Den Tagen mehr Leben geben

 

„Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben“

(Cicely Saunders, Begründerin der Hospizbewegung)

 

Wie möchten Sie sterben?

Auf diese Frage hat der Arzt und Kunstsammler Reiner Speck geantwortet: „Ohne es zu merken, in der Bibliothek“. Mitten aus dem Leben möchten viele Menschen in den Tod übergehen, zu Hause, in vertrauter Umgebung, in der Nähe vertrauter Menschen. 95 % der deutschen Bevölkerung geben an, zu Hause, in ihrer ewohnten Umgebung sterben zu wollen.

 

Wo wird gestorben?

Dieser Wunsch geht nur für die wenigsten in Erfüllung. 70% aller Menschen in Deutschland sterben in Krankenhäusern oder Pflegeheimen. Manchmal ist es medizinisch notwendig. Die große Zahl ist aber auch Ausdruck für die Schwierigkeit, mit dem Tod umzugehen. Man sucht Zuständige für das Sterben. Krankenhäuser und Altenpflegeheime gelten als zuständig, unabhängig von der Frage, welche Art von Zuwendung die Sterbenden brauchen – und erhalten können. „Wir können dem Leben nicht mehr Tage geben, aber den Tagen mehr Leben.“ Cicely Saunders, die Begründerin der modernen Hospizbewegung, hat auf den Punkt gebracht, worum es in der Begleitung Sterbender geht. Wenn alle Mittel im Sinne einer Genesung erschöpft sind, sind wir längst nicht am Ende unserer

Möglichkeiten. Wir können viel tun, was Sterbenden und ihren Angehörigen wohl tut, was Schmerzen auf ein erträgliches Maß mindert, was Raum gibt für Gefühle, für Fragen und Klärungen, für Trost. Noch einmal lässt sich spüren, was das Leben schön und kostbar macht: Innige Zuneigung, Freundschaft und Liebe. Als Christen und als christliche Seelsorger trägt uns der Glaube: Dieses Leben ist uns von Gott geschenkt, vom ersten bis zum letzten Atemzug – und darüber hinaus.

 

Christoph

Mein Bruder ist 35 Jahre alt geworden. Seit seiner Kindheit litt er unter einem semi-malignen Gehirntumor. Langsam wachsend, aber zunehmend vom Kopf und der Steuerung Besitz ergreifend. Mit zunehmendem Alter verlor er nach und nach sein Sehvermögen. Am Ende war er fast blind. Krämpfe auf der rechten Seite des Körpers hinderten ihn, sich frei zu bewegen. Am Ende musste er im Rollstuhl sitzen und war auf fremde Hilfe angewiesen. Seine Sprache wurde immer schlechter, weil der Tumor auf das Sprachzentrum drückte. Am Ende konnte er kaum noch sprechen. Er liebte das Leben. Und gern hätte er wie seine Geschwister Fußball gespielt, eine Freundin und vielleicht eigene Kinder gehabt. Das ist ihm verwehrt geblieben. Mit Gott hat er gehadert. Hier eines

seiner Gedichte:

 

Ade geliebte Eltern,

ade geliebte Geschwister

Ob ich gehe hin oder her,

macht Gott mir das Leben schwer.

Bis zum zehnten Lebensjahr,

war mein Leben wunderbar.

Denn ich konnte rennen, wandern und schwimmen,

sogar manch hohe Berge erklimmen.


Seitdem ich elf geworden bin,

hat das Leben keinen Sinn.

Gott lässt mich leiden immerzu,

leiden, leiden, ohne Ruh.

Gott hat doch seine Freude daran,

mich leiden zu lassen,

wann immer er kann.


Weil Gott mich nicht erhören will

Leg ich dies Jahr mein Leben still.

Die Krämpfe werden immer schlimmer,

ich habe mich umgebracht im Badezimmer.

Ins Wohnheim wollte ich nicht gehen,

ihr aber könnt mich nicht verstehen.

Ade geliebter Vater, ade geliebte Mutter,

jetzt, wo ich tot bin ist alles in Butter.

 

Und drei Tage drauf aus dem schönen Haus,

trugen von Blessing Christoph hinaus.

Alle singen mit Trauergesicht

Jesus meine Zuversicht.

 

Und die Geschwister

klagen sehr, Christoph

ist tot nun, ihn gibt’s jetzt nicht mehr.

 

Der Wunsch zu leben – der Wunsch zu sterben

Mein Bruder hat sich nicht umgebracht. Aber er hat mit dem Gedanken gespielt, und manchmal hat er sich damit getröstet, dass es möglich wäre, seinem Leben ein Ende zu setzen.

 

Den Tagen mehr Leben geben

Die letzte Lebensphase meines Bruders wurde mit der für uns erschütternden Nachricht eröffnet, dass man medizinisch nichts mehr machen könne. Wir sollten ihn mit nach Hause nehmen und sein Sterben so schön wie möglich gestalten. Die Nachricht traf uns hart. Jetzt war also wirklich der letzte Abschnitt

gekommen. Doch wir taten, was die Ärzte sagten: das Sterben so schön wie möglich zu gestalten.

