Totensonntag/Ewigkeitssonntag
TOTENSONNTAG –EWIGKEITSSONNTAG
Offenbarung 21, 1 – 7 Liebe Gemeinde, glauben Sie an ein Leben nach dem Tod? Gehört die Vorstellung von einem ewigen Leben zum festen Bestandteil Ihres Glaubens? Die Bibel spricht, wenn Sie vom Leben nach dem Tod spricht, von Auferstehung. Die Tonart, die sie zum Totensonntag anschlägt, ist nicht traurig, sondern fröhlich. Hoffnungsvoll: Gloria sei dir gesungen, mit Engels und mit Menschenzungen. Für viele ist die Vorstellung der Auferstehung eine Zumutung. Zumal, wenn wir sie uns, wie in der Bibel berichtet, leiblich vorstellen sollen. Wie soll das gehen? Und kann ich es auch für mich persönlich glauben, wenn ich einmal sterben muss? Vielleicht geht es uns wie jenen Raupen, die in ihrem Horizont gefangen bleiben. Geschichte der Raupe Da war einmal ein guter Mensch. Er hatte Mitleid mit dem hässlichen Gewürm der Raupen, wie sie sich Stunde für Stunde vorwärts plagten, um mühselig den Stängel zu erklettern und ihr Fressen zu suchen - keine Ahnung von der Sonne, dem Regenbogen in den Wolken, den Liedern der Nachtigall! Und der Mensch dachte: Wenn diese Raupen wüssten, was da einmal sein wird! Wenn diese Raupen ahnten, was ihnen als Schmetterling blühen wird: Sie würden ganz anders leben, froher, zuversichtlicher, mit mehr Hoffnung. Sie würden erkennen: Das Leben besteht nicht nur aus Fressen und der Tod ist nicht das Letzte.
So dachte der gute Mensch, und er wollte ihnen sagen: Ihr werdet frei sein! Ihr werdet eure Schwerfälligkeit verlieren! Ihr werdet mühelos fliegen und Blüten finden! Und ihr werdet schön sein!
Aber die Raupen hörten nicht. Das Zukünftige, das Schmetterlingshafte ließ sich in der Raupensprache einfach nicht ausdrücken. - Er versuchte, Vergleiche zu finden: Es wird sein wie auf einem Feld voller Möhrenkraut... Und sie nickten, und mit ihrem Raupenhorizont dachten sie nur ans endlose Fressen.
Nein, so ging es nicht. Und als der gute Mensch neu anfing: Ihr Puppensarg sei nicht das Letzte, sie würden sich verwandeln, über Nacht würden ihnen Flügel wachsen, sie würden leuchten wie Gold - da sagten sie: Hau ab! Du spinnst! Du hältst uns nur vom Fressen ab! - Und sie rotteten sich zusammen, um ihn lächerlich zu machen.
Was wird mit uns sein, wenn wir einmal sterben müssen? `Wo kommen wir hin und zu WEM? Im Kreis Glaubensfragen haben wir darüber gesprochen. Jemand sagte: Wenn es zum Sterben kommt, dann wird diese Frage plötzlich drängend, dann möchte man Gewissheit haben – sich bergen können in einer Vorstellung, die trägt? WAS WIRD MIT MIR SEIN; WENN ICH EINMAL STERBEN MUSS? Ihr fragt, wann ist die Auferstehung der Toten – ich weiß es nicht. Ihr fragt, wie ist die Auferstehung der Toten – ich weiß es nicht. Sagt Kurt Marti in seinem Gedicht, das wir gerade gehört haben. Wir wissen tatsächlich nicht, wie genau die Auferstehung sein wird. Die Bibel spricht darüber sehr verhalten. Tastend, fragend. ABER DIE BIBEL SCHENKT UNS BILDER. Bilder, die mehr erfassen, als wir mit unseren Antworten und Auskünften es je sagen könnten. Man findet solche Bilder unter anderem in der Offenbarung, in der Apokalypse des Johannes. ‚Apokalypse‘ – das bedeutet nichts anderes, als dass etwas aufgeht und hervortritt, wie die Sonne am Beginn eines neuen Tages, und uns sehen lässt, was wir zuvor nicht gesehen haben. Es ist, wie wenn ein Nebelschleier hinweggenommen wird und der Horizont deutlich und überschaubar wird. Man reibt sich die Augen wie jemand, der im Garten steht und erblickt, was über Nacht alles aufgegangen ist. Schauen und hören wir, was der Seher Johannes uns erschließt:
‚
UND ICH SAH EINEN NEUEN HIMMEL UND EINE NEUE ERDE; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabgekommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein, und er wird mein Sohn sein.‘ Es ist nicht mehr die alte, schmerz- und giftdurchtränkte, vom Menschen verseuchte Erde, deren Blei- und Kadmiumgehalt im Boden und den Nitrat- und Dioxinresten im Wasser, deren Kohlendioxyd in der Luft längst das zulässige Maß überschritten haben. Es ist auch nicht die Erde, auf der immer mehr Kinder an Asthma und Mukoviszidose erkranken müssen. Und auch nicht die alte Erde mit ihren beschleunigten, unheimlich schnellen Krebszellenprozessen, dem die gesunden Zellen überhaupt nicht mehr nachkommen.
