Sonntag, 22. März: Ein gutes Wort für jeden Tag

Sonntag, 22. März: Ein gutes Wort für jeden Tag


# Berichte
Veröffentlicht von Marc Blessing am Sonntag, 22. März 2020, 18:14 Uhr
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Sonntag, 22. März: ein gutes Wort für jeden Tag: Predigt von heute


Liebe Freundinnen und Freunde, 

als gutes Wort für den Tag erlaube ich mir, die Predigt von heute zu verschicken. Vielen Dank für die vielen positiven Rückmeldungen zum live-stream Gottesdienst. Wir werden uns bemühen, die Qualität des Tones und die Optik bis kommenden Sonntag noch zu verbessern. Aller Anfang ist schwer. Aber zum Glück nicht aussichtslos. 

Ihnen und Euch allen einen geruhsamen Rest-Sonntag. 

Marc Blessing


Gottesdienst: Der ganze Gottesdienst zum Nachhören und -sehen: https://youtu.be/ZrTyvPiVP9Y


Lektüreempfehlung aus der Predigt: John Ironmonger, Der Wal und das Ende der Welt. Lesenswert und berührend. 


Musik: Arie aus der Bachkantate BWV 150: Nach dir o Herr verlanget mich. Mit einem klick hier: https://www.youtube.com/watch?...


Arie (im Gottesdienst gesungen von Martina Möller-Gosoge)
Doch bin und bleibe ich vergnügt,
Obgleich hier zeitlich toben
Kreuz, Sturm und andre Proben,
Tod, Höll, und was sich fügt.
Ob Unfall schlägt den treuen Knecht,
Recht ist und bleibet ewig Recht.


Predigt zum Sonntag Lätare, Jesaja 54, 7-10.


Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und die Liebe Gottes, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.

 

Liebe Gemeinde,

 

0. Live streaming!

Ich freue mich, dass wir heute über den live-stream mit einander verbunden sind. Krisen sind fürchterlich. Und diese Krise ist besonders fürchterlich. Denn sie isoliert uns von einander. Alles, was uns sonst in der Kirche wichtig und wert ist, unsere persönlichen Begegnungen und Kontakte, der sonntägliche Gottesdienst hier in der Kirche, die Gemeinschaft beim Kirchenkaffee, all die Umarmungen, die Küsschen, die menschliche Nähe, all das ist ausgesetzt, ja sogar verboten. Umso schöner, dass wir jetzt mit einander verbunden sind im Geiste Gottes, der kein social distancing kennt, und der uns heute morgen im Glauben verbindet.


Da kommt das Wort aus dem Propheten Jesaja gerade recht: 

 

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.

 

1. Die zwiespältige Krise – die Faktizität des Leids und dennoch: lasciate mi cantare!

 

Ambivalent ist, was da gesagt wird.

Und ambivalent ist, was wir gerade erleben.

 

Auf der einen Seite sind die vielen Infizierten, die hohen Mortalitätsraten.

Die gespenstische Stille in den Straßen.

Das Husten hinter den Fenstern und Türen. 

Die Bilder von hunderten von Särgen, die von der Armee aus der Region um Bergamo weggebracht werden mussten, haben sich mir eingebrannt.

 

Eine Krise globalen Ausmaßes.

Eine unsichtbare Sintflut, die uns alle bedroht.

 

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen...

 

Wie lange dauert der Augenblick?

 

Es wird wohl länger dauern, sagen Experten.

Da ist dieses mulmige Gefühl des Ausgeliefertseins.

Etwas anderes bestimmt uns.

Das Virus macht ohnmächtig und hilflos.

Wir sind gewohnt, die Zukunft einigermaßen genau voraussagen zu können.

Wir leben aus der Gestaltung der Zukunft.

Planen ist ganz wichtig.

 

Und jetzt? Nichts! Wir wissen nicht, wie lange? Und wann alles vorbei sein wird.

Wir können nur den Augenblick gestalten. Das Jetzt.

 

Manche Ausgangssperre wurde nicht verhängt, weil keine Aussage über ihr Ende getroffen werden konnte.

Man kann eine Maßnahme nur einleiten, wenn man dazu sagt, wie lange sie gelten soll. Geht aber im Moment nicht.

 

Aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln....

 

Und dann gibt es auch die andere Seite, das ABER

Wie herrlich und wunderbar die Augenblicke, in denen die Italiener auf ihren Balkonen anfangen zu singen. Ein Moment des Trotzes und der Gnade: Laut und falsch und voller Liebe und Solidarität singen sie:

 

Adriano Celentano: Lasciate mi cantare

Lasciatemi cantare 

con la chitarra in mano l

asciate mi cantare 

sono un italiano

 

Lasst mich singen, 

Mit der Gitarre in der Hand. 

