Ich mag Weihnachten. Das Beste dran ist: es kommt. Egal wie ich gestimmt bin, ob ich Lust oder keine Lust habe. Egal ob die Zeiten günstig sind, die Familie bereit, die Arbeit erledigt ist. Weihnachten kommt.

Ich kann mich darauf einstellen – oder es ignorieren. Aber selbst wenn ich es ignoriere, verhalte ich mich dazu, dass da etwas kommt, womit ich auf keinen Fall und unter keinen Umständen etwas zu tun haben will. Also nehme ich doch Bezug darauf und es entfaltet seine Wirkung. Ich entkomme ihm also nicht.

Weihnachten ist ein Sehnsuchtsort. Ein Ort wie eine verlorene Heimat. Ein Ort, den es in seiner ganzen Idylle so nie gegeben hat. Der aber als Sehnsuchtsort in unseren Köpfen und Herzen ganz wichtig ist, damit wir nicht zum Opfer der Realität werden und glauben, das ganze Drama der Menschengeschichte sei das Letzte, was über sie und uns zu sagen sei.

Das Letzte, was über die Menschheitsgeschichte zu sagen ist, ist nicht Krieg, nicht Hunger, nicht Mord, nicht Flucht und Vertreibung – obwohl auch das alles in der Weihnachtgeschichte vorkommt.Das Letzte, oder sollte ich sagen: das Wichtigste, was über die Menschheitsgeschichte zu sagen ist, ist, dass Weihnachten in ihr stattgefunden hat, und dass sie deshalb nicht verloren ist.

Der Moment, in dem Gott sein Herz öffnete und in einem kleinen Kind zur Welt kam, war der Moment der großen Weltenwende. War der Moment, in dem alle Gewalt, alles Suchen und Umherirren, alles Verlorengehen und Abgewiesen werden, aufgehoben wurden, und eine neue Wirklichkeit Raum griff: Fürchtet euch nicht. Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll. Denn euch ist heute der Heiland geboren...

Als ein Kind geboren wurde unter schwierigsten Verhältnissen und die Sterne am Himmel heller glänzten als sonst, als der Wind wie ein Gesang der Engel klang und Menschen von der Straße in die Wärme gezogen wurden, als Wissenschaftler die Zeichen der Zeit richtig deuteten und sich auf den Weg machenten, um zu suchen und zu finden, als ein junges Paar im Wunder der Geburt ihres Kindes das größte Gottesgeschenk erkannten, wirkte Gott die große Weltenwende und kündigte dem ganzen Menschengeschlecht die Rettung an. Seit Weihnachten wissen und vertrauen wir darauf, dass diese Welt im Letzten nicht zum Teufel geht, weil Gott sie in Jesus Christus wert geachtet hat.

Weihnachten war die Geburtsstunde der Rettung der Welt. War der flüchtige Moment, in dem die tiefste Sehnsucht des Menschen gestillt wurde: dass es einen Ort gäbe, an dem er Frieden fände, wo er geliebt und geachtet sei, wo er sich nicht rechtfertigen oder erklären müsse, wo er sein dürfe, sein als Mensch mit anderen Menschen, und wo er sich mit anderen niederlassen dürfe zu den Füßen eines Kindes und still werden. Im Stall und an der Krippe. Am Ort unserer tiefsten Sehnsucht: Weihnachten.

Ja, wir sind längst Vertriebene aus dem Paradies der Kindheit. Die idyllische Heimat ist verloren gegangen. Der Glaube ist manchen bösen Zynismen gewichen. Wir halten uns für aufgeklärt, prahlen mit unserem Atheismus, wer glaubt schon an so einen Kinderkram?

Aber wenn Du nachts im Bett liegst und die Sterne ansiehst. Dann wünschst Du Dir nichts sehnlicher, als dass da einer ist, der dich hält. Der dich kennt und dich liebt. Wenn du an die Menschen denkst, die dir wert und lieb waren und die du verloren hast, dann wünschst Du Dir nichts sehnlicher, als dass da einer ist, der sagt: Fürchte dich nicht. Weihnachten ist ein Sehnsuchtsort mitten in den Schmerzen dieser Welt. Kein utopisches Himmelskuckucksnest. Sondern ein Kraftort, der mir täglich hilft, in dieser Welt zu leben, in ihr zu leiden und über sie hinaus zu hoffen.

Ich mag Weihnachten.

Marc Blessing