Johannes im 15. Kapitel

Predigt von Pfarrer Marc Blessing
 
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. 2 Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht bringt, wird er reinigen, dass sie mehr Frucht bringe. 3 Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. 4 Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. 6 Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer und sie müssen brennen. 7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. 8 Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger.
 
Ich bin der Weinstock ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht.
 

Der Weinstock und die Rebe – was für ein kraftvolles und schönes Bild für den Glauben.
Habt ihr schon einmal so einen Weinstock genau betrachtet?
Hier um Genf herum, wo die schönsten Domänen liegen, kann man das übers Jahr hinweg sehr gut beobachten.
Im Winter steht der Weinstock so ganz knorrig und kahl da. Man würde wohl nicht auf die Idee kommen, dass aus diesem Weinstock überhaupt etwas lebendiges, ja so Fruchtig-Süßes hervorwächst wie eine schöne, prall gefüllte Weinrebe.
Aber dann, im Frühjahr, zeigen sich die ersten kleinen Blätter. Zartes Grün zeigt sich. Und wenn es dann nicht gerade ein Unwetter oder Hagelschlag gibt, wie in den letzten Tagen, dann wachsen zum Sommer hin die ersten Trauben. Klein und unscheinbar erst. Aber dann immer zahlreicher und größer reifen sie, werden fruchtiger und süßer, bis die Zeit der Ernte da ist. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Jugendlicher bei meinem Onkel beim Herbsten helfen durfte. Die ganze Familie und viele Freunde waren da, um die Ernte einzubringen, ein ganzes Wochenende, manchmal eine ganze Woche voller Schufterei. Aber dann, wenn alles geerntet war, gab es ein fröhliches, ausgelassenes Fest. Noch heute freuen sich alle Weingärtner, wenn der erste Wein da ist  - Anlass für manches freudige Fest. 
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, sagt Jesus. Ein Bild, voller Lebenskraft, voller Lebensfreude. Ein festlich-österliches Bild.
In der Gemeinde Jesu Christi zu sein ist demnach keine langweilige oder öde Angelegenheit. Im Gegenteil, das wächst und grünt alles, da wächst gute Frucht heran, da kommen viele auf den Geschmack. Je intensiver die Verbundenheit zwischen Weinstock und Rebe ist, desto fruchtiger die Traube. Eine lebendige Gemeinde zieht ihre Kraft und ihren Saft nicht aus sicht selbst, sondern aus der engen Verbundenheit mit Christus – unter der guten Hand des göttlichen Weingärtners. Der Weinstock gibt der Rebe halt – und die Rebe empfängt vom Weinstock alles, was sie zum Leben braucht. Und es lebt sich in Fülle und mit dem bestem Geschmack nur, wenn beide mit einander verbunden bleiben. Wenn die Rebe sich abschneidet vom Weinstock, dann vertrocknet und verdorrt sie, ja, sie stirbt allmählich ab.
Ob unsere Gemeinde so viel Saft und Kraft hat? Stimmt der Öchsle-Gehalt bei uns? Finden Menschen hier Kraft und Halt, kommen sie auf den guten Geschmack des Glaubens, lassen sie sich das Leben schmecken – in der Fülle, die uns von Gott zugesagt ist?
Ich bin der Weinstock- ihr seid die Reben. Sagt Jesus.
In drei Wochen werden wir 16 junge Leute konfirmieren. Sie werden sich zum Glauben an Gott bekennen. Sie werden ein Kreuz um gehängt bekommen und ich werde ihnen sagen: Nimm hin das Zeichen des Kreuzes, du gehörst zu Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Wir pfropfen sie sozusagen in den Weinstock Jesus hinein.
Ob sie dann beim Weinstock bleiben? Es lieg auch an uns, ob wir ihnen helfen, hier einen Ort, eine Heimat in der Gemeinde zu finden. Sie sagen manchmal: Bei euch ist so wenig zu spüren von der Glaubensfreude und von der Lebensfreude. Und wirklich: Vielleicht sind wir manchmal schon wie Trockenobst: der Geschmack ist noch da, aber die Lebenssäfte, die Kraft und Fülle, sie sind dahin. Wir brauchen immer wieder die Vergewisserung von Ostern und Pfingsten: Die Erfahrung, dass auch in Zeiten, in denen unser Leben kahl und öde zu sein scheint, von Gott her immer noch Lebensmöglichkeiten auf uns warten, dass der Geist Gottes unser Herz und unsere Seele immer wieder erfrischen kann: ein neuer Weg tut sich auf, wo ich mich in einer Sackgasse wähnte. Eine Perspektive scheint auf, wo ich keine Zukunft sah. Eine Heilung stellt sich ein, wo ich selbst nur die Krankheit zum Tode sah. 
Ich bin der Weinstock – sagt Jesus, und ihr seid die Reben. Ein treffendes Bild für ihn und für uns, die Gemeinde. Wer so einen Weinstock in den kalten Wintermonaten sieht, der kann sich kaum vorstellen, was da an blühender Lebenskraft drin steckt. Kahl und knorrig, fast leblos sieht er aus. Von außen betrachtet mag das stimmen. Ja, sagen nicht viele Menschen: Ich glaube schon an Gott, aber mit der Kirche habe ich meine Schwierigkeiten. Zu viel verknöchertes, zu viel Engherziges, zu wenig Lebenskraft und Lebenssaft.
Vielleicht wirkt eine Kirche, eine Gemeinde tatsächlich von außen betrachtet nicht immer so richtig lebendig. Vielleicht wirkt sie tatsächlich manchmal eher wie eine trockene oder fade Angelegenheit. Und vielleicht geht es uns manchmal selber so, dass wir uns ausgetrocknet und ausgelaugt fühlen und uns nach Erneuerung und Stärkung sehnen.
Es gehört zum Geheimnis Gottes, dass er nicht anders als am Kreuz, an dem Ort, wo alles Leben zu Ende ist, wo Qual und Folter ihren Tiefpunkt fanden, dass er dort zu finden sein will. Denn dort, verborgen in dem Mann am Kreuz,  hängt nach Gottes Vorstellung das ganze Leben, das Leben in Fülle. Ich bin der Weinstock – knorrig und kahl. Ihr aber seid die Reben – voller Frucht und Leben, voller Süße und Wein. Bleibt in mir und ich in euch, so bringt ihr viel Frucht.
 
Ist es nicht großartig, wie Gott alles eingerichtet hat. Das Bild vom Weinstock und den Reben macht deutlich, wie wir auch als Gemeinde leben können: Da ist der Weingärtner, Gott selbst, der seine Gemeinde hegt und pflegt. Der Schöpfer, der uns in diesen wunderbaren Garten Eden gepflanzt hat, damit wir darin und daraus leben können. Siehe, es war sehr gut! Wie war es? Gut, sehr gut? 
Dann ist da der Weinstock, an dem wir hängen dürfen. Und schließlich die vielen anderen Reben, die ihre Fähigkeiten neben mir entfalten können, die Aufgaben übernehmen, damit das ganze gelingt. Da sind die unterschiedlichen Gaben, die der Geist uns gibt. Ein Gemeindevorstand, der entscheidet und die großen Linien festlegt. Da sind die vielen Ehrenamtlichen, die ihre Gaben in den Gruppen und Kreisen einbringen. Einer kocht kurz Kaffee, ein anderer sagt: Ich bring dann zwei Kuchen mit. Jemand anderes sagt: ich helfe im Büro mit. Wieder ein anderer sagt: Ich hab einen Kühlschrank, den bring ich mit. Und dann wird er auch gleich eingebaut. Da sind Menschen, die hegen den Garten, andere wechseln die Glühbirnen oder schrauben die lockere Schraube wieder ein. Jemand sagt: ich kümmer mich um den Büchermarkt. Eine andere organisiert die Fete de la musique. Jemand fragt: Kann ich euch mal die Kinder abnehmen.
Eine lebendige Gemeinde wird da sichtbar. Fruchtig und köstlich, mit einander verbunden am Weinstock Jesus, aus dem wir Kraft und Saft ziehen.
Wer nicht von außen ein Betrachter bleibt, wer sich vielmehr hinein begibt, sich anbindet an diesen Weinstock Jesus, der findet eine Gemeinschaft, die voller Leben, voller Engagement, voller Kraft und Saft steckt. Und Gott hat es doch gut eingerichtet. Es gibt eine sinnvolle Arbeitsteilung. Christen sind Reben am Weinstock Jesus. Wir sind nicht der Stamm, der alles tragen muss. Wir sind nicht die Rinde, die vor Gefahr schützt. Wir sind erst recht nicht die Krone, die über alle anderen strahlt. Nein, schlichte Reben sind wir, die am Weinstock bleiben und nehmen, was sie zum Leben brauchen. Wir müssen nicht suchen, nicht tragen, nicht schützen und erst recht nicht glänzen. Wir müssen nur an ihm bleiben, am Weinstock Jesus. Denn nur so können wir in Wahrheit Frucht bringen.
Wer sich abschneidet, der schrumpelt dahin. Dessen Glaube verkümmert und erschlafft. Wer aber in Verbindung bleibt mit der Quelle des Lebens, der bringt viel Frucht.
Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. 
Verbunden leben, verbindlich leben. Daran erinnert dieses Jesus Wort.
Bleiben, dran bleiben, am Leben bleiben. Im Kreis für Glaubensfragen sagte am Freitag jemand: Der Glaube gibt einem Halt. Wenn man keinen Glauben hat, dann ist man so schnell haltlos. Wenn man nicht in Verbindung ist mit dem lebendigen Gott, dann stürzt man leichter ab, ist leichter allen möglichen Versuchungen ausgesetzt. Ich denke manchmal, weil wir die haltende Hand Gottes nicht mehr spüren, weil wir die Verbindung zum Weinstock gelöst haben, sind wir so durcheinander und verzweifeln am Leben. Weil wir nicht in Jesus bleiben, bleiben wir am Ende nirgendwo.
Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht. Sagt Jesus. Frucht, das wissen alle, die einen Garten haben, braucht Zeit zum Wachsen. Deshalb heißt es hier nicht: Ihr müsst dies und das noch tun, hier noch mehr Engagement und da noch eine Schippe drauflegen, hier noch mehr tun und da noch etwas Neues entwickeln. Also: nicht, wer jagt und hetzt, wer tut und macht, der schafft’s, sondern, und darin liegt das ganze Evangelium: Wer bleibt, der bringt.
Wer an ihm bleibt, der das Leben bringt, der bleibt am Leben. Und der bringt Frucht. Darum: Dranbleiben an Gott – das bringt’s.
Amen.