Es ist die neue Erde ... Und dieses Bild steht für eine lebensspendende Mutter, die gleichzeitig das Leben schützt und in ihrer Ruhe aufnimmt. Von ihr kommt keine tödliche Nahrung. Zu ihr kann man kommen aus leidvollen Krisen und nach verlorenen Krankheitskämpfen. DIE NEUE ERDE IST DIE HEILENDE ERDE.
Und – so der Seher Johannes – ‚ich sah einen neuen Himmel‘. So wie die Erde das Bild für den Leib und das Leben, für unser Gefühl der Geborgenheit ist, so ist der Himmel das Bild für den Geist, für die neue Spiritualität, für ein neues Bewusstsein und ein neues Denken .... In unserem Bild ist der erste Himmel vergangen. Das alte Denken hat da keinen Platz mehr. So wie wir früher dachten, als wir noch nichts von dem sahen oder ahnten, was hervortreten wollte, so kann man jetzt nicht mehr denken.
WIE DENKEN WIR VOM STERBEN UND VOM TOD? Dass mit dem Tod alles aus ist? Oder dass wir wieder und wieder auf die Welt kommen müssen, bis wir uns selbst hochgeschafft haben? Diese entwicklungsorientierte Spiritualität, die Gott nicht braucht, ist etwas in Mode gekommen heute ... Nein, das Leben ist mehr als ein Mensch selbst daraus macht. Das Leben kommt aus Gottes Hand und wird von ihm vollendet. Neuer Himmel ....
Kaum hat der Seher uns die neue Sicht mitgeteilt, da verschwindet das erste Bild schon. Es tritt die heilige Stadt, das neue Jerusalem hervor: Sie ist umgeben mit Mauern aus Jaspis. Straßen aus Gold führen durch sie hindurch, aber einem Gold, das durchscheinend ist wie Glas. Ihre Tore sind aus schimmernden Perlen. Sie braucht keine Sonne von draußen. Sie ist selbst voller Licht. Die Stadt hat Tore, aber die werden nie geschlossen, weil niemand die Stadt bedroht oder zerstören will. Ein kristall-heller Strom, der den Bewohnern Wasser schenkt, fließt mitten durch sie hindurch. Die ewige Stadt – ein Bild der Erfüllung, wie ein kostbares Schmuckstück aus Gold und Edelstein, eine zum Ziel gelangte Gemeinschaft! Bald löst sich das Bild auf, verschwindet und macht wieder Platz für ein neues. Eine breite Treppe führt vom Himmel herab auf die Erde. Auf ihr schreitet eine Frau, eine Braut herab, schön geschmückt, strahlend ihrem Bräutigam entgegen. Die Braut ist wiederum ein Bild der Vollkommenheit, und zeigt den Menschen am Ziel, im Glück, zu Hause in der Ergänzung durch den anderen. Nach alter Vorstellung ist die Braut der befreite Mensch. Man sah sie als unfrei an, solange sie zu Hause war bei ihren Eltern. Wurde sie gefreit, wie man heute noch sagt, dann hat man sie aus dem Elternhaus in die neue eigene Verantwortung hineingebracht. Sie war jetzt ‚frei‘.
