fremde für die hier Lebenden. Wohnzimmer und manchmal auch Schlafzimmer für die Jugendlichen (z.B. bei Kirchenübernachtungen). Ort der Feier und der Einkehr für die Gott-suchende Seele. Raum der Begegnung und des Gesprächs, der Seelsorge und Verkündigung. Manchmal Trauerhaus, manchmal Festsaal. Ein Haus, das seit 250 Jahren Segen spendet. Wir sollten dieses Kleinod weiter erhalten und seine Funktionen den heutigen Herausforderungen einer kirchengemeindlichen Arbeit in der Stadt anpassen. Damit in diesem Haus die Steine dem Leben dienen. Und das Leben die Steine erfüllt.