Angedacht

Als Astrid Lindgren 1978 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, sagte sie in ihrer Dankesrede: 

„Über den Frieden sprechen heißt ja über etwas sprechen, das es nicht gibt. Wahren Frieden gibt es nicht auf unserer Erde und hat es auch nie gegeben, es sei denn als Ziel, das wir offenbar nicht zu erreichen vermögen. Solange der Mensch auf dieser Erde lebt, hat er sich der Gewalt und dem Krieg verschrieben, und der uns vergönnte, zerbrechliche Friede ist ständig bedroht. Gerade heute lebt die ganze Welt in der Furcht vor einem neuen Krieg, der uns alle vernichten wird. Angesichts dieser Bedrohung setzen sich mehr Menschen denn je zuvor für den Frieden und Abrüstung ein - das ist wahr, das könnte eine Hoffnung sein.“ 

Das Motto der diesjährigen ökumenischen Friedensdekade heißt schlicht „Streit“. Eine angriffslustig blickende Friedenstaube blickt aus ihrem als geballte Faust geformten Federkleid heraus – und man fühlt sich erinnert an das Jesus-Wort: Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ Ich sehe Jesus, wie er die Händler wütend aus dem Tempel wirft, weil sie das Bethaus zu einem Marktplatz ruiniert haben. Ich sehe, wie Jesus sich anlegt mit denen, die Frauen Gewalt antun wollen oder Kinder abweisen. Und ich sehe, wie sein Einsatz für den Frieden dazu führt, dass man das Schwert gegen ihn richtet und ihn am Ende kreuzigt. „Die Friedensbotschaft Jesu fordert den unerbittlichen Widerstand derer hervor, denen sie nicht passt“, sagt der Alttestamentler Jürgen Ebach. „Das Schwert ist also die Folge der Friedensbotschaft Jesu, nicht das Ziel.“ 

Streit um den Frieden ist also nötig und geboten – und liegt durchaus in der Logik des Friedenshandelns Jesu. 

Die globale Bedrohung unserer Welt begleitet uns seit der Erfindung der Atombombe. Ja, man hat fast das Gefühl, als gäbe es eine neue Lust am Krieg. Der nordkoreanische Diktator Kim Yong Un experimentiert neuerdings sogar mit einer Wasserstoffbombe, die ein Vielfaches der Zerstörungskraft einer Atombombe hat. Deutschland gehört zu den größten Exporteuren von Kleinwaffen weltweit. 

Es ist also nötig, ja, eine Frage des Überlebens, für den Frieden zu streiten, wie es das Motto der Friedensdekade nahelegt. Denn Frieden kommt nicht von allein. Er muss vorgelebt, geteilt, erbeten und manchmal auch verhandelt und erstritten werden. 

Eine meiner Lieblingsstellen in der Bibel ist der Moment, wo Jesus die sogenannte „ehebrecherische Frau“ vor der Gewalt der Männer rettet. Die Frau war, so wird berichtet, beim Ehebruch ertappt worden. Von dem Mann, der ja vermutlich dazu gehörte, wird übrigens kein Wort gesagt. Schon das löst Empörung aus, passt aber in die Logik der patriarchalen Gesellschaft damals: Schuld ist die Frau! Die Männer zerren die Frau in die Mitte vor Jesus, bereit, sie nach dem Gesetz des Mose zu steinigen. Eine extreme und extrem beunruhigende Situation. Die Frau schwebt in Lebensgefahr. 

Jesus entschärft die Situation, in dem er erst mal mit dem Finger in den Sand schreibt. Er entwaffnet und beruhigt die Männer, die am liebsten gleich töten würden. Und dann kommt eine riskante und zugleich geniale Rückfrage: Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein. Er gibt die Anklage der Männer gegen die Frau an sie selbst zurück. Wie steht es denn bei Euch? Wie sieht es denn in deinem Leben aus? Musst Du Andere, Schwächere, klein machen, um dich selbst groß zu fühlen? Musst Du Gewalt ausüben, um selbst stark zu sein? Und da gehen sie, weg, einer nach dem anderen. Betreten. Sie erkennen sich vielleicht selbst in der Frau – und ahnen, dass auch sie jemand bräuchten, der ihnen vergibt, der sie in den Arm nimmt, statt sie zu strafen. 

Astrid Lindgren, der Kinderbuchautorin, lag es fern, politische Rezepte zu verschreiben. Sie fragte danach, wie es gehen kann, dass wir lernen, auf Gewalt zu verzichten. Ihre Antwort: „Ich glaube, wir müssen von Grund auf beginnen. Bei den Kindern.“ Und das heißt auch: Bei uns selbst. Und sie sagt: „Ob ein Kind zu einem warmherzigen, offenen, vertrauensvollen Menschen mit Sinn für das Gemeinwohl heranwächst oder aber zu einem gefühlskalten, destruktiven, egoistischen Menschen, das entscheiden die, denen das Kind in dieser Welt anvertraut ist, je nachdem, ob sie ihm zeigen, was Liebe ist, oder aber dies nicht tun. „ 

Und Astrid Lindgren erzählt eine Geschichte, die der Liedermacher Gerhard Schöne viele Jahre später zu einem Lied verdichtet hat: 

Liedtext: Der Stein 

[von: Gerhard Schöne, Album: Die sieben Gaben, 1992] 

Vielleicht glaubt ihr auch: 

"Ein paar hinter die Ohren 

Kann Kindern nicht schaden, 

sonst hörn sie ja nicht."

Mensch, ich war auch schon mal so ratlos 

und wütend 

und schlug meiner Tochter die Hand ins Gesicht. 

Ich schämte mich nachher. 

Es soll nie wieder sein! 

