Guter Rat für Engel 

Ihr sollt nicht eure Flügel falten, 

damit ihr durch Türen 

kommt, 

noch eure Köpfe beugen, 

damit sie nicht gegen eine Decke stoßen, 

noch Angst haben zu atmen, 

damit die Mauern nicht 

bersten und einstürzen. 

Ihr sollt nicht in Gräbern wohnen, 

die von den Toten für die Lebenden gemacht sind. 

Und obwohl von Pracht 

und Glanz, 

sollte euer Haus weder euer Geheimnis hüten, 

noch eure Sehnsucht 

beherbergen. 

Denn was grenzenlos 

in euch ist, 

wohnt im Palast des Himmels, 

dessen Tor der Morgennebel ist und dessen Fenster die Lieder und die Stille der 

Nacht sind. 

(Khalil Gibran)

Engel

Über meinem Bett hing ein Bild mit zwei Engeln. Es entstammt einem Deckenfresko, das irgendwo in einer berühmten Kirche ist. Es hat mich als Kind sehr beruhigt und mir beim Einschlafen geholfen: War ich doch nicht allein im dunklen Zimmer, sondern hatte gleich zwei Engel, die mich beschützen. Zwei ist besser als einer, die können sich ja dann, wenn sie selbst ausruhen müssen, beim Aufpassen abwechseln. Die Engel hatten Instrumente in der Hand, wie die auf den Feldern von Bethlehem. So sind Engel: freundlich, musikalisch und stark! Vor allem: stärker als das Böse! 

Dass ich Schutzengel habe, davon war ich als Kind überzeugt. Und heute bin ich es immer noch. Ich glaube, dass jeder Mensch Schutzengel hat. Die Sehnsucht danach war es wohl auch, die eine Freundin von mir bewog, sich gerade in der orthodoxen Kirche taufen zu lassen. In der orthodoxen Tradition gilt es nämlich als sicher, dass die Neugetauften einen Schutzengel an die Seite bekommen. 

Einen Schutzengel oder mehrere? Mir gefällt der Gedanke nicht, nur einen einzigen Schutzengel zu haben. Das wäre ja dann so etwas wie ein Bodyguard und Hausdiener, der nur auf mich fixiert ist. Das wäre ziemlich unhöflich, so hoch von mir zu denken. Ein Privatengel! Vermutlich sind die Engel viel eher unsichtbar um uns herum und wir spüren sie nur gelegentlich. Man könnte sagen, sie praktizieren auf der Welt eher so etwas wie „Raumdeckung“, als dass sie auf uns einzelne Menschen fixiert sind. 

Wenn ein Engel in der Bibel auf irgend etwas fixiert ist, dann ist er auf Gott fixiert, der ihn als Boten, als Schutzengel, als „Diener und Feuerflamme“ (Hebräer 1, 7 und 14) geschickt hat. Der Erzengel Gabriel sagt zum ungläubigen Zacharias, dem Vater Johannes des Täufers: „Ich bin Gabriel (d.h.: meine Kraft ist Gott), der vor Gott steht und bin gesandt, mit dir zu reden“ (Lukas 1,19) und Zacharias wird dafür bestraft, dass er dem Wort des Engels, das eigentlich das Wort Gottes ist, nicht gehorcht. „Was bei Menschen unmöglich ist, ist bei Gott möglich (Lukas 18,27)“ sagt Jesus später. 

Am Eindrücklichsten zum Thema Schutzengel fand ich ein Bild aus dem Frankfurter Dom: Der Erzengel Michael (d.h.: Wer ist wie Gott?), der uns ja als der bekannt ist, der am Ende der Zeiten mit dem bösen Drachen kämpft (Offenbarung 12,7) und der im „deutschen Michel“ sich noch als ehemaliger deutscher Nationalheiliger zeigt, hält eine Waage in der Hand, in deren einer Schale der Teufel sitzt und in deren anderer Schale ein Kind ist. Bei Gott wiegt ein Kind schwerer als alle Macht des Bösen in der Welt! Was für eine schöne Darstellung eines Schutzengels! 

