“Mein Bruder ist in meinem Heimatdorf beerdigt. Immer, wenn wir dort sind, gehe ich zu seinem Grab und verharre einen Moment dort und sage: „Hallo, lieber Christoph“. Der Friedhof liegt an der Außen-mauer des alten Zisterzienserklosters und ist schön bewachsen. Ich muss oft schmunzeln wenn ich dort stehe, weil ich mir vorstelle, auch er würde mich begrüßen, so wie wir das zu Lebzeiten gemacht haben, mit einer herzlichen Umarmung und einem fröhlichen Augenzwinkern. 

Gott wird abwischen alle Tränen. 

Als er mit 35 Jahren starb, waren wir einerseits tief traurig, weil er einfach zu uns gehört hatte, Teil unseres Lebens und Teil unserer Familienidentität gewesen war, andererseits erleichtert, weil ein schmerz-und entbehrungsreiches Leben zu Ende gegangen war. Ein Gehirntumor, der seit seiner Geburt in seinem Kopf gewachsen war, hatte ihm erst ein Augenlicht, später seine Bewegungsfreiheit und ganz zum Schluss auch seine Sprache geraubt. Zu seiner Beerdigung dachten wir, würden die Familie und ein paar Freunde kommen. Zu unserer Überraschung kamen mehr als 300 Menschen! Er war stadtbekannt! Nur wir hatten das nicht mitbekommen, dass er manchmal einfach bei Leuten klingelte und ein Schwätzchen mit ihnen hielt. 

Gott wird abwischen alle Tränen. 

Ich habe nie verstanden, warum er behindert zur Welt gekommen ist und ich und meine beiden anderen Geschwister nicht. Nicht, dass ich zornig auf Gott gewesen wäre, ich war nur unendlich traurig darüber, dass ihm so viele Möglichkeiten, die wir hatten, versagt blieben. Wir konnten Fußballspielen und Radfahren, Handstand machen und Rad schlagen – er nicht. Wir fanden Freunde, hatten die erste Freundin, später haben wir geheiratet und Kinder bekommen. Ihm blieb das alles versagt. Dass er sich bei aller Wut über die „Scheiß Behinderung“ trotzdem Möglichkeiten, das Leben zu gestalten, bewahrt hat, hat uns immer wieder überrascht. Einmal hörten wir von Verwandten, sie hätten ihn in der Fußgängerzone der Nachbarstadt gesehen, wie er auf seiner Mundharmonika Straßenmusik machte. Natürlich ohne Lizenz. Man sah es dem behinderten Jungen vielleicht nach. Er aber war mächtig stolz auf das eingenommene Geld. 

Gott wird abwischen alle Tränen. 

Wir waren und sind noch immer traurig. Nein, die Zeit heilt nicht alle Wunden, wie man so sagt. Das stimmt nicht. Der Schmerz über den Verlust eines lieben Menschen bleibt bestehen. Ein Leben lang. Es gibt sogar Tage, da ist es besonders schlimm. Wenn wir zusammen sind mit meinen Eltern und Geschwistern und wir singen, was wir als Kinder immer abends gesungen haben: „der Mond ist aufgegangen“, dann weinen wir alle wie die Schlosshunde und vermissen ihn elendiglich. 

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen – ein stiller, hoffender, bittender Satz, nicht die Beschreibung eines Faktums. Biblisch gesehen ist dieser Satz ein alle Zeiten und Orte transzendierender Horizont, in dem wir unser eigenes Leben und das unserer Welt deuten können. Der Satz öffnet die Perspektive über das irdische Leben hinaus und stellt es in den weiteren Horizont der Geschichte Gottes. Und zwar in die Geschichte der Kondeszendenz Gottes, des Hinabsteigens Gottes in Jesus Christus in unsere Welt. Denn der da die Tränen abwischt ist nicht der ferne Gott irgendwo im Himmel. Es ist der in Jesus Christus am Kreuz gestorbene und am dritten Tage auferstandene Herr, der uns von jenseits unserer Welt entgegenkommt, der selbst Leiden und Tod durchgemacht hat. 

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen. Ein theologisch gesprochen eschatologischer Satz, der nicht von uns herbei geredet oder im Brustton der Überzeugung schulterklopfend trauernden Menschen übergestülpt werden kann, sondern ein Satz des Glaubens, ein stiller und hoffender Satz, der nicht in unseren eigenen Möglichkeiten begründet ist, sondern von Gottes Seite in unsere Welt hinein gesprochen wird. Als Trosthorizont für die ganze Schmerz geplagte und mit Einschränkungen, Ungerechtigkeiten und Schuld beladene Welt. 

Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen – und der Tod wird nicht mehr sein. 

Der Tod ist eine Passage. Ist Durchgang zu etwas Anderem, Größerem. „Reich Gottes“, sagt die Bibel. „Zukünftige Welt“, „andere Dimension“, sagen wir und merken, wie wir nach tragenden Wörtern tasten. Es ist ein liebevolles und tiefes Wort von dem Gott, der die Tränen trocknet. Ich kann mich davon leiten lassen, wenn ich einen sterbenden Menschen begleite. Und ich kann mich in meinem Glauben selbst daran halten, dass das letzte Wort über mich nicht „Verdammnis“, sondern „Rettung, Erlösung, Tröstung“ heißt. Vorläufig, und das heißt, solange ich hier auf Erden leben darf, halte ich mich an das Wort Jesu, der sagt: „Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Marc Blessing