Das Kreuz mit dem Kreuz

In meiner Konfirmationskirche, dem Kloster Maulbronn, musste ich sonntags immer unter dem überlebensgroßen Kruzifix hindurch gehen, das den Lettner hoch überragte. Der Mann, der dort hing, trug eine Dornenkrone. Die Zisterzienser-Mönche hatten den Gang der Sonne so sorgfältig berechnet, dass im März, zur Passionszeit, wenn die Sonne durch die an einer Stelle rot gefärbten Kirchenfenster fiel, das Haupt Jesu blutig schimmerte. Als Kind fürchtete ich mich davor. Aber je älter ich wurde und je mehr ich über das Leben und Sterben Jesu erfuhr, desto vertrauter wurde mir die Figur. Auf geheimnisvolle Weise entstand eine Verbindung zwischen uns. Mal war er der Leidensmann, mal der Segnende. Mal litt ich mit ihm. Mal ruhte ich mich zu seinen Füßen aus. Mal schreckte mich seine hagere Gestalt. Mal rührten mich seine ruhig blickenden Augen.

 

 


Mir war natürlich klar, dass es eine bildhauerische Arbeit aus Sandstein war. Nicht zum Stein als solchem, dem Kruzifix als Gegenstand, entstand die Beziehung, sondern zu dem, den sie verkörperte: Jesus von Nazareth.
Später lernte ich, dass in evangelischen Kirchen häufig auf den Korpus verzichtet würde, um sichtbar zu machen, dass das Kreuz Tod UND Auferstehung symbolisiere, was ohne Korpus leichter falle als mit. Als wir in unserer lutherischen Kirche Genf letztes Jahr das alte Altar-Kruzifix wiederfanden und restaurieren ließen, gab es nicht nur positive Rückmeldungen. Das „schreckliche“ Kreuz könne man doch nicht mehr aufstellen!
Und wirklich: Das Kreuz mit dem Kreuz ist, dass es abschreckt, insbesondere, wenn der Korpus auf besonders drastisch leidende Weise dargestellt ist. Kann, darf man so etwas heute noch den Menschen zumuten? Der Weg Jesu war kein schöner, kein leichter, er war auch ein Weg des Leidens. Er führte in Abgründe und am Ende in die verzweifelte Gottferne. Nicht das Leid an sich soll im Kreuz verehrt werden, sondern der nahe und mitgehende Gott, von dem mich auch die schlimmste Not nicht trennen kann.
Ohne die Leidensgeschichte Jesu wäre der Mann aus Nazareth nur einer von vielen Wunderheilern seiner Zeit geblieben. Die Tatsache, dass er für seine Überzeugungen, für seine Botschaft von der allen geltenden Liebe Gottes in den Tod ging, ist im Symbol des Kreuzes aufbewahrt. Es wäre aber – und das kann man gut den Kurzstatements einiger Gemeindemitglieder in diesem Gemeindeboten entnehmen – nur die halbe Wahrheit, würde nicht im Kreuz zugleich auch an die Auferstehung erinnert. Deshalb ist für manche gerade das Fehlen einer Leidensfigur am Kreuz wichtig, denn der Herr ist auferstanden. Er hängt eben nicht mehr am Kreuz. Erst das leere Kreuz macht für manche aus dem Folterinstrument ein Hoffnungszeichen.
Für mich persönlich ist das Kreuz – mit oder ohne Korpus - ein Zeichen der Gegenwart Jesu Christi. Wer es als Schmuck um den Hals trägt oder irgendwoauf seinen Körper tätowiert hat, wer essich über das Bett hängt oder sonntags in der Kirchebetrachtet, der wird daran erinnert, dass Jesusda ist: in seinem Wort, in Brot und Wein, imSegen über dem Kopf des Kindes, im Gebet, imHerzen. Bei der Konfirmation bekommt jeder Jugendlicheein Kreuz umgehängt und wir sagendazu: Du gehörst zu Christus, dem gekreuzigten
und auferstandenen Herrn. Viele, auch vielejunge Menschen tragen ein Kreuz als Halskette an sich und haben so Jesus bei sich - vielleichtso, wie fromme Juden ihr Glaubensbekenntnisan sich tragen in Form eines Kästchens an einemGebetsriemens auf der Hand, über den Augen,am Hauseingang oder an
der Tür. Sie bekennen sich auf diese Weise zu ihrem Gott, der sagt: „Ich-bin-bei-dir“, ich bin für dich da!- und diese Worte sollst du auf dem Herzen tragen, und du sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt oder auf dem Weg gehst, wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst; und du sollstsie zum Zeichen auf deine Hand binden, und sie sollen dir zum Erinnerungszeichen über den Augen sein; und du sollst sie auf die Pfosten deinesHauses und an deine Tore schreiben.

(Dtn. 6, 4ff).
Marc Blessing