14/07/2026 0 Kommentare
Estlandreise - Geschichte, Kultur, Spiritualität und herzliche Begegnungen
Estlandreise - Geschichte, Kultur, Spiritualität und herzliche Begegnungen
# Berichte

Estlandreise - Geschichte, Kultur, Spiritualität und herzliche Begegnungen
Oekumenische Gemeindereise nach Estland (30.06. – 06.07.2026)
Geschichte, Kultur, Spiritualität und herzliche Begegnungen
«Tere tulemast!» - Willkommen in Estland! Mit dieser herzlichen Begrüssung durch Pfarrer Matthias Burghardt am Flughafen in Tallinn begann unsere wunderschöne Reise durch das nördlichste Land des Baltikums. Per Bus erkundeten die 27 (?) Mitglieder unserer Reisegruppe während fünf Tagen dieses kleine, stolze Land mit seiner einzigartigen Mischung aus mittelalterlichen Städten, unberührter Natur und einer bewegten Geschichte.
Pfarrer Burghardt, der sowohl die deutschsprachige Gemeinde in Tallinn als auch die estnische lutherische Gemeinde in Keila betreut, verstand es, uns mit Herz, Humor und unglaublich viel Wissen für seine Wahlheimat zu begeistern.
Unsere Reise begann in Tallinn, der Hauptstadt Estlands. Die hervorragend erhaltene Altstadt des ehemaligen Reval gehört zum UNESCO-Weltkulturerbe und vermittelt mit ihren Stadtmauern, Türmen und verwinkelten Gassen das Flair einer mittelalterlichen Hansestadt. Über Jahrhunderte stand Estland unter dänischer, schwedischer, deutscher und schließlich russischer Herrschaft. Erst nach dem Ende der Sowjetunion im Jahr 1991 erlangte das Land seine Unabhängigkeit zurück.
Vom Domberg genossen wir den wunderschönen Blick über die roten Dächer der Altstadt bis zum Hafen der Ostsee. Der Dom St. Marien auf dem Domberg ist die älteste Kirche Tallinns. Mehr als 100 Wappenepitaphe deutschbaltischer Adliger zieren die Wände im Innern. Sie zeugen vom prägenden Einfluss der deutschbaltischen Kultur in Politik, Wirtschaft, Bildung und Architektur Estlands vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert.
Von der Freiheitsliebe der Esten künden der mittelalterliche Verteidigungsturm ‘Kiek in de Kök’ ebenso wie das moderne Freiheitsdenkmal auf dem Tallinner Freiheitsplatz in Form eines gläsernen Kreuzes.
Beim Mittagessen mit der deutschsprachigen Gemeinde konnten wir erste Kontakte knüpfen und Möglichkeiten für eine mögliche künftige Partnerschaft mit unserer Gemeinde andenken.

Nächster Höhepunkt unserer Reise war das nur wenige Kilometer westlich von Tallinn liegende Keila mit der evangelisch-lutherischen Kirche St. Michael. Pfarrer Burghardt führte uns stolz durch die Kirche seiner Gemeinde. Das Gotteshaus stammt ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert und gehört zu den ältesten Kirchen Nordestlands. Ein gemeinsames Abendessen mit Gemeindemitgliedern und dem Kirchenchor der Gemeinde Keila führte nicht nur zu angeregten Gesprächen über Sprachgrenzen hinweg, sondern auch zum gemeinsamen Singen auf estnisch und deutsch. Wir freuen uns darauf, den Chor aus Keila im nächsten Jahr für ein Konzert in Genf begrüssen zu dürfen!
Ueberhaupt wäre dieser Bericht unvollständig, ohne die Bedeutung des Chorgesangs in Estland zu erwähnen. Kaum ein Land besitzt eine so lebendige Chorkultur, gemeinsames Singen ist Ausdruck nationaler Identität. Traditionelle Sängerfeste stärkten das Zusammengehörigkeitsgefühl und mündeten in die «Singende Revolution», die 1991 zur Wiedererlangung der Unabhängigkeit führte. Beim grössten Sängerfest, das alle fünf Jahre in Tallinn stattfindet, kommen bis zu 30'000 Menschen zusammen, die gemeinsam traditionelle estnische Lieder anstimmen.
Dass Estland nicht nur über ein reiches kulturelles Erbe verfügt, sondern auch über stille Naturlandschaften, durften wir auf dem Weg nach Narva erfahren. Estland ist zur Hälfte mit Wald bedeckt, und so wechselten ausgedehnte Mischwälder ab mit naturnahen Moorlandschaften.
Je weiter wir nach Osten fuhren, desto mehr spürten wir die Nähe Russlands. Die Grenzstadt Narva war einst eine blühende barocke Handelsstadt, wurde jedoch im Zweiten Weltkrieg völlig zerstört und im sowjetischen Stil wieder aufgebaut. Sie ist