ICH HABE MIR MEINEN BESTEN FREUND NICHT AUSGESUCHT

 Er hat mich ausgesucht. Ich staune immer wieder darüber. Dass ein Anderer mich zum Freund haben will, obwohl ich so bin, wie ich bin, überrascht mich. Und macht mich dankbar. Denn eins ist sicher: Verdient habe mich mir diese Freundschaft nicht. Ich habe überhaupt nichts dazu getan. Da ist einfach eine gegenseitige Sympathie, mehr noch, ein Verständnis, das mal mit, mal ohne Worte auskommt. Es können viele Wochen ohne Kommunikation zwischen uns vergehen. Wenn wir zusammen sind, ist es so, als wäre das Gespräch nie unterbrochen worden. Freundschaft hat mit gegenseitiger Wertschätzung zu tun, mit Vertrauen, auch mit Verlässlichkeit. 

Dieser Gemeindebote greift das Thema „Freundschaft“ auf. Jesus spricht von den Menschen, die ihm nachfolgen, als seinen Freundinnen und Freunden. Damit sind nicht nur die zwölf Jünger gemeint, sondern auch die Frauen und Männer, die noch zu seiner Entourage gehörten. Bei Jesus finde ich die gleiche Haltung mir gegenüber wieder, die ich auch von meinem besten Freund kenne: Nicht ich habe ihn erwählt, er hat mich erwählt. Das ist das Schöne: Wie kann einer mich mögen, der mich doch kennt? Wie kann einer mit mir zusammen sein wollen, obwohl er weiß, wer ich bin? Und doch passiert genau das! Vielleicht verstehen gute Freunde, das Beste unter all dem anderen aus uns hervorzuzaubern, sodass wir auch mit anderen, gütigeren Augen auf uns selbst schauen. Wenn Du Dich geliebt fühlst, fühlst Du Dich anders, wertgeschätzt, angenommen. Du musst Dich dann weder größer noch kleiner machen, als Du bist. Du darfst einfach da-sein. Wie schön ist das! 

Freundschaft ist Gnade. Reines Geschenk. Insofern auch etwas Göttliches. Sie geschieht und ereignet sich. Die Kunst liegt darin, dieses Geschenk zu pflegen. Das ist die menschliche Möglichkeit – und darin liegt auch die Herausforderung bzw. das Scheitern. Man kann die Freundschaft von Menschen verspielen. Durch Unachtsamkeit, durch Vertrauensbruch, durch Untreue. Wenn das geschieht, braucht es Vergebung und Aussöhnung. Und das ist Arbeit. Beziehungsarbeit. Nicht immer rettet man Freundschaften. Manchmal verliert man einen Freund, eine Freundin – und das ist schmerzlich. Von Gott heißt es hingegen: Wenn wir untreu werden, so bleibt Gott doch treu. Denn er kann sich selbst nicht verleugnen. (2. Tim. 2, 13). 

Gottes Wesen ist offenbar, treu zu sein. So treu, dass Untreue für ihn Selbstverleugnung wäre. Er kann nicht gegen sein Wesen, und deshalb bleibt von seiner Seite der Bund, die Freundschaft, die Beziehung bestehen, auch wenn wir uns von ihm ablösen oder trennen. Das finde ich tröstlich. Und wenn ich über mich selbst nachsinne, würde ich mir das für mich selbst auch wünschen: Dass ich dem Freund, der Freundin, die Tür offen halte, auch, wenn von seiner oder ihrer Seite die Tür zugeschlagen wurde. 

Der schlimmste Tag meiner Kindheit war, als meine beiden besten Freunde mich beim Fußball nicht mehr mitspielen ließen. Ich hatte mich daneben benommen. Andere angeschrien, sie sollten schneller laufen. Unterstellt, sie würden sich nicht richtig anstrengen. Das war’s. „Du spielst nicht mehr mit.“ Zwei Wochen musste ich von meinem Kinderzimmerfenster aus zusehen. Dann standen sie eines Tages an der Haustür. „Du kannst wieder mitspielen.“ Von da an wusste ich: nicht mehr rumschreien. Ich lernte, das Miteinander Spielen ist wichtiger als das Gegeneinander. Obwohl ich mich ihrer Freundschaft nicht würdig erwiesen hatte, sind sie mir treu geblieben. Bis heute. Und ich ihnen auch. 

Marc Blessing