Dienstag, 31. März 2020: ein gutes Wort für jeden Tag - aus Tallinn

Dienstag, 31. März 2020: ein gutes Wort für jeden Tag - aus Tallinn


# Berichte
Veröffentlicht von Marc Blessing am Dienstag, 31. März 2020, 16:47 Uhr
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Das heutige gute Wort samt winterlichem Bild schickt uns Matthias Burghardt aus Tallinn, Estland.


Wort für den Tag 

Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. 2. Tim 1,7


Liedvorschlag

Ich steh in meines Herren Hand
und will drin stehen bleiben;
nicht Erdennot, nicht Erdentand
soll mich daraus vertreiben.
Und wenn zerfällt die ganze Welt,
wer sich an ihn und wen er hält,
wird wohlbehalten bleiben.

 


Impuls - von Pfarrer Matthias Burghardt, Tallinn, Estland

die Wucht des Virus und der dagegen eingeleiteten Massnahmen hat uns erreicht und wohl grösstenteils überrascht. Estland fährt einen ähnlichen Kurs wie Deutschland, zunächst deutlich härter, nun eher zurückhaltender. Schule und öffentliches Leben wurden weitgehend ins Internet verlegt. Jeden Tag muss ich als Lehrer mit den Schülern per Aufgaben oder per Videobrücke kommunizieren. Die meisten Ämter arbeiten nun ähnlich, alle Krankenhäuser sind Quarantänebereiche. Offen sind noch die Kindergärten (um die Betreuungsaufgaben der arbeitenden Bevölkerung zu gewährleisten), die Läden, Restaurants (nur noch zum Mitnehmen von Speisen und Getränken) und Cafes. Aber auch diese Unternehmen arbeiten mit verringerten Öffnungszeiten. Das schöne Frühlingswetter (es ist zwar kalt, aber sonnig) lockt die Menschen ins Freie. Glücklicherweise gibt es in Estland genug Platz, um sich aus dem Wege zu gehen. Mit  inzwischen über 600 Infizierten ist Estland eher im oberen Bereich der prozentualen Infektionsrate zu finden, allerdings gibt es weiterhin nur 10 Leute, die wegen des Virus´ auf der Intensivstation behandelt werden. Am Wochenende sind 3 Menschen gestorben. (Stand 23.3.).  


Auch das kirchliche Leben ist auf ein Minimum zurückgefahren worden. In einem ministerialen Erlass vom 13.3., der die Massnahmen zur Ausrufung des Ausnahmezustandes am selben Tage ergänzt, wird die Feier von Gottesdiensten verboten. Ein Schritt, den nicht einmal die Machthaber der diktatorischen Systeme im 20. Jahrhundert auf Dauer durchgesetzt haben. Ironischerweise ist Ministerin Solmann aktives Mitglied einer Kirchengemeinde. Gleichzeitig ist es aber ausdrücklich gestattet, die Kirchen und Gemeinderäume zu Gebet und Seelsorge offen zu halten. 


In unserer Gemeinde gibt es also nun sonntäglich Gottesdienste im Internet, die wir im kleinen Kreise aufnehmen und dann per Link an über unsere Listen verschicken. Sonntags halten wir auch unseren Gemeinderaum zum Gebet geöffnet. Treffen mit über 2 Menschen sind verboten, so dass es unmöglich ist, in natura Veranstaltungen durchzuführen.


Der Virus, der soviel Schmerzen, Tod, Leid, Niedergang und Angst mit sich führt hat uns jedoch, als Gemeinde, Kirche und Gesellschaft, auch in positiver Weise, in Bewegung gesetzt: Wir bemühen uns, unter den gegebenen Umständen als Gemeinde zusammen zu sein, zu wachsen und so gut wie möglich unser Gemeindeleben fortzusetzen. In meiner anderen Gemeinde in Keila bin ich täglich ausser samstags von 11 bis 13 Uhr in der Kirche, um zu Gesprächen zur Verfügung zu stehen und die Kirche für Andacht und persönliches Gebet offen zu halten. In der letzten Woche habe ich dadurch über 20 Leute besser oder überhaupt kennengelernt!


