Genf lebt von Brücken. Wer einmal mit dem Flugzeug bei klarem Wetter in 8000 m Höhe über die Stadt am Rhône-Ausfluss geflogen ist, kann auch aus größter Entfernung noch die Mont-Blanc-Brücke entdecken. Sie verbindet „rive gauche“ mit „rive droite“, das südliche mit dem nördlichen Ufer des Genfer Sees und ist die Hauptverkehrsader der Stadt – meistens verkehrsinfarktgefährdet. Über Rhône und Arve führen 20 Brücken. Wer in Genf lebt, quert sie tagein tagaus. 

 

Brücken bauen – so lautete das Motto des 250. Kirchenjubiläums, das wir Anfang Juni mit einem wunderbaren Fest in der und um die Kirche gefeiert haben. Brücken bauen – das Motto spiegelt das Selbstverständnis der Lutherischen Kirche am Place du Bourg-de-Four wider: sich nicht abschließen. Nicht nur bei sich bleiben. sondern sich öffnen. Auf andere zugehen. Brücken schlagen hin zur Stadt, zu den Geschwistern aus den anderen christlichen Kirchen und weiter zu den nicht-christlichen Religionen. Mitwirken hinein in die gesellschaftlichen und politischen Prozesse. Brücken bauen – das verbindet uns mit den ersten Christen, die, wie man in der Apostelgeschichte nachlesen kann, nicht in Jerusalem hocken blieben, sondern die Nachricht vom auferstandenen Christus hinaus getragen haben in die Welt, zuerst „zu den Juden“ und dann „zu den Griechen und Heiden“, ja später bis nach Rom und in die gesamte damals erschlossene Welt.

 

Kein Wunder, dass sich schon die frühen Päpste den Ehrentitel „pontifex“ (Brückenbauer) zulegten, und um ihrer Bescheidenheit Ausdruck zu verleihen, das

zarte „maximus“ ergänzten. Größter Brückenbauer aller Zeiten. Seit Martin Luther (und spätestens seit einer Bild-Titelzeile) sind wir ja alle „Papst“ – und insofern

sind wir alle zu Brückenbauern geadelt. Nicht nur der Transzendenz wegen ist das ein gutes Motto, wo doch die Übersteigung des Irdischen hin zum Himmlischen womöglich der Kern aller Religion sein könnte. Die Sehnsucht, einen Ort zu haben, an dem die endliche Welt mit ihrem Schweren, ihrem Leiden, ihren Krankheiten durchlässig wird für die unendliche Welt, war wohl auch ein Movens derer, die die Lutherische Kirche Genf 1766 gebaut haben. An diesem Ort

sollten Menschen Gottes Segen spüren. An diesem Ort sollten sie in Frieden ihren Gott anrufen dürfen. Und, so war es von Anfang an der Lutherischen Kirche

aufgetragen, sie sollte ein Ort der Aufnahme für Flüchtlinge und Hilfesuchende sein. Nicht nur Brücken nach außen, auch nach innen sollten sie mithin

gebaut werden. 

 

Der Gedanke des „Brückenbauens“ ist zutiefst im christlichen Glauben verankert, im Gedanken der Inkarnation. Dieser Gedanke besagt: Gott überbrückt den unendlichen Abstand zwischen sich und der Welt, in dem er selbst in Jesus Christus Mensch wird. Weil Gott ein solcher Brückenbauer ist, sollen wir Menschen es ebenfalls sein. Nichts anderes meint Nachfolge Jesu Christi. 

 

Kirchen sind also in einem geistlichen und symbolischen Sinne Brückenorte. Hier begegnen sich Gott und Welt, Glaube und Vernunft, Kirche und Gesellschaft.

Eine Brücke setzt voraus, dass zwei Bereiche von einander getrennt sind und mit einander verbunden werden müssen. Wo immer alles eins ist, gar mystisch verschmolzen, da muss nichts überbrückt werden. Das Brückenbauen setzt also die Idee der Differenz, der Unterscheidung voraus. Unsere Welt heute ist kein Einheitsbrei. Im Gegenteil. Wir erleben durch die vielen Migrations-bewegungen z. Zt. wieder neu, wie wichtig Identität und Differenz sind. Ja, wir werden uns neu bewusst, wer wir selbst sind, weil wir anderen Menschen aus fremden Religionen und Kulturen begegnen. Wir müssen uns wieder neu erklären, auch als Deutschsprachige lutherische Kirchengemeinde in einem fremdsprachigen und laizistischen Umfeld. Wir müssen den Glauben wieder neu erklären in einer atheistischen und wissenschaftsgläubigen Zeit. In einer Stadt, in der Staat und Kirche so radikal getrennt sind, dass Gottesdienste in der Öffentlichkeit

sogar verboten sind, muss Kirche sich in ihrem Auftrag zum Mitwirken am gesellschaftlichen Diskurs neu erklären.

 

Es war deshalb eine besondere Freude, beim Kirchenjubiläum so viele Brückenbauerinnen und -bauer zu sehen. Das Fest fand „extra muros“, vor unseren Kirchenmauern, auf dem Genfer Marktplatz statt, gut sichtbar für die Genfer Bevölkerung. Dass der Festgottesdienst in ökumenischer Weite und mit über 50

Nationalitäten gefeiert werden konnte, dazu noch mit einem symbolischen „Brückenschlag“ von der Madeleine-Kirche zur Lutherischen Kirche, hatte große

Strahlkraft. Die Kirche öffnete Tore, Türen und Fenster zur Stadt hin – und viele kamen. Beim Festakt spiegelte sich vollends wider, wie gut vernetzt die Lutherische

Kirche ist: Bei welchem Kirchenjubiläum überbringen zugleich die Präsidenten von Lutherischem Weltbund und Ökumenischem Rat der Kirchen ihre

Grüsse? Zudem hießen wir die Vertreter der interreligiösen Plattform und der Eglise Protestante de Genève willkommen. Die Präsidentin der Denkmalschutzbehörde

sagte in ihrem Grußwort, die Lutherische Kirche sei eines der Aushängeschilder der ästhetischen und städtebaulichen Topographie Genfs.

 

Besonders ungewöhnlich in dem stark säkularen Kanton Genf war jedoch, dass sogar ein Staatsvertreter, André Castella, anwesend war. Erst im Dezember hatte er die Neufassung der Genfer Konstitution in der Lutherischen Kirche mit Vertreterinnen der Religions-gemeinschaften diskutiert und dabei besonders ein neues Verständnis von Laizität vorgestellt, das weg von einer radikalen Trennung und hin zu einem Dialog zwischen Staat und Kirchen/Religionsgemeinschaften plädiert. Auch dies also ein Brückenbauerkonzept, das sich allmählich in der Zivilgesellschaft durchzusetzen beginnt. Als deutschsprachige

Lutheraner in der Stadt Calvins, Rousseaus und Voltaires begrü.en wir diesen Schritt, der den Dialog zwischen Staat und Religionsgemeinschaften führen hilft, ohne dabei beide Seiten zu vermischen.

 

Brücken bauen – so lautet der Titel dieses Gemeindeboten. Neben einem Rückblick auf die Feierlichkeiten drucken wir als „Leitartikel“ den Vortrag von Friedrich Lohmann, Präsident der Lutherischen Kirche Genf, ab, den er zum Festakt am 5. Juni gehalten hat. Dazu präsentieren wir eine ganze Reihe von Bildern und Berichten der vergangenen Monate, in denen die reichen Brückenbauer-Aktivitäten der Lutherischen Kirche Genf dokumentiert werden.

 

All die, die im Sommer neu nach Genf gezogen sind und nach einer Heimat fern der Heimat suchen, laden wir herzlich ein, einmal bei uns hinein zu schnuppern. Von der Minikirche, über Religions- und Konfirmandenunterricht, Junge Gemeinde, Chöre und viele Gruppen und Kreise bis hin zum sonntäglichen Gottesdienst bauen wir gern eine Brücke auch ganz persönlich zu Ihnen. Lassen Sie sich inspirieren. Informationen finden Sie unter www.luther-genf.ch und noch mehr Bilder, Texte und wunderbare Videos zum Jubiläum finden Sie unter www.luther250.com.

 

Schließlich möchte ich im Namen der Lutherischen Kirche Genf all denen ein großes Dankeschön aussprechen, die das Kirchenjubiläum und alle damit verbundenen

Aktivitäten zu einem so wunderbaren Fest haben werden lassen. Stellvertretend für viele andere möchte ich besonders danken: Gisela de Vecchi, Antje Fritz, Friedrich Lohmann, Barbara Blum, Ursula Loizides, Luise Askani, Irmtraut Dehning, Alexa von Behr, Dagmar Magold, Regine Kummer – und von englischsprachiger

Seite auch Ray Woodcock, Dorine van Tesseling, Terry McArthur, Koko Taylor, Ralston Deffenbaugh, Marian und Jonathan Frerichs, Donna Philipps.

 

Marc Blessing

 

Das 250. Jubiläum war ein besonderer Anlass zum Brückenbauen

“Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,

gib mir den Mut zum ersten Schritt.

Laß mich auf deine Brücken trauen,

und wenn ich gehe, geh du mit.

Ich möchte gerne Brücken bauen,

wo alle tiefe Gräben sehn.

Ich möchte hinter Zäune schauen

und über hohe Mauern gehn.

Ich möchte gern dort Hände reichen,

wo jemand harte Fäuste ballt.

Ich suche unablässig Zeichen

des Friedens zwischen Jung und Alt.

Ich möchte nicht zum Mond gelangen,

jedoch zu meines Feindes Tür.

Ich möchte keinen Streit anfangen;

ob Friede wird, liegt auch an mir.

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,

gib mir den Mut zum ersten Schritt.

Laß mich auf deine Brücken trauen,

und wenn ich gehe, geh du mit.”

 

(Kurt Rommel)