Selig sind, die Frieden stiften!

Die Friedenskräfte in den Religionen stärken 

 

Religion und Gewalt – dieses Begriffspaar ist uns geläufig. Aber Religion und Frieden? Da runzeln viele Menschen die Stirn. Die Attentate der vergangenen Monate in den europäischen Hauptstädten Berlin, Brüssel oder Paris hatten allesamt einen religiösen Hintergrund. Und sofort wurden hinterher die Religionen insgesamt wegen ihres „Gewalt- und Terrorpotentials“ unter Generalverdacht gestellt. Vom Friedenspotential der Religionen war nicht mehr die Rede. Dabei bekennen sich alle großen Weltreligionen zum Frieden. 

 

„Wir bieten dem Missbrauch unserer Religion die Stirn“, sagte unlängst der Großmufti der islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina bei einem Symposium des Auswärtigen Amtes in Berlin zur „Friedensverantwortung der Religionen“. Und er fügte hinzu: „Eines der grundlegenden Gebote des Islam ist es, einander zu helfen.“ 

„Religionen müssen sich fragen lassen, ob sie dazu beitragen, Konflikte zu rechtfertigen oder sogar zu schüren, oder ob sie Ausgleich, Frieden und Versöhnung zwischen unterschiedlich geprägten Nationen und Gruppen fördern“, sagt Reinhard Kardinal Marx, Vorsitzender der Deutschen katholischen Bischofskonferenz. 

 

Blickt man in die Geschichte, so lässt sich eine feine, manchmal kaum von der großen Weltöffentlichkeit wahrgenommene Spur des Friedenspotentials in den Religionen ausmachen. 

 

Beispiel Südafrika: Ich erinnere mich noch gut daran, als nach dem Ende der Apartheid in Südafrika seit 1994 Nelson Mandela und Desmond Tutu die „Wahrheits- und Versöhnungskommission“ ins Leben riefen. Das Ziel war es, nach den schlimmen Jahren der Rassentrennung ein Zusammenleben von Schwarzen, Weißen und Coloureds zu ermöglichen. Der Weg dahin sollte über eine umfassende Aufklärung der Verbrechen hin zur Versöhnung zwischen Opfern und Tätern führen. „Wir hegen k e i n e Rache gegen die Weißen, wir wollen nur w i s sen, was mit unseren Männern, Brüdern, Vätern geschehen ist“ sagte damals die Witwe eines Mannes, der jahrelang auf Robben Island inhaftiert gewesen war. Tutu und Mandela wählten einen christlichen Weg: Versöhnung statt Strafe. Auch, wenn der Weg steinig war und am Ende nur begrenzt zum Erfolg geführt hatte, wurde dieser Ansatz auch in anderen Ländern nachgeahmt. 

 

Beispiel USA: Martin Luther King, dessen berühmte Rede „I have a dream“, man könnte auch „Predigt“ dazu sagen, zu einem Wandel im Bewusstsein vieler Amerikaner geführt hat, bewirkte die Abschaffung der Rassendiskriminierung in den Vereinigten Staaten. Es war auch sein Erfolg, als ein Schwarzer Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wurde. 

 

Beispiel Deutschland: Die evangelische Kirche in der DDR spielte eine wichtige Rolle für die „friedliche Revolution“ in den Wendejahren 1989/90. Vor den Montagsdemonstrationen fanden Friedensgebete statt. In der Berliner Gethsemane- Kirche fanden Tag und Nacht Mahnwachen statt. 

 

Religionen verfügen über ein hohes Friedenspotential, das nur bislang zu wenig genutzt wird. Politik und die Zivilgesellschaft sollten den Dialog mit den Religionen öffentlich führen. Sie sollten die Religionen stärker herausfordern, sich zur ihrer Friedensverantwortung zu bekennen – und dabei mitzuhelfen, Konflikte gewaltfrei zu lösen. 

Es wären noch viele zu nennen: Mahatma Gandhi und sein gewaltfreier Widerstand in Indien. Papst Franziskus und seine positive Rolle beim Friedensabkommen im Kolumbien. Der buddhistische Mönch Maha Ghosananda mit seiner Friedensbewegung 1979 im vom Terror der Roten Khmer tief verstörten Kambodscha. 

 

ReligionsvertreterInnen genießen oft einen Vertrauensvorschuss, der positiv genutzt werden kann. Sie haben als Instrumente nur das Wort und die Tat – verfügen aber nicht über militärische Gewalt. Von ihnen geht mithin keine Bedrohung aus. Sie gelten häufig als „neutral“ oder unabhängig, was ihnen Konflikten die Rolle des Vermittlers bringt. Sie sind verlässlich und beharrlich – und sie handeln aus innerer Überzeugung, aus Nächstenhilfe und Gotteskraft. 

 

Und wir in Genf? Die interreligiöse Plattform Genf hat gerade ihr 25-jähriges Bestehen begangen (gegründet 1992) – die Lutherische Kirche Genf war damals Gründungsmitglied. Zum Jubiläumsjahr hat die Plattform „9 propositions“ verabschiedet, die sie in die öffentliche Diskussion um den interreligiösen Dialog einbringt. Im sechsten Satz heißt es da: 

„Religionsgemeinschaften distanzieren sich von allen Formen der Gewalt.” 

 

Die meisten Mitglieder religiöser Gemeinschaften wollen ihr Leben friedlich führen und Frieden fördern. Leider gibt es, wie in jeder menschlichen Gruppe, Einzelpersonen, die nicht nur andere verurteilen, sondern sie bedrohen und bekämpfen, und wenn sie es als nötig erachten, indem sie diese Haltung durch ihre religiösen Traditionen rechtfertigen. Religionsgemeinschaften haben die Verantwortung, sich von den fundamentalistischen Abwegen innerhalb ihrer Gemeinschaft zu distanzieren, ihre Ursachen in ihren Traditionen zu identifizieren und jede Form religiöser Rechtfertigung für den Einsatz von Gewalt zu verweigern. Darüber hinaus ist die Gesellschaft als Ganzes dazu berufen, die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Ursachen des Extremismus zu überwinden. Jeglicher Extremismus, in welcher Form auch immer, ist inakzeptabel. Jedoch können Mitglieder einer Religion nicht für extremistische Handlungen verantwortlich gemacht werden, die von einigen von ihnen begangen werden, da eine Religion nicht kollektiv dafür verurteilt werden kann, wenn solche Handlungen in ihrem Namen durchgeführt werden.“

Wir laden Sie ein, sich an der öffentlichen Debatte um das Friedenspotenzial der Religionen zu beteiligen. Wir freuen uns, dass Dr. Simone Sinn, Delegierte unserer Gemeinde bei der Plattform, am Donnerstag, 8. Februar 2018, um 20.00 Uhr, die 9 Sätze über das Zusammenleben der Religionen im Rahmen eines Vortrags in der Lutherischen Kirche Genf vorstellen wird. Von ihr ist auch der „Leitartikel“, den Sie auf den folgenden Seiten finden. Ich wünsche angenehme Lektüre, 

 

Ihr Marc Blessing