Eine orthodoxe Freundin hat erzählt, dass das Wort „korona“ in der Setu-Sprache (die Setu sind ein finno-ugrisches Volk im Südosten Estlands und dem daran angrenzenden Teil Russlands) alles das bedeutet, was in der Fastenzeit nicht gegessen werden darf. Als Setu kann man also gar nicht anders, als die gegenwärtige Zeit als Fastenzeit zu betrachten: Ein winziger Virus legt den Verkehr lahm, eine Erholung für Luft und Klima. Aus dem umkämpften sog. „Tanzverbot“ am Karfreitag ist fast europaweit ein Tanzverbot für die gesamte Passionszeit und wahrscheinlich darüber hinaus geworden. Plötzlich gibt es viel Zeit über alles mögliche Nachzudenken, sein Konsumverhalten z.B. mal zu überdenken. Viele können viel mehr mit der Familie zu Hause sein als sonst. Es wird zur Solidarität mit Schwachen in der Gesellschaft aufgerufen-und manche werden richtig wütend, wenn sie das Gefühl haben, dass diese Solidarität nicht eingehalten wird. Der Staat sanktioniert unsolidarisches Verhalten. Leuten, die im Supermarkt, der Apotheke oder im Krankenhaus arbeiten, wird applaudiert. Es findet öffentliches Singen vom Balkon statt. Wer hätte das alles noch vor ein paar Wochen für möglich gehalten?


Aber wir wissen dabei, dass wir alle Menschen sind. Manche von uns haben Todesangst, obwohl sie nicht zu den Risikogruppen gehören, denen alle die Schutzmassnahmen gelten. Wir ahnen alle, dass die Massnahmen der Regierungen wirtschaftliche Existenzen zerstören werden. Es erscheint zwar lobenswert, in dieser Krise endlich mal um jedes Menschenleben mit Einsatz zu kämpfen, aber es wirft ein trauriges Licht auf alle, die vielleicht mit ähnlicher Unterstützung noch am Leben wären. Die Verkehrstoten bei uns erfahren wenig Solidarität, es wird wegen der Tausenden Verkehrstoten jährlich kein allgemeines Fahrverbot erlassen. Für die zerbombten Krankenhäuser in Syrien und anderswo werden keine Balkongesänge veranstaltet. Krebskranke sind uns da näher, weil es kaum eine Familie gibt, in der nicht jemand in den letzten Jahrzehnten an dieser Krankheit gestorben ist. Aber auch hier wird die Wirtschaft nicht massiv gedrosselt, bis der letzte Krebserreger aus Abgasen und Nahrung verschwunden ist. So sehr also der Virus und die Massnahmen bei allem Leid bzw. allen Einschränkungen auch Gutes bewirkt haben, er zeigt uns deutlich unsere Grenzen auf. Die Grenzen der Solidarität und der Menschlichkeit, die Grenzen der Geduld und des Mutes. Er hält uns in vielfacher Hinsicht den Spiegel vor, den wir brauchen, um uns zu erinnern, was ein Mensch eigentlich ist. In ihm sehen wir, dass vieles plötzlich menschenmöglich und sogar gewollt ist, was vorher undenkbar war. Und wir sehen, dass wir mit unserem Fühlen, Wollen und Handeln immer wieder an doch recht enge Grenzen gebunden sind, die wir nicht überschreiten können oder wollen.


Der Philosoph Aristoteles glaubte, dass ein Mensch vom Geist angetrieben wird. Im 2. Timotheusbrief lesen wir einen Satz, der mir in den letzten Wochen sehr lieb geworden ist: „Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.“ Diesen Geist brauchen wir! Ihn wünsche ich Ihnen, Euch und mir.

Mit herzlichem Segenswunsch

Matthias Burghardt, Pastor