Und während diese Bilder noch auf uns wirken – die ewige Heimstatt, die Braut – beginnen sie zu reden in unbeschreiblich tröstlichen Worten: ‚Siehe da, hier wohnt Gott bei den Menschen. Er wird bei ihnen bleiben, und sie sind die Seinen. Er selbst, Gott, wird ihnen nahe sein, er wird alle Tränen aus ihren Augen wischen, es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage, keinen Schmerz, denn die alte Welt ist vergangen. Und der auf dem Thron saß, sprach weiter: Sieh dich um! Ich mache alles neu! Jede früher oder später unvollendete Lebensfuge mündet ein in die groß angelegte Kadenz: ‚Siehe, ich mache alles neu! ES WIRD ALLES GUT - ES WIRD ALLES HEIL: Nichts war umsonst. Nichts und niemand geht verloren. Jede Träne ist ein gültiges Wasserzeichen dafür, dass menschliche Verbundenheit bei Gott unsterblich ist.
Was mich besonders anrührt, ist dieser Gott, der die Tränen von den Augen seiner Kinder abwischt – was für ein väterlicher, mütterlicher Gott! Keine Distanz, keine Fremdheit, sondern liebevolle Berührung. Wer Tränen abwischt, der kommt nicht nur mit den Fingern damit in Berührung; der nimmt das Leid, den Schmerz, die Traurigkeit an, nimmt all das auf sich,, bekommt daran Anteil. Gott befaßt sich mit unserem Kummer, mit unserem Leid, mit unserer Trauer. Das ist ein leidensfähiger Gott, der sich um den Kummer seiner Menschen kümmert. Er weiß, was Tränen sind. Es ist ja kein anderer Gott als der, der in Jesus auf die Seite der Leidenden getreten ist.
Viele sind heute unter uns, die die Schmerzerfahrung der Trauer kennen. Manche haben nur sehr zögernd zur Gemeinschaft dieser Betroffenen gefunden. Sie erwarten keine großen Worte, nur ein bisschen Verständnis für ihre Lage und vielleicht etwas Konkretes über den Verstorbenen, ohne den alles so schwer geworden ist, etwas Konkretes zur Frage: Was ist nach dem Tod? So wie eine junge Mutter, deren Kind gestorben war, meinte: ‚Mir würde es reichen, wenn mir gesagt würde: Ja, Ihr Kind ist jetzt ein Engel, es ist bei Gott!‘ Oder die Stimme einer Frau, die an einer Beerdigung ohne einen Geistlichen teilnahm: ‚Es hat mir etwas gefehlt, ich hätte meine Bekannte gerne jemandem anbefohlen.‘ Was ist nach dem Tod?
Marieluise Kaschnitz bekennt in einem kleinen Gedicht: ICH BIN NICHT MUTIG! Die Mutigen wissen dass sie nicht auferstehen dass kein Fleisch um sie wächst am jüngsten Morgen. Dass sie nichts mehr erinnern niemandem wiederbegegnen dass nichts ihrer wartet keine Seligkeit keine Folter Ich bin nicht mutig. ICH BIN NICHT MUTIG – leise, wie auf Taubenfüßen kommt da eine befreiende Botschaft!
Der christliche Glaube hat nicht den Mut, dem Tod das letzte Wort zu lassen, weil er das Leben viel zu sehr liebt. Er hat nicht den Mut, die endgültige Erfüllung des Lebens von dem zu erwarten, was wir Menschen selber fertigbringen. Könnte dieser Gedanke an immer neue Erdenleben, in denen ich mich bewähren muß, seine Ursache nicht in mangelndem Gottvertrauen haben? Die Bibel sagt mir: Ich darf hoffen auf die Gnade, darauf, dass Gott alles gut machen wird. Es ist in Ordnung, dass ich ein Mensch bin – schwach, zweifelnd und unvollendet. Ich muss mich nicht zu einem irgendwie positiven Denken zwingen, muss nicht als einen Makel nehmen, dass alles so unfertig ist. Wenn es Gott und sein vollendendes Tun gibt, dann dürfen Dinge uneinsichtig und Lebensgeschichten fragmentarisch bleiben.