 

Dem Sterben Raum geben

Das alte Kinderzimmer wurde neu zum Leben erweckt. Meine Mutter hing Bilder der Familie, der Patenkinder, der Freunde übers Bett. Jeden Tag stellte

sie frische Blumen aus dem Garten hin. Die bekannten Geräusche aus Kindertagen drangen durchs Fenster herein. In der Nachbarschaft hatte sich

schnell herumgesprochen: Christoph ist nach Hause gekommen. Die Nachbarn kamen. Mal standen frische Brötchen vor der Tür. Mal ein Topf Suppe. Und jeder, der kam, setzt sich einen Moment ans Bett und nahm Abschied. Christoph schlief viel. Aber wenn er wach war, nahm er wahr, wer da war und freute sich

am Gelächter und den Gesprächen um ihn herum.

 

Rituale des Abschieds

Morgens haben wir die Herrnhuter Losungen gelesen. Abends haben wir uns an seinem Bett versammelt und die Abendlieder gesungen, die uns so lieb waren: Der Mond ist aufgegangen. Abend ward bald kommt die Nacht. Der Tag mein Gott ist nun vergangen. Und: Bleib bei mir Herr, der Abend bricht herein. Sein Tod war grässlich. Ein halbstündiger Kampf um Luft, ein Aufbäumen seines jungen Körpers gegen den Tod. Und wir, erschüttert, daneben. Wir hielten ihn im Arm. treichelten seinen Kopf. Hielten seine Hand. Und dann war alles vorbei. Ein letzter Atemzug, und das über Wochen vom Schmerz angespannte Gesicht entspannte sich. Frieden. Ruhe. Erlösung.

 

Das Sterben eines Menschen bleibt als wichtige Erinnerung zurück

„Das Sterben eines Menschen bleibt als wichtige Erinnerung zurück bei denen, die weiterleben. Aus Rücksicht auf sie, aber auch aus Rücksicht auf den Sterbenden ist es unsere Aufgabe, einerseits zu wissen, was Schmerz und Leiden verursacht haben, andererseits zu wissen, wie wir diese Beschwerden effektiv

behandeln können. Was in den letzten Tagen und Stunden eines Menschen geschieht, kann viele bestehende Wunden heilen.„ (Cicely Saunders). Einen sterbenden Menschen zu begleiten ist eine Erfahrung, die man sich nicht wünscht, die aber das Leben bereichern und vertiefen kann. Wer in solch eine Situation gerät, sollte sie nicht ablehnen.

 

Zur Würde des Menschen gehört es, in Würde zu sterben.

Diese Einsicht steht für die Hospizbewegung. Sie ist in meinen Augen die wichtigste Antwort auf die Veränderungen der Sterbekultur in unserer Gesellschaft.

Die Hospizbewegung begehrt auf gegen die Verdrängung des Todes aus unserer Wahrnehmung. Sie will dazu helfen, das Sterben wieder als eine Phase des Lebens anzusehen und nicht etwa als ein vermeidbares Geschehen mit dem Missgeschick des Todes als Resultat. Was für die Hospizbewegung im Besonderen gilt, gilt für die Sterbebegleitung überhaupt. In vielen Kulturen zählt die Sterbebegleitung zu den wichtigsten Aufgaben der Angehörigen gegenüber ihren nahe stehenden Sterbenden. Diese Aufgabe ist – auch Dank der Hospizbewegung – in der westlichen Welt wiederentdeckt worden.

 

Was wird mit uns sein, wenn wir sterben?

Die Bibel spricht darüber sehr verhalten. Aber an vielen Stellen malt sie Bilder. Eines der schönsten steht im letzten Buch der Bibel, wo es heißt:

 

Gott wird abwischen alle Tränen

von ihren Augen, und

der Tod wird nicht mehr sein,

noch Leid, noch Geschrei,

noch Schmerz wird mehr

sein. Denn siehe, spricht der

Herr: Ich mache alles neu.

(Buch der Offenbarung, Kapitel 21)

 

Es ist nicht mehr die alte, schmerz- und leidgeprüfte Erde, auf der Menschen durch Krankheit, durch Behinderung, durch Unfall, sterben. Es ist die neue Erde. Und dieses Bild steht in der Bibel für eine fürsorgende Mutter, die gleichzeitig das Leben schützt und in ihrer Ruhe aufnimmt. Von ihr kommt keine tödliche Bedrohung. Zu ihr kann man kommen aus leidvollen Krisen und nach verlorenen Krankheitskämpfen. Die neue Erde ist die heilende Erde Gottes. Was mich schließlich besonders anrührt ist dieser Gott, der die Tränen von den Augen seiner Kinder abwischt. Keine Distanz, keine Fremdheit, sondern liebevolle Berührung. Nähe. Trost. Wer Tränen abwischt, der kommt nicht nur mit den Fingern damit in Berührung; der nimmt das Leid, den Schmerz, die Traurigkeit an, nimmt all das auf sich, bekommt daran Anteil. Gott kennt das Leiden, er kümmert sich um den Kummer der Menschen. Er weiß selbst, was Tränen sind. Ja, so will ich sterben. Gehalten von Menschen, die mir nahe sind. Und in dem Glauben, dass mein Weg am Ende bei Gott geborgen ist. 

 

 

Marc Blessing