Angedacht

Frauen in der Reformationszeit 

Ich beginne meinen Beitrag mit einem Zitat, das wie ein Leitvers über der geistlichen Berufung und dem geistlichen Amt von Frauen stehen soll. 

Es stammt von Marie Dentière, einer Genfer Reformatorin, von der wir gleich noch etwas mehr hören werden: „Wenn Gott manchen guten Frauen die Gnaden gegeben hat und ihnen etwas Heiliges und Gutes durch seine Heilige Schrift offenbart hat, sollten sie, wegen der Verachter der Wahrheit, davon abstehen, sie aufzuschreiben, auszusprechen oder einander mitzuteilen? Ah! Es wäre ungehörig, das Talent, das Gott uns gegeben hat, zu verbergen, die wir die Gnade haben, damit bis zum Ende fortzufahren. Amen.“ 

Es hat Schlagzeilen gemacht, als die Lettische ev.-luth. Kirche die Frauenordination im vergangenen Jahr zurückgenommen hat. (Eine kurze Nebenbemerkung: ich diene in der ESTNISCHEN Kirche, die in diesem Jahr 50 Jahre Frauenordination feiert und in der gut 30% aller Geistlichen Frauen sind-oft werde ich mehr oder weniger harsch zur Stellungnahme hinsichtlich der Frauenordination aufgerufen, da ich ja aus Lettland käme, aber man sollte diese beiden Länder und Kirchen doch auseinanderhalten). Nach ev.-lutherischem Verständnis ist es unproblematisch, Frauen zu ordinieren aufgrund des Priestertums aller Gläubigen. Alle Christinnen und Christen sind für alle Priesterinnen und Priester, die dazu berufen sind, einander zu Jesus zu bringen und die leibliche und seelische Not miteinander zu teilen. Daher ist der Priester oder Pastor im Gottesdienst sozusagen nur ein/e vollzeitige/r Diener/Dienerin, er/sie stellt im Gottesdienst nicht Christus dar. Ebenso ist Jesus zwar als Mann über unsere Erde gegangen. Aber das nun geschlechtsspezifisch zuzuspitzen, widerspricht grundlegenden Bekenntnisaussagen, denn der Apostel Paulus schreibt im Galaterbrief 3,28: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ 

So wie wir in Christus alle erlöst und von der Verfallenheit an die Sünde und den ewigen Tod befreit sind, so sind wir alle dazu berufen, uns gegenseitig in Liebe zu dienen, wie Christus es getan und gesagt hat. Das von den Gegnern der Frauenordination häufig verwendete Pauluszitat 1. Kor 14,34: „Die Frau schweige in der Versammlung“ ist eindeutig in seinem kulturellen Kontext zu sehen: Erhoben doch nur Hetären die Stimme in Versammlungen, wo auch Männer zugegen waren. Darauf eine Verweigerung der Frauenordination zu bauen wäre, wie am System der Sklaverei festzuhalten, was sich ja z.B. im Philemonbrief findet. 

Das reformatorische Schriftprinzip der Sola Scriptura-allein die Schrift, nicht Schrift und Tradition, war in seinen Auswirkungen auf die Gesellschaft der Reformationszeit gewaltig. Das Frauenbild des Neuen Testaments, insbesondere die Art und Weise, in der Jesus mit Frauen umgegangen ist, muss revolutionär erschienen sein. Sie bedeutete für manche Frauen, die entsprechende Bildung bekommen hatten, den Ausbruch aus dem mittelalterlichen Ordo-System, wo der Mensch im Wesentlichen dabei zu bleiben hatte, wohin er geboren war. Nur ein Beitritt zu einem geistlichen Orden konnte eine Befreiung daraus bedeuten. So waren die Klöster im Mittelalter beiderlei: Zum einen der Ort, wo Frauen, so wie Katharina von Bora, im Alter von 5 Jahren hingeschickt wurden, weil Eltern für Töchter nicht die Mitgift aufbringen konnten. Zum anderen aber eben auch der Ort, an dem dieselbe Katharina von Bora, Lesen und Schreiben lernte (wahrscheinlich ja auch Haushalten) und so in die Lage kam, überhaupt etwas von der Reformation mitzubekommen. Sie war im Kloster auch nicht ganz alleine: Ihre Tante war dort ebenfalls Klosterschwester, vermutlich sogar Äbtissin. Doch davon gleich mehr. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre! 

Ihr Matthias Burghardt