Auch das Leben Jesu war ein Fragment – abgebrochen durch den schmählichen gewaltsamen Tod am Kreuz. Erst die Auferweckungsbotschaft macht Jesu Leben zum Evangelium: Es wird Leben in seiner Fülle – ganzes, heiles, gelingendes, ewiges Leben. Ein Leben, das sich rundet wie die Rosette im Straßburger Münster. Ein neues Licht fällt in unser Leben, unterwegs ins Ewige. Wärme kommt in unser Leben – die bergende goldene Wärme der Farben der Gottesstadt, der Morgenglanz der Ewigkeit in den strahlenden Augen der Braut. Wenn die Macht des Todes einmal durchbrochen wurde, dann ist er für alle und für immer unglaubwürdig geworden. Das ist die Osterlogik – meine ganze Theologie: NUN ABER BLEIBEN GLAUBE, LIEBE, HOFFNUNG, DIESE DREI. Aber die Liebe ist das schwächste Glied in dieser Kette – die Stelle, an der der Teufelskreis bricht. ‚Diese Worte sind wahrhaftig und gewiss, schreibe: Es ist geschehen‘ – am Kreuz von Golgatha hat göttliche Menschenliebe den totalen Todesbann gebrochen. Es wird alles gut – es wird alles heil. ‚Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen und der Tod wird nicht mehr sein‘ – wieviel erlösender, befreiender, frohmachender ist diese Verheißung als die Aussicht auf immer neue Reinkarnationen!
In einem Text, den wir dieser Tage zu Gehör bekamen, entspinnt sich zwischen zwei ungeborenen Zwillinge im Bauch ihrer Mutter folgendes Gespräch: Das Gespräch der ungeborenen Zwillinge Ein ungeborenes Zwillingspärchen unterhält sich im Bauch der Mutter. "Sag' mal, glaubst Du eigentlich an ein Leben nach der Geburt?" fragt der eine Zwilling. "Ja, auf jeden Fall! Hier drinnen wachsen wir und werden für das, was draußen kommen wird, vorbereitet", antwortet der andere Zwilling. "Ich glaube, das ist Blödsinn!" sagt der erste. "Es kann kein Leben nach der Geburt geben -- wie sollte das denn bitteschön aussehen?" "So ganz weiß ich das auch nicht. Aber es wird sicher viel heller als hier sein. Und vielleicht werden wir herumlaufen und mit dem Mund essen?" "So einen Unsinn habe ich ja noch nie gehört! Mit dem Mund essen, was für eine verrückte Idee. Es gibt doch die Nabelschnur, die uns ernährt. Und wie willst du herumlaufen? Dafür ist die Nabelschnur viel zu kurz." "Doch, es geht bestimmt. Es wird eben alles nur ein bisschen anders." "Du spinnst! Es ist noch nie einer zurückgekommen nach der Geburt. Mit der Geburt ist das Leben zu Ende, Punktum." "Ich gebe ja zu, dass keiner weiß, wie das Leben nach der Geburt aussehen wird. Aber ich weiß, dass wir dann unsere Mutter sehen werden, und sie wird für uns sorgen." "Mutter???? Du glaubst doch wohl nicht an eine Mutter? Wo ist sie denn bitte?" "Na hier -- überall um uns herum. Wir sind und leben in ihr und durch sie. Ohne sie könnten wir gar nicht sein!" "Quatsch! Von einer Mutter habe ich noch nie etwas bemerkt, also gib es sie auch nicht." "Doch, manchmal, wenn wir ganz still sind, kannst du sie singen hören. Oder spüren, wenn sie unsere Welt streichelt." Das, liebe Gemeinde, ist Auferstehung. Schauen dürfen, was wir glauben – das ist Leben jenseits des Todes. So segne und behüte uns der allmächtige und barmherzige Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen.