Mit allen Sinnen – schmecken

mit allen Sinnen – schmecken

mit allen Sinnen – Schmecken

 

Die Sinne öffnen uns das Tor zur Schöpfung, zum Grund allen Seins. Lauschen und schauen, tasten und riechen und - schmecken. Wenn ich „ganz bei Sinnen“ bin, dann erlebe ich die Vielfalt des Geschaffenen und berühre das Geheimnis des Lebens, Gott. Für die Griechen war das Schauen wesentlich. Gott, theos, kommt von Geschautwerden (theastai). Schauen meint dabei nicht nur ein oberflächliches Sehen, sondern ein Blicken in die Tiefe, ein Erkennen dessen, was hinter den Dingen liegt. Seit jeher haben die Menschen in und hinter der Schönheit der Natur Gott „geschaut“, die wunderbare und vielfältige Schönheit, die Gott eigen ist. Die Mystiker konnten sich ganz und gar in der „Schau“ versenken, indem sie alle eigenen Bilder des Seins losließen, gewissermaßen leer wurden, und sich öffneten für das, was ihnen in der mystischen Schau offenbart wurde. Die Mystiker trauten ihrem Schauen mehr, als die kirchliche Dogmatik ihnen erlaubte. Für sie war das Schauen ein Akt der Freiheit, in dem sie sich vom Geschauten, vom Grund alles Seins, anrühren und verwandeln ließen. Im Schauen wird der Mensch verwandelt in das, was er sieht. Die höchste Stufe mystischen Schauens ist das Eins-Werden mit dem Sein-selbst, mit Gott. 

 

Hören war für die Griechen der emotionalste Sinn, der die größte Nähe zu einem anderen Menschen herstellen konnte. Wir hören nie nur Worte. Wir hören immer den Menschen. Ein anderer teilt mir nie nur Informationen mit, sondern immer sich selbst. In seiner Stimme wird sein Herz hörbar. Durch die Stimme eines Menschen tönt immer auch sein „Gestimmtsein“ hindurch. Martin Heidegger hat einmal notiert: „Schauen führt in die Freiheit, Hören in die Geborgenheit“. Und wirklich: Wenn ich Musik höre, kann ich mich ganz verlieren – und gleichzeitig ganz bei mir sein. In der Musik kann ich mich bergen wie in der Umarmung einer Freundin – und zugleich hinausgehoben werden über meine eigene Begrenzung. Hören öffnet für die Transzendenz. 

Schmecken – darauf liegt in der Schöpfungszeit 2019 der Schwerpunkt der Themenreihe „fünf Sinne“. Interessanterweise lautet die Einladung zum Abendmahl: schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist. Die Bibel spricht von der „dulcedo“ Gottes, von der Süßigkeit Gottes. Gott schmeckt offenbar lieblich, angenehm. Und: Gott lässt sich überhaupt schmecken. Als Protestanten sind wir auf das Hören konzentriert: Der Glaube kommt aus dem Hören (fides ex auditu). Martin Luther hat vom homo audiens, vom hörenden Menschen, gesprochen. Die Bibel ist da sinnenreicher. Jeden Sonntag können wir Gott tatsächlich bis ins Physische hinein „schmecken“. Und das ist gut so, denn wir Menschen bestehen aus Seele und Leib. Ein Wort allein reicht nicht aus, es braucht etwas, das wir schmecken und tasten und riechen können. Der Geschmack Gottes ist für mich der von frischem Brot und herbem Wein. Vielleicht ist das Abendmahl die tiefste Verbindung mit Gott. Wenn ich ganz im Schmecken bin, berühre ich das Eigentliche, das Geheimnis.  

 

Zum Schmecken kommt das Riechen hinzu. Wenn ich einen bestimmten Duft in die Nase bekomme, der Duft von frischen Erdbeeren, der Geruch von gemähtem Heu, der Geschmack von salzigem Meerwasser, sind sofort Erinnerungen und Gefühle da. Riechen ist ein emotionaler Sinn. Er verbindet uns mit unserer Vergangenheit – bis in die Kindheit hinein. Der Geruchssinn führt uns immer wieder an die Quellen unseres Vertrauens und zum Grund allen Seins. 

 

Der fünfte Sinn ist der Tastsinn. Paulus spricht davon, dass wir Gott „ertasten“ können (Apg 17,27). In seiner Schöpfung spüren wir, wie Gott uns umarmt. Seine Güte und Lieblichkeit (dulcedo) ertasten wir in der Sanftheit einer Blume, im Hauch des Windes nach einem heißen Sommertag, in der rauen Rinde eines Baumes. Im Berühren gibt es eine Rührung, die mir aus dem Berührten entgegenströmt. Ich öffne mich mit allen Sinnen und erfahre die Schönheit Gottes in seiner ganzen Schöpfung. 

 

 

Schöpfungszeit 2019 – zwischen September und Oktober laden wir Sie ein, ihre Sinne auszuprobieren: vielleicht einmal bei einem sinnenreichen Spaziergang durch den spät-sommerlichen Wald, oder beim slow-food-Abend am Dienstag, 17. September um 19.00 Uhr, oder beim Erntedankfest-Gottesdienst am Sonntag, 3. Oktober im Château de Bossey. Schmeckt und seht wie freundlich der Herr ist. 

 

Marc Blessing