“Sie kommen noch immer durch den aufgebrochenen Himmel, die friedlichen Schwingen ausgebreitet, und ihre himmlische Musik schwebt über der ganzen müden Welt …” 

Zitat: William Shakespeare 

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel. 

Sie gehen leise und müssen nicht schrein, 

Oft sind die alt und häßlich und klein, die Engel. 

Sie haben kein Schwert, 

kein weißes Gewand, die Engel. 

Vielleicht ist einer, der gibt dir die Hand, 

Oder er wohnt neben dir, Wand an Wand, der Engel. 

Dem Hungernden hat er das Brot gebracht, der Engel. 

Dem Kranken hat er das Bett gemacht, 

Er hört, wenn du ihn rufst in der Nacht, der Engel. 

Er steht im Weg und er sagt: Nein, der Engel, 

Groß wie ein Pfahl und hart wie ein Stein 

Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein, die Engel.* 

* Aus: Rudolf Otto Wiemer „Der Augenblick ist noch nicht vorüber“ Kreuz Verlag, Stuttgart 2001. 

Immer wieder gibt es allerdings in der christlichen Literatur, auch der Liedliteratur, etwas entwürdigende Aussagen über Engel. „Gott gibt Dir einen Engel mit“ heißt zum Beispiel ein Lied aus Braunschweig, wo ich aufgewachsen bin. Ich dachte bei der Wortwahl immer eher an das Butterbrot, das mir in die Schule mitgegeben wird. Irgendwie unwürdig für den Schutzengel, so „mitgegeben“ zu werden. Ein Engel ist ja ein Bote, so die Wortbedeutung. Ein Bote aber wird gesandt und nicht mitgegeben: „O, und Sie sind der Botschafter Portugals bei der UNO?“- „Ja, ich wurde der UNO aus Portugal mitgegeben.“ Das hört sich doch komisch an! 

Neben Schutzengeln gibt es also auch Botenengel. Der Theologe Claus Westermann schreibt in „Gottes Engel brauchen keine Flügel“: „Der Engel kommt ins Sein mit seinem Auftrag, er vergeht mit der Erfüllung seines Auftrags, denn seine Existenz ist Botschaft.“ Das klingt zwar richtig, aber doch auch sehr nüchtern protestantisch. Der Engel kommt, macht Meldung und tritt ab. Komparse mit Sprechtext. 

Aber in der Bibel treten doch manche Engel häufiger auf. Und dann gibt es ja nicht nur Botenengel und Schutzengel, sondern auch Cherubim und Seraphim, die Gott mit einhelligem Jubel preisen und mit deren Stimmen wir die unseren vereinen, wenn wir vor dem Abendmahl das „Heilig“ singen. Oder der unsichtbare Engel, der das Wasser im Teich Bethesda umrührt (Johannes 5) und es so heilkräftig macht. Offensichtlich kommt der auch häufiger dorthin, und er sagt gar nichts. 

Die leuchtenden Gestalten aus meiner Kinderbibel, an denen ich mich immer so gefreut und aufgerichtet habe, sollten mir denn auch ausgetrieben werden. Ich hörte in der Kirchengemeinde, zu der ich gehörte, dass „Bote“ eben ein ganz menschlicher Bote sei. Die Engel dort sind wie Du und ich. Lichtwesen gäbe es nicht. 

Jeder Mensch kann einem anderen zum Engel werden, als Bote oder Schutzengel. So wie in dem bekannten Gedicht von Rudolf Otto Wiemer „Es müssen nicht Männer mit Flügeln sein“: 

Es ist unbestritten so! Wir können einander zu Engeln werden. Wir sollen das sogar! Martin Luther schreibt in der „Freiheit eines Christenmenschen“ (1520) von dieser Dienstbarkeit aus Liebe, die dem Nächsten um Christi Willen „untertan ist“. Eine wunderbare Dialektik: Ich bin frei - um dem Nächsten zu dienen! 

