Schuld und Vergebung

 

Mein Großvater, Karl Dünhölter, war Pfarrer der Bekennenden Kirche und im zweiten Weltkrieg Offizier. Als am 9. November 1938 in ganz Deutschland die Synagogen brannten, fuhr er mit seinem Fahrrad über Land von Kirchengemeinde zu Kirchengemeinde und verteilte Flugzettel der Bekennenden Kirche gegen Hitler, er wurde festgenommen und nach Berlin gebracht und drei Tage lang verhört. Dann ließ man ihn wieder frei. Er war aber auch Patriot, er meldete sich zur Armee und kämpfte in der Wehrmacht gegen die Russen, bis er 1945 kurz vor dem Ende des Krieges einen Bauchschuss bekam und übel verblutete. Als Offizier war er mit verantwortlich für die Erschießung von russischen Kriegsgefangenen in Schweden. Als das in unserer Familie bekannt wurde, sollte niemand darüber sprechen. Zu schwer war die Schuld. Zu groß die Scham. Er, der Pfarrer der Bekennenden Kirche und überzeugter Hitler-Gegner, zugleich verwickelt in die Schuldgeschichte der Deutschen Wehrmacht mitten im Zweiten Weltkrieg?

Unsere Väter haben saure Trauben gegessen, und uns sind die Zähne davon stumpf geworden, heißt es in der Bibel. Stimmt: Die Schuld der Väter und Großvätergeneration wirkt weiter, wirkt durch auf die Generation meiner Eltern und auf meine Generation.

„Schuld ist eine menschliche Geste der Demut vor den großen Rädern der Geschichte und all jenen, die von ihnen zermalmt worden sind“, hat die Berliner Schriftstellerin und Jüdin Jana Hensel einmal notiert. „Schuld“ sagt sie, „heißt Empathie mit den Opfern. Schuld ist ein Innehalten, eine Traurigkeit, ein Zweifeln.“

Als Deutscher, der 1967 geboren wurde, weiß ich, dass es keine Gnade der späten Geburt gibt. Ich fühle mich nicht direkt und persönlich schuldig an dem, was zwischen 1933 und 1945 geschah. Aber als ich mit 14 Jahren zum ersten Mal das Konzentrationslager Struthof im Elsass besucht habe und später mit Jugendlichen nach Auschwitz gefahren bin und zutiefst erschrocken war angesichts der Bilder von ausgezehrten Kindern, von gebrochenen Knochen, von Leichenbergen, fühlte ich Schuld im von Jana Hensel beschriebenen Sinne: als Empathie mit den Opfern, als Innehalten, als Traurigkeit, als Zweifel.

In diesem Jahr 2019 erinnern wir nicht nur an den Beginn des zweiten Weltkrieges vor 80 Jahren, an den 1. September 1939, sondern wir erinnern auch an das Jahr 1989 und die dreißigjährige Wiederkehr des Mauerfalls. Das eine Datum markiert den Beginn des millionenfachen Leidens in Europa. Das andere das Ende des kalten Krieges und der politischen Langzeitfolgen dessen, was 1939 begann.

Das eine Datum ist ein Datum der Schuld für uns Deutsche. Das andere ein Datum der Freude, des Neuanfangs, vielleicht sogar der Vergebung und Versöhnung. Schon im Oktober 1945 hatten Kirchenvertreter im Stuttgarter Schuldbekenntnis ihr Versagen im zweiten Weltkrieg eingestanden:

Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Wir hoffen zu Gott, daß durch den gemeinsamen Dienst der Kirchen, dem Geist der Gewalt und der Vergeltung, der heute von neuem mächtig werden will, in aller Welt gesteuert werde und der Geist des Friedens und der Liebe zur Herrschaft komme, in dem allein die gequälte Menschheit Genesung finden kann.

Aber erst 1989 wurde mit dem Mauerfall die Tür aufgestoßen zu einem neuen, friedlichen Miteinander der Völker in Europa. Die ökumenische Bewegung, die seit 1948 die Spaltungen der Kirchen zu überwinden suchte und mit der ersten europäischen ökumenischen Versammlung in Basel 1989 auch die Bewahrung der Schöpfung thematisierte, wurde, wie Kardinal Kasper einmal gesagt hat, zur größten Friedensbewegung der Nachkriegszeit.

„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Die Bitte des Vaterunsers entlässt einen nicht aus der Verantwortung, sie führt aber vor Gottes Angesicht, in dessen Gegenwart ich Schuld eingestehen und um Vergebung bitten kann. Und sie führt mich zum „Schuldiger“, zu dem, dem ich Unrecht getan habe. Ob mir vergeben wird? Manchmal täte es uns gut, der „Schuldiger“ würde sagen: Ich nehme Deine Entschuldigung an. Es ist jetzt wieder gut zwischen uns.

Immerhin: Seit 1945 wurde ein Netz aus wirtschaftlichen und politischen Beziehungen unter den europäischen Völkern geknüpft, das uns fast ein dreiviertel Jahrhundert Frieden beschert hat. Ich sehe das europäische Projekt als Ausdruck des Aussöhnungswillens und der Vergebungsbereitschaft.

Als wir mit unserer ganzen Familie 2008 nach Warschau gereist sind, um das Grab unseres Großvaters zu suchen, fanden wir es auf einem großen deutschen Soldatenfriedhof. Auf vierzig schwarzen Granitplatten waren die Namen der gefallenen Soldaten aufgeführt, darunter der meines Großvaters. Für meine Mutter war es die letzte Spur ihres Vaters, den sie in den über 60 Jahren ihres Lebens immer schmerzlich vermisst hatte. Wir weinten still an seinem Grab, gerührt von der Ruhe des Ortes und dem Frieden, der von ihm ausging. Ich war dankbar, dass Polen diesen Ort erlaubt hatte, ein Ort der Versöhnung. Und mir kam das Bonhoeffer-Gedicht in den Sinn, das den Titel trägt: Christen und Heiden.

Marc Blessing 

 

Menschen gehen zu Gott in ihrer Not,

flehen um Hilfe, bitten um Glück und Brot,

um Errettung aus Krankheit, Schuld und Tod.

So tun sie alle, alle, Christen und Heiden.

Menschen gehen zu Gott in Seiner Not,

finden ihn arm, geschmäht, ohne Obdach und Brot,

sehen ihn verschlungen von Sünde, Schwachheit und Tod.

Christen stehen bei Gott in Seinen Leiden.

Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not,

sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot,

stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod,

und vergibt ihnen beiden. 

 

D. Bonhoeffer