Lasst mich singen, 

Ich bin ein Italiener.

 

Irgendwie sind wir in diesen Tagen alle Italiener. 

Eingesperrt, besorgt, verängstigt, gefangen in den eigenen vier Wänden.

Aber mit dem ungebrochenen Mut und beharrlichen Optimismus, die Krise zu bestehen.

 

Und während wir aus der Schockstarre erwachen, merken wir plötzlich, dass unsere Welt dabei ist, sich neu zu erfinden.

 

2. Die Neu-Erfindung der Welt

 

Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt dieser Tage in einem Essay:

 

Wir werden uns in einigen Monaten wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir erleiden mussten, selten zu Vereinsamung geführt haben. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre fühlten viele sich sogar erleichtert, dass das viele  Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen zu einem Halt kam.

 

Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten. Paradoxerweise hat die körperliche Distanz, die das Virus erzwang, neue Nähe erzeugt. Wir haben alte Freunde wieder kontaktiert, Bindungen gestärkt, die lose geworden waren. Familien, Freunde, Nachbarn sind näher gerückt. Ich erlebe so viel Kommunikation wie noch nie in den letzten zehn Jahren.

 

Und wirklich: Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich viele Kollegen gewehrt hatten (der Flieger war besser) stellten sich als durchaus praktikabel und effizient heraus. Lehrer lernten eine Menge über internetteaching. Das Homeoffice wurde machbar, einschließlich des Jonglierens, das damit verbunden war. Und inzwischen erwischt man nicht mehr nur den Anrufbeantworter, sondern plötzlich wieder real vorhandene Menschen. Das Virus hat ganz nebenbei eine neue Kultur der Erreichbarkeit und Verlässlichkeit geschaffen. Sogar junge Leute machen jetzt lange Spaziergänge im Wald. Bücherlesen ist der neue Kult.

 

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln. Ich habe mein Angesicht im Augenblick des Zorns ein wenig vor dir verborgen, aber mit ewiger Gnade will ich mich deiner erbarmen, spricht der HERR, dein Erlöser.

 

Könnte es sein, dass wir in dieser Krise die alten Werte von Mitmenschlichkeit und Gerechtigkeit, von Orientierung an den Schwächsten und göttlicher Barmherzigkeit wieder entdecken.

 

3. Soziale Intelligenz statt Egoismus

 

Im Moment dürfen wir nicht vor die Tür. Das lässt sich nicht gut aushalten.

 

Und manche fragen sich: Warum soll ich mich eigentlich an die Regeln halten?

 

Das Bedeutsame, so erleben wir es im Moment ist dass viele, ja, fast alle erkannt haben, es geht nicht in erster Linie um mich selbst. Um sie selbst.

 

Denn die meistern sind nicht über achtzig jährig und chronisch krank. Die meisten von uns haben gute Chancen, die Krise zu überleben.

Das Besondere und Eindrückliche ist:

Ich soll mich solidarisch verhalten: UM DER ANDEREN WILLEN.

In einer Gesellschaft, die lange unter dem Motto lebte. Me first, spürt jetzt, das hilft nicht in der Krise. Um der anderen Willen etwas tun, bzw. auf etwas verzichten, das ist das Entscheidende.

Und siehe da, es gelingt! Es kommt an.

 

Das ist wirklich eine Leistung sozialer Art, sich vorzunehmen, einander nicht die Hände zu schütteln, den Abstand unter uns über 2 m Entfernung einzuhalten, nicht dem Impuls nachgeben, in diesen schönen Frühlingstagen am See entlang zu schlendern und Keime zu verteilen.

Wir sehen die Keime ja nicht.

Wir müssen uns das also richtig vornehmen und in den Kopf hämmern.

 

Im guten Glauben, im Bewusstsein etwas richtiges zu tun, soll ich mich einschränken und einstellen.

Soll ich Abstand halten, und Maß halten.

Das ist für unsere Gesellschaft keine leichte Sache.

Denn bislang sind wir doch so gestrickt, dass jeder das Maximum für sich selbst rausholt. Mit wenig Einsatz möglichst maximalen Gewinn erzielen.

Und jetzt müssen wir mit dem größt möglichen Einsatz den Schaden so klein wie möglich halten. Das erfordert eine soziale und humane Einstellung.  

 

Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln.