Aber doch macht es traurig, die Engel nur so im Diesseits zu sehen. Warum wurden sie im 20. Jahrhundert, gerade bei uns Evangelischen, so entmythologisiert? Weil kein Mensch mehr an sie glaubt? Wenn moderne Menschen noch an Übersinnliches glauben, dann doch an die Engel!! 

Segensengel 

Fürchte dich nicht, 

denn du hast Gnade 

vor deinem Gott 

gefunden. 

(Lukas 1, 30)

Es steckt wohl eher Vorsicht dahinter: Im Hebräerbrief (1. Kapitel) wird davor gewarnt, Engel zu verehren. Die Ehre gebührt nur Gott allein. Die Engel sind geschaffene, Gott dienstbare Geister, die Gottes Willen ausrichten. Sie stehen unter Gott und unter Christus, der das Wort Gottes selber IST, das sie ausrichten sollen. Der Apostel Paulus warnt in diesem Zusammenhang vor anderen Botschaften, anderen Evangelien, die sich nicht um Christus drehen, selbst wenn sie von Engeln ausgerichtet würden (Galater 1,8). So geschah es ja dann auch: Engelbegegnungen begründeten die Offenbarungsreligionen des Islam und des Mormonentums. Engel erfreuten sich in esoterischen Kreisen grosser Beliebtheit, schon zu Zeiten des frühen Christentums, in denen der Himmel in Sphären aufgeteilt wurde, die als von einem riesigen, himmlischen Hofstaat bewohnt gedacht wurden. Engel vermitteln die Erkenntnis, wie der Mensch sich von der bösen Materie befreit oder durch Befolgen von Gesetzen Gottes Wohlgefallen erlangt. Nebensachen werden zur Hauptsache und DIE Hauptsache, wenn überhaupt, zur Nebensache gemacht. Die Engel dienten den Religionsstiftern dazu, ihren Lehren göttlichen Ursprung zuzuschreiben. Der mittelalterliche Hymnus „Dicimus grates tibi“ (EG 143) beschreibt die Engel dagegen so: „Sie glänzen wie der Sonnenschein, wie Feuerflammen hell und rein als Gottes gute Geister. Von überirdischer Natur sind sie die schönste Kreatur, und Christus ist ihr Meister.“ 

 

 

Engel – für sich selbst 

Sie sah nicht, 

dass ich es sah: 

Wie sie den Finger 

über die Fensterscheibe 

gleiten ließ, 

der Zug fuhr schnell, 

es hatte geregnet. 

Sie malte ein lachendes Mondgesicht. 

Dann 

als der Schaffner kam 

zeigte sie lässig 

ihre Fahrkarte. 

Eine alte Dame mit 

strengem Mund. 

(Inge Meidinger-Geise, 

heute 84-jährige Schriftstellerin)  

Ich möchte auch in dieser Heiligen Nacht die Engellieder mitsingen, mit in den Jubel einstimmen über das Christuskind, das alle anderen Heilswege übertrifft, weil es selbst „Gott mit uns“ (Immanuel) ist. Ich möchte Anderen, soweit es in meinen Möglichkeiten liegt, dienen und mich über ganz weltliche Engel freuen, die für mich zu Schutzengeln oder Boten Gottes werden. Ich möchte mit Cherubim und Seraphim Gott loben, dass auch ich zu denen gehören darf, die Gottes Kinder genannt werden, weil sie zu Jesus Christus gehören, die Gott liebt und die bei Gott schwer wiegen. 

Kindlich einfach ist die himmlische Freude, so wie die Freude eines Kindes über seine Schutzengel ist die Freude der Engel über das Kind, das in der Krippe liegt. Wer und wie Engel auch immer sind-lassen wir uns von ihrer Freude anstecken! 

Herzlichst 

Ihr 

Matthias Burghardt