ENTSCHLEUNIGUNG

 

Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden. 

Ich mag Geschwindigkeit. Als Kind bin ich nie zur Schule gegangen, sondern immer gerannt. Ich habe nie verstanden, warum man einen Weg, den man in kurzer Zeit hinter sich bringen kann, langsam und gemütlich gehen soll. Auch heute liebe ich es noch, mit dem Rad durch die Gegend zu flitzen. 

Erst spät habe ich die Langsamkeit entdeckt. Ich hatte mich angemeldet für eine Woche Schweigen bei den Benediktinern im Kloster Damme/ Niedersachen. Bei der ersten Schweigeübung, einer Sitz-Meditation, wäre ich fast gestorben. Die Muskeln verspannten sich, die Knochen taten weh, beide Füße waren eingeschlafen. Entsetzlich. Nix für mich, dachte ich. 

Wie gut, dass dann die Schreit-Meditation folgte. Das war meins. Schreitend zur Stille finden. Konzentriert gehen – ohne Ablenkung, nur immer den nächsten Schritt setzend. Irgendwann denkst du nicht mehr, es schreitet in dir. Danach konnte ich auch Sitzen. Ich lernte Atmen, ich lernte, mich zu konzentrieren. Ich fand die Haltung, die mich still werden ließ – und meinen Körper gleich mit. 

Erstaunlich, wie viel unverarbeiteter Ballast an Gedanken, Erfahrungen, Problemen, anfangs noch die Stille hemmt. Ich brauchte etwas, aber nach zwei Tagen war ich angekommen. Der Wechsel aus Schreiten und Sitzen entschleunigte mich und ich fand in die Stille, ins Schweigen, ins Gebet. Besser: Die Stille war das Gebet. 

Beim Schweigen werden Körper und Geist frei. Der Ballast „verdunstet“. Man wird innerlich ruhig. Und auf einmal öffnet man sich. Für die Menschen um einen. Für die Natur. Lange Spaziergänge ohne Worte, ganz allein, herrlich! Auf einmal achtet man auf jedes Geräusch, jeden Geruch, man betastet eine Baumrinde oder legt sich in eine Sommerwiese. Alle Sinne schärfen sich. Achtsamkeit. 

„Schweige und höre, neige deines Herzens Ohr, suche den Frieden.“ So empfiehlt es der Hl. Benedikt in der Regula Benedicti. Und man entdeckt Gott in allem Sein. Man staunt und glaubt. Man wird dankbar. Man hört und das Herz öffnet sich. Und man wird friedlich. Noch eine Überraschung: Wer mit sich selbst achtsam umgeht, wird auf einmal auch für andere wieder verträglich. 

Am Ende dieser Tage war ich vollkommen ruhig. Vollkommen bei mir und vollkommen bei Gott. Nur eins fehlte: Geschwindigkeit. Auf dem Rückweg vom Kloster hielt ich an einem Radgeschäft und kaufte mein erstes Renn-Fahrrad – natürlich nur, um die Balance wieder zu finden zwischen vita activa und vita contemplativa. 

Der Sommer-Gemeindebote zeigt verschiedene Wege der Entschleunigung auf. Wer weiß, vielleicht nutzen Sie die vor uns liegenden Sommerferien für die eine oder andere Achtsamkeits-Übung. Vielleicht mit einem sinnenreichen Spaziergang, ohne Worte, ganz allein: hören, lauschen, lernen. Vielleicht so, dass ich mir in der Mittagspause ein schönes Plätzchen in der Sonne suche und für einen Moment die Augen schließe und nur auf meinen Atem achte. 

Oder so, dass ich für ein Stündchen in eines der Sommerkonzerte gehe, die von Juni bis August in der lutherischen Kirche angeboten werden, und nur höre. Schweige und höre... 

Oder bei einer Radtour durch den Kanton Genf mit einem schönen Abendessen, slow-food, regional und selbst gekocht, mit meinen Liebsten. So könnte ich wieder in Balance kommen: Vita activa – vita contemplativa. 

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten, geschwindigkeitsarmen und friedlichen Sommer. 

 

Marc Blessing