 

4. Der Wal und das Ende der Welt

 

In seinem Roman: Der Wal und das Ende der Welt erzählt Jon Ironmonger von einem jungen Börsenanalysten und Mathematiker Joe Haak. Joe hat einen Algorithmus entwickelt, der einen Börsencrash globalen Ausmaßes voraussagt. Als seine Bank fast 300 Millionen Pfund verliert, flieht der junge Analyst nach Cornwall und will ins Meer gehen. Dort wird er von einem Wal gerettet und wieder ans Land gespuckt. Kurze Zeit später strandet der Wal und muss – alle Dorfbewohner helfen mit – wieder ins Meer gezogen werden, was gelingt. Aber dann wird die Krise, befeuert durch eine Grippeepidemie, Wirklichkeit. Und die Dorfbewohner und der junge Analyst Haak stehen plötzlich vor der Frage: Wie können wir überleben. Jeder für sich, oder alle zusammen. Wird die Gier und das Gegeneinander siegen – oder – eigentlich unvorstellbar – eine menschliche Lösung in Sicht kommen. Und weil Joe mehr weiß als alle anderen im Dorf, plündert er sein gut gefülltes Bankkonto und legt Vorräte für alle 300 Dorfbewohner an. Als der Pfarrer des Dorfes und Joe in Verdacht geraten, sich ebenfalls mit der Grippe angesteckt zu haben, begeben sie sich für zwei Wochen im Kirchturm in Quarantäne. Wunderbar, die Dialoge zwischen den beiden Analysten der Zukunft. Am Ende, und das ist das Überraschende, rettet Joe nicht nur das Dorf, sondern auch die Menschen in den umliegenden Dörfern. Das Buch endet mit einem Weihnachtsfest, in dem wahr wird, was wir auch gegenwärtig erleben: gegenseitige Hilfe und Fürsorge, orientiert an den Schwächsten. 

 

5. Rückwärts staunen

 

Wir staunen plötzlich rückwärts.

 

Es hat etwas positiv Ansteckendes, Beflügelndes, zu erleben, dass man isoliert in den eigenen vier Wänden gemeinsam mit allen anderen im gleichen Boot sitzt.

Vielleicht ist das eine Form der Barmherzigkeit und Gnade, dass wir merken, wir kommen nur weiter, wenn wir uns alle barmherzig verhalten, wenn wir nicht in erster Linie für uns, sondern um der Schwächsten willen unser Leben auf sie einstellen und an ihnen orientieren.

 

Vielleicht werden wir in fünf Jahren zurückblickend feststellen: Es waren schlimme Zeiten, aber das große Ganze hat nicht zum Kollaps geführt, im Gegenteil, wir sind wieder geerdet worden, als Menschen, als human beings, als sozial intelligente Wesen, die Werte wie Mitmenschlichkeit und Solidarität neu entdeckt haben. Die Bibel nennt das Barmherzigkeit. Die Ausrichtung an den Schwächsten, die Gott eigen ist.

 

Hat Gott nicht schon zu Noahs Zeiten versprochen, diese Erde nicht mehr untergehen zu lassen? Ja, und jetzt erleben wir, wie Menschen in einem anderen Geist als bislang für einander da sind und für einander einstehen. Gottes Barmherzigkeit zeigt sich nicht darin, dass es kein Leid gibt. Das Leid ist da und schmerzt. Aber mitten im Leid gibt es so viele Geschichten der Liebe und der Solidarität, dass ich nicht umhin kann, darin das Wirken der göttlichen Gnade zu sehen.

 

Wer weiß, vielleicht werden wir nachher sogar feststellen, dass populistische und rassistische Ideen keine Lösungen in der Krise geboten haben, sondern nur die politisch überlebten, die sich gemeinschaftstauglich und nicht-abgrenzend verhielten.

 

Und sehen wir nicht – neben den singenden Italienern – auch noch Satellitenbilder von den Industriegebieten Chinas, die frei von Smog sind. Erstmals in 2020 fällt der CO2 Ausstoß auf das Maß, das Klimaschützer seit Langem fordern und keine Politik bislang erreicht hat.

 

Wenn das Virus das kann, können wir es womöglich auch.

 

Ein neues Miteinander, entschleunigt, begrenzt, aber nicht getrennt, sozial, ohne sich zu nahe zu kommen, reduziert auf das Wesentliche – und das sogar klimafreundlich. Orientiert an den Schwächsten – das ist wahre Stärke. So kommen Werte zum Vorschein, die tief in unserer Humanität eingewurzelt sind – und die wir als Christen in der Haltung Jesu erkannt und als Vorbild gesehen haben.  

 

6. Lätare – freut euch!

 

Lätare – wir feiern klein Ostern - ein nüchternes Fest der Auferstehung mitten in der Zeit der Bedrängnis. Wir sind verbunden über die Gräben des social distancing hinweg. Weil Gott uns einen neuen Geist ins Herz gelegt hat. Einen Geist, der Berge versetzen und Krankheiten heilen kann.

 

Wie heißt es so schön am Schluss beim Propheten Jesaja: Denn es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der HERR, dein Erbarmer.

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, der bewahre Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.