Nun hört die Geschichte 

von jenem Stein! 

Ein Junge war einmal ganz bockig und böse. 

Da wußte die Mutter nicht ein und nicht aus. 

Sie drohte, ihm eine Tracht Prügel zu geben 

und schickte ihn schließlich zum Garten hinaus. 

Er sollte sich selbst einen Stock draußen suchen. 

Sie wartete lange, dann kam er herein. 

Er schaute der Mutter verzweifelt entgegen 

und trug in der Hand einen faustgroßen Stein. 

"Ich find` keinen Stock", 

so erklärte er ihr, 

"Den Stein aber kannst du 

doch werfen nach mir!"

Die Mutter schloss wortlos ihr Kind in die Arme. 

Was hatte der Junge nur von ihr gedacht? 

Da standen sie beide umschlungen und heulten 

und schnieften und schneuzten und haben gelacht. 

Der Stein liegt seitdem 

auf dem Küchensims halt 

zur täglichen Mahnung: 

Niemals Gewalt! 

(Text nach Astrid Lindgrens Erzählung "Niemals Gewalt!") 

Der wahre Friede, der ewige Friede, liegt jenseits unserer menschlichen Möglichkeiten. Er kann nur erbeten und erhofft werden. Er bleibt letztlich eine Sache Gottes. Aber wenn es uns gelingt, mit unseren menschlichen Möglichkeiten den irdischen Frieden zu befördern, in dem wir Gewaltverzicht einüben, eine positive Streitkultur lernen, immer wieder einander vergeben oder – wenn das unmöglich scheint – Gott um Vergebung bitten, dann ist es nicht ausgeschlossen, dass sich hie und da in unserem irdischen Frieden auch schon ein Vorschein des ewigen, himmlischen Friedens zeigt, der höher ist als all unsere Vernunft. 

Ich wünsche Ihnen eine angenehme Lektüre, 

Ihr Marc Blessing 

„Mit Zank und Streit, kommt man nicht weit.“

Auch über diesen Satz lässt sich trefflich streiten: streiten = Meinungsverschiedenheiten heftig austragen, im Zwist sein, Händel haben, konfligieren. Ja, wir sind streitbare Wesen. Was wir denken, sagen und tun bleibt nicht unbestritten. Es wird erstritten, bestritten, umstritten, was zunächst nur bedeutet: Ein Konflikt (= Zwiespalt, Zusammenstoß) führt zu einer heftigen Auseinandersetzung. Kollidierende Interessen werden in Wortegefechten argumentativ und emotional verhandelt. 

Lässt man böswillige Motive wie bloße Provokation zum Druckabbau außen vor, soll zunächst auf einen Unterschied in Wahrnehmung und Bewertung aufmerksam gemacht werden. Bei geistig begabten Wesen möchte das zur Vielfalt und Komplexität des Lebens unentbehrlich beitragen. „Ich sehe das so. Anders als du. Und glaube, es ist wichtig, das mitzuteilen, weil....“. Dieses Begründen ist das Entscheidende. Es macht Sinn, sich um etwas zu streiten, weil eine Notwendigkeit besteht, es zu erreichen. Ich will etwas bewirken. Dafür setze ich mich ein. 

Engagement, Zielgerichtetheit, Entschieden- Sein sind doch Dinge, die uns weiter bringen. Und dafür ist es erforderlich, sich miteinander auseinander zu setzen. Im Kontakt sein, um gemeinsam zu bewegen. Das lässt hoffen, dass Zwietracht durch Lösung oder Kompromiss zur Eintracht oder zumindest zum friedlichen Nebeneinander wird. 

Streiten ist eine Beziehungsfrage. Wer dem anderen aus dem Weg geht, gerät mit ihm nicht aneinander, lebt aber auch einsam, ohne Korrektiv. Das Ringen Gottes um die Menschen, unsere Suche nach dem Grund und Sinn des Seins, die Klage der Psalmisten, die Evangelien und die Briefe des Paulus, sind angefüllt mit handfesten Auseinandersetzungen, herausfordernden Fragen, provokanten Thesen und jeder Menge Streitgesprächen. Alles mit dem Zweck: Das Richtige möchte siegen, das Motivierende sich finden lassen, der Trost spürbar werden und das Gute das Böse überwinden. 

Ich behaupte: „Mit Streit kommt man weit, doch ist es wichtig, man führt ihn richtig.“ Nicht also der Zweck an sich ist strittig, nur das Wie. Eine ordentliche Streitkultur, das achtsame Anwenden von Regeln, ein sich Bemühen um brauchbares Handwerkszeug, sind entscheidend, um einen Zwist zu etwas Konstruktivem werden zu lassen. 

Zum ersten muss ich gewillt sein, mein Gegenüber ernst zu nehmen, ihm zuzuhören, ihn möglichst wertneutral wahrzunehmen. Eine Voraussetzung, um angemessen, sachlich und wertschätzend zu kontern. Emotional zurückhaltend, aber methodisch überraschend vorzugehen, wäre erstrebenswert, gelingt aber, wie ich selbst am allerbesten weiß, meist nur sehr unzureichend, weil Wut, Schmach, Ohnmacht uns gerne eher zu tobenden Furien denn zu angemessenen Gesprächspartnern machen. Alles eine Frage der richtigen Selbsteinschätzung, der sensiblen Wahrnehmung, der achtsamen Empathie, vor allem aber der beharrlichen Übung. 

Jeder Enttäuschung zum Trotz: Wofür sind wir Kinder dessen, der es seit Anbeginn der Zeit immer wieder mit uns versucht - um unserer Nächsten und unserer selber willen? „Streiten soll uns weiterbringen – um das Gute muss man Ringen.“ 

Ihre Karin Blessing