Angedacht

500 Jahre Reformation – Feier der Versöhnung?!

 

Aus römisch-katholischer Sicht sah man die Aktivitäten zum 500. Reformationsjubiläum zunächst kritisch. Was genau sollte da eigentlich gefeiert werden? – wurden die Protestanten gefragt. Für viele Katholiken gilt die Reformation bis heute als eine Bewegung der Trennung und Abspaltung, die in der Folgezeit zu gegenseitigen Verwerfungen bis hin zu Glaubenskriegen geführt hat. Soll man 500 Jahre „geschieden sein“ etwa feiern? Widerspricht das nicht der Bitte und dem Auftrag Jesu, dafür zu beten, „dass alle eins seien“ (Joh. 17,21)? 

In der Tat: Die Protestanten wollen nicht die Trennung feiern. Im Gegenteil. Zum ersten Mal in der Geschichte der Reformationsjubiläen soll das Reformationsgedenken Brücken der Versöhnung bauen. Und tatsächlich: Ein erstes ermutigendes Zeichen dieser Versöhnung war die Begegnung zwischen Papst Franziskus und Vertretern des Lutherischen Weltbundes in Lund zum Reformationstag vergangenen Jahres. In der gemeinsamen lutherisch-katholischen Schrift „Vom Konflikt zur Gemeinschaft“ wird ausdrücklich um Vergebung für die gegenseitigen Verurteilungen gebeten. 

Das ist eine gute Grundlage, die Reformation als ein auch die katholische Kirche reformierendes Ereignis anzuerkennen. Durch die Übersetzung der Heiligen Schrift ins Deutsche gab Martin Luther den Menschen die Möglichkeit in die Hand, selbst das Geheimnis Gottes zu ergründen und sich ein Urteil über die Lehren der Kirche zu bilden. Bis heute ist die Bibel das gemeinsame Fundament beider Kirchen. Durch die Stärkung der Laien und der damit verbundenen Neu-Organisation der evangelischen Kirche wurde seit der Reformation ein demokratisches Element in die Kirchenstruktur eingezogen. Die katholische Kirche hat im zweiten Vatikanum ebenfalls das Laienamt gestärkt und damit einen wesentlichen biblisch-reformatorischen Impuls aufgenommen. Auch die Erlaubnis, die Messe in der Landessprache zu feiern, wurde im zweiten Vatikanum festgeschrieben – auch hier kam ein wesentlicher Reformansatz Martin Luthers in der katholischen Kirche zum Wirken. Uneins blieben sich beide Kirchen im Verständnis des Amtes und in der Frage der gemeinsamen Eucharistie. Doch auch hier hat es Fortschritte gegeben und wird weiter theologisch aufeinander zu gearbeitet. 

Über die Kirchenreform hinaus ist bis heute der hohe Wert der Religionsfreiheit ein verfassungsrechtlich geschütztes Gut. Was zunächst durch den Augsburger Religionsfrieden 1533 angestoßen wurde und später im Frieden von Münster Osnabrück 1648 als Endpunkt einer langen blutigen Kette von Konflikten gipfelte, ist heute aus modernen Verfassungen nicht mehr wegzudenken. Die Vielfalt verschiedener Religionen nebeneinander zu achten, ja, von den Religionen selbst einen Beitrag zu Toleranz und Versöhnung zu fordern, ist ein Gebot der Stunde – und ein wichtiges Erbe der Reformation. 

„Botschafter der Versöhnung“ (2. Kor. 5) sollen Christinnen und Christen sein. Versöhnung aber beginnt untereinander. Junge Leute heute verstehen kaum noch die Unterschiede zwischen den verschiedenen Kirchen. Sie fragen zurecht: Warum bekämpft ihr euch weiter? Warum sprecht ihr euch das Recht, Kirche zu sein, gegenseitig ab? Warum ladet ihr euch nicht gegenseitig zum Abendmahl ein oder gewährt euch wenigstens eucharistische Gastfreundschaft? Früher blieb man in seiner konfessionellen Ecke. Man heiratete nicht jemand aus einer anderen Konfession, schon gar nicht aus einer anderen Religion. Heute hat sich das - auch durch die Vielfalt in der Gesellschaft und die Globalisierung - sehr verändert. Heute sind es die interkonfessionellen und interreligiösen Paare, die in besonderer Weise Botschafter der Versöhnung sind. Heute leben die christlichen Gemeinden eine viel intensivere Gemeinschaft mit den Nachbarkonfessionen und -Religionen als vor vielleicht noch 50-60 Jahren. Das ist ein ermutigendes Zeichen. 

Wenn wir uns die Geschichte des Christentums ansehen, so müssen wir feststellen: Es war eine Geschichte der Trennungen und Spaltungen: Im Jahr 500 spalteten sich die orientalischen Kirchen und die katholische Kirche. Nochmal 500 Jahre später trennten sich die Kirchen des Ostens, die Orthodoxen Kirchen, und die Kirche des Westens, die katholische Kirche, im großen Abendländischen Schisma (1054). Und nochmals 500 Jahre später, also vor rund 500 Jahren, erfolgte die Trennung zwischen den Kirchen der Reformation und der katholischen Kirche. Und danach gab es weitere Verästelungen und Neugründungen von Kirchen – fast unübersehbar ist die Vielfalt heute. In diesem Zusammenhang war der Beginn der ökumenischen Bewegung im letzten Jahrhundert ein, nein: DER Lichtblick. In einem Jahrhundert, das von zwei fürchterlichen Weltkriegen gekennzeichnet war, erscheint mir die ökumenische Bewegung wie eine große Friedens-Gegenbewegung. Es waren die Männer und Frauen, die nach dem Krieg die konfessionellen Grenzen überwanden und Botschafter der Versöhnung wurden. 

Genf ist zum Ausgangspunkt der ökumenischen Bewegung geworden. Nach fast 2000 Jahren der Trennung war und ist es bemerkenswert, dass mit der im Jahr 2000 verabschiedeten Charta oecumenica ein Dokument unterzeichnet wurde, das erstmals die voneinander getrennten Kirchen wieder zusammen geführt hat. Darin verpflichten sich orthodoxe, katholische, evangelische, anglikanische und manche Freikirchen, die Versöhnung untereinander, mit der Schöpfung und mit den anderen Religionen zu fördern und zu vertiefen. Ein wichtiges Zeichen der gewachsenen Einheit der letzten hundert Jahre. Heute stellen wir fest, dass uns mehr miteinander verbindet als uns trennt. 

Doch reicht das schon? Dürfen sich die Kirchen mit sich selbst begnügen? Nein. Botschafter der Versöhnung zu sein ist keine binnenkirchliche Arbeitsbeschreibung. Der Auftrag Jesu will uns zu Brückenbauern in die Gesellschaft und in die Politik hinein machen. Gerade in einer Zeit, in der weltweit die konservativen und nationalen, ja nationalistischen Kräfte wieder Erfolge feiern, in der Parolen wie „America first“ oder „la France d’abord“ Mehrheiten bekommen, ist es wichtig, den Anfängen zu wehren und das Versöhnungswerk, das die Väter der ökumenischen und europäischen Bewegung in Gang gesetzt haben, fortzuführen. 

Die Erben der Reformation stehen für einen Freiheitsbegriff, der nicht in der radikalen Freiheit „von“, sondern in der liebenden Freiheit „für“ andere seine Erfüllung findet. „Bound to be free“ - so lautet kurz zusammen gefasst der reformatorische Freiheitsbegriff, der aus der Bindung an Jesus Christus seine wahre Freiheit findet. Eine Freiheit, die nicht eine haltlose und unverbundene Freiheit ist (und wie viele Menschen sind heute so haltlos, so absturzgefährdet, weil sie keine Bindung weder im Glauben noch in wichtigen Werten noch bei Menschen mehr finden). Sondern eine Freiheit, die sich durch Gott von der Sorge um sich selbst befreit weiß – und darum frei wird für andere. 

Die Erben der Reformation stehen auch für ein aufgeklärtes Christentum, das sich sowohl dem Glauben als auch der Vernunft verpflichtet weiß. Als Martin Luther vor dem Reichstag in Worms „widerrufen“ sollte, gab er eine erstaunliche und erstaunlich moderne Antwort: „Wenn ich nicht durch die Heilige Schrift oder durch Gründe der Vernunft überzeugt werde, so ist mein Gewissen gefangen in Gott. Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir.“ Die Heilige Schrift galt ihm als höchste Instanz und Norm für sein Handeln. Ihr fühlte er sich verpflichtet. Zugleich berief er sich auf die Vernunft, durch die er von Menschen „überzeugt“ werden wollte. Eine Einladung zum Disput, zum Diskurs über das, was gelten soll. Hochmodern in einer Gesellschaft wie der unsrigen, die von religiösen Fundamentalisten und Eiferern bedroht wird. Und schließlich: das Gewissen. Luther darf gern als Begründer der Berufung auf das Gewissen angesehen werden. Ein Signum moderner Demokratien ist beispielsweise das Recht, den Wehrdienst aus Gewissensgründen zu verweigern. Alles Werte, die wir der Reformation verdanken. 

Wenn wir also in diesem Jahr der Reformation vor 500 Jahren gedenken, so steht es den Kirchen gut an, die Feier zum Anlass zu nehmen, die ökumenische Versöhnung untereinander voran zu treiben und zu vertiefen, alte Grenzziehungen zu überdenken und ggf. zu überwinden. Es ist aber auch wichtig, über die eigenen Kirchenmauern hinaus in die Gesellschaft und in die Politik hinein das Erbe der Reformation hörbar zu machen, damit die Botschaft von der Versöhnung zur Befriedung unter den Völkern, mit der Schöpfung und mit Gott beiträgt. 

Die lutherische Kirche Genf begeht das Reformationsjubiläum mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen, Vorträgen, Gottesdiensten und Konzerten. Und wir laden Sie ein, vom 20. – 30. Mai 2017 nach Wittenberg zu kommen, wo wir zusammen mit dem Bund Evangelisch-Lutherischer Kirchen in der Schweiz und in Liechtenstein im Gasthaus Ökumene mit der Ausstellung „Reformation und Aufklärung“ vertreten sein werden. Da der Kirchentag in Berlin und Wittenberg gerade zu der Zeit stattfindet (24. – 28. Mai), ist das eine gute Gelegenheit, einmal in Wittenberg an die Wiege der Reformation zu reisen. 

Mit guten Wünschen für ein spannendes Reformationsgedenken bin ich Ihr 

Marc Blessing