In Begegnung lernen Der Islam als Anfrage an unser christliches Selbstverständnis

Kemal feiert den Freitag

Kemal wird wach. Nach dem Aufstehen betet er als gläubiger Muslim sein Morgengebet. Insgesamt betet er fünf Mal im Laufe des Tages. Das Gebet folgt einem festen Ritual. Es beginnt mit der rituellen Waschung. Kemal spricht: „Im Namen Allahs, des Barmherzigen, des Allerbarmers!“ Dabei wäscht er sich die Hände. Er spült drei Mal den Mund aus und reinigt die Nase, wäscht sich drei Mal das Gesicht und beide Unterarme. Dann befeuchtet er den Nacken. Nach den Ohren werden nun auch die Füße drei Mal gewaschen. Dann erst beginnt das eigentliche Gebet. Kemal rollt dazu seinen Gebetsteppich aus und richtet sich in Richtung Mekka. Er beginnt mit den Worten: „Allah ist groß!“. Er umfasst mit seiner rechten Hand die linke und wiederholt: „Allah ist groß!“ Er verbeugt sich tief: „Ehre sei Allah – Allah ist groß“. Dazu kniet er sich hin, verbeugt sich tief, bis seine Stirn den Teppich berührt. In dieser Verbeugung wiederholt er drei Mal folgende Worte: „Ehre sei meinem allerhöchsten Allah“, bevor er sich wieder aufrichtet mit dem Vers: „Allah ist groß!“ und sich zum Verweilen in den Fersensitz begibt. Während des Gebets rezitiert Kemal immer wieder aus dem Koran. 

Heute ist Freitag. Der Freitag ist für Muslime ein besonderer Tag – wie bei Christen der Sonntag. Dann treffen sie sich zum Mittagsgebet in der Moschee. In dem Land, in dem Kemals Eltern geboren sind, ruft der Muezzin zum Gebet vom Minarett, dem schlanken Turm der Moschee. Denn das Mittagsgebet muss freitags in Gemeinschaft verrichtet werden. Am Ende wendet sich Kemal seinem Nachbarn zu und wünscht: „Friede sei mit dir“.

 

Julia feiert den Sonntag

Julia wird wach. Es ist Sonntag. Von weitem hört sie die Kirchenglocken läuten. Unwillkürlich macht Julia das Kreuzzeichen und spricht: „Im Namen des Vaters, und des Sohnes, und des Heiligen Geistes.“ Jetzt heißt es schnell aufstehen. Nach dem Frühstück mahnt Mama zur Eile. Die Messe fängt gleich an. Bald sitzt die ganze Familie im Gottesdienst. Beim Betreten der Kirche tupft Julia die Fingerspitzen in das Weihwasserbecken an der Wand und segnet sich mit dem Kreuzzeichen. Während des Gottesdienstes wird gesungen und gebetet. Das Mädchen kniet manchmal hin, sitzt oder steht in der Kirchenbank. Im Bibelwort und der Predigt erzählt der Pfarrer von Jesus, wie er einen Gelähmten geheilt hat. Dann spricht Julia mit der ganzen Gemeinde das Glaubensbekenntnis: „Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn...“. Nach dem Vaterunser geben sich alle die Hand und wünschen ihrem Nachbarn: „Friede sei mit dir.“ Beim Abendmahl bekommt Julia ein Stück Brot und trinkt einen Schluck Traubensaft aus einem silbernen Kelch. Der Pfarrer sagt dazu: „Der Leib Christi“, und: „Das Blut Christi“. Am Ende werden alle gesegnet. Nach dem Gottesdienst trifft sich die Familie noch mit Freunden. Abends vor dem Schlafengehen kommt Mama an Julias Bett. Sie denken noch einmal in Ruhe über den Tag nach, was schön war oder Kummer machte. Im Gebet vertraut Julia Gott alles an, was sie auf dem Herzen hat. Dann singen sie ein Gute-Nacht-Lied. Am Ende macht Mama Julia ein kleines Kreuzzeichen auf die Stirn: „In Gottes Hand bist du geborgen“. 

 

Julia und Kemal. Der eine ein gläubiger Moslem. Die andere eine gläubige Christin. Die Welt wäre ein friedlicher Ort, wenn jede und jeder ihre/seine Religion in Freiheit leben könnte. Fromme Moslems und fromme Christen eint die Verehrung des einen Gottes, des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs, wie es gleichlautend in der Bibel und im Koran heißt. Beide beziehen sich auf Abraham als ihren „Vater im Glauben“. Beide kennen Gott als Schöpfer und verehren die Propheten. Während die Moslems Mohammed als den letztgültigen Offenbarer der Geheimnisse Gottes ansehen, verehren die Christen Jesus als den Sohn Gottes, in dem Gott seine Liebe und Güte zu den Menschen gezeigt hat. 

 

Für beide Religionen ist die Bibel bzw. der Koran die gültige Quelle aller Erkenntnis Gottes. In beiden Heiligen Schriften gibt es fürchterliche und brutale Stellen, die von der „Vernichtung der Feinde“ oder dem „Tod der Ungläubigen“ erzählen. Christen beziehen alle biblischen Texte auf Jesus Christus. Von ihm her ist es ihnen erlaubt, die unmenschlichen Texte kritisch bis hin zur Ablehnung zu lesen. Das heißt auch, dass nicht alle biblischen Texte die gleiche Relevanz und Bedeutung haben. Auch im Koran gibt es friedliche und tolerante Texte. Es ist aber unklar, in welchem Verhältnis diese zu den Gewalt verherrlichenden Passagen stehen, auf die sich fundamentalistische und radikale Moslems berufen.  

 

Der Islam fordert uns als Christinnen und Christen heraus. Seit überwiegend muslimische Flüchtlinge in Europa Schutz vor dem sogenannten „Islamischen Staat“ suchen, müssen Christinnen und Christen plötzlich wieder erklären, warum und wie sie ihren Glauben leben. Warum feiert ihr Weihnachten? Warum dürfen bei euch Frauen Pfarrerinnen werden? Welche Bedeutung hat die Bergpredigt? Wie soll man das Gebot der Feindesliebe interpretieren? Warum tauft ihr? Darf ein Christ zum Islam konvertieren? Und wie ist es umgekehrt? In Berlin bietet eine lutherische Kirche Taufunterricht für Flüchtlinge an. 

 

Das Wichtigste zur Stärkung der Friedenskräfte in den Religionen ist meines Erachtens die Begegnung. Je mehr wir voneinander lernen und übereinander erfahren, desto weniger fremd und ablehnend sind wir und desto leichter fällt es uns, die Andersartigkeit des anderen zu tolerieren. Und, genauso wichtig: Ich lerne durch die Begegnung auch, wer ich selbst bin. Warum mir manches wichtig und unverzichtbar in meinem eigenen Leben erscheint. Vielleicht lerne ich in der Begegnung mit Menschen anderer Religionen plötzlich auch zu erkennen, wie wichtig mir bestimmte Aspekte meines eigenen, des christlichen Glaubens, sind. Fordern uns fromme Moslems nicht heraus, auch unser eigenes Gebet wieder hoch zu schätzen? Lernen wir in der Begegnung mit ihnen nicht auch, dass auch bei uns das Fasten eine Bedeutung hat? Oder das Almosen-Geben. Und haben wir nicht auch in unserer Tradition das Pilgern wieder neu entdeckt? 

 

Und könnten Moslems in der Begegnung mit uns nicht auch lernen, dass man den Koran kritisch lesen darf, so wie wir die Bibel. Könnten sie lernen, dass Frauen gleiche Gaben, gleiche Rechte, gleiche Möglichkeiten haben dürfen wie Männer? Könnten sie lernen, dass es gerade Ausdruck der Freiheit ist, seine Religion zu wechseln? Und zwar sowohl hin zum Islam als auch weg von ihm? Könnten wir uns darauf verständigen, alle Gewalt im Namen Gottes oder Allahs zu ächten? 

 

Dieser Gemeindebote will das Gespräch über den Islam und das Christentum anregen. Der Gesprächskreis hat sich mit dem Leben des Propheten Mohammed befasst und mit der Lehre des Koran. Dienstags nachmittags, beim English Café, öffnen wir unsere Kirchentüren für Flüchtlinge und Hilfesuchende. Und vielleicht haben Sie in Ihrem Freundeskreis oder in der Nachbarschaft Muslime, die Sie mal befragen können. 

 

Ich möchte vier Buchtipps zum weiteren Nachlesen und Vertiefen geben: 

 

Grundlegend: Hans Küng, Der Islam, München, 2004. 

Kritisch: Hamed Abdel-Samad, Mohammed- eine Abrechnung

München 2015

Für Kinder: Jan von Holleben, Jane Baer-Krause, Wie heißt dein Gott eigentlich mit Nachnamen?, Stuttgart 2015

Kritischer Blick aufs Christentum aus muslimischer Sicht: Navid Kermani, Ungläubiges Staunen – über das Christentum, München 2015

 

Ich freue mich auf Gespräche und Begegnungen,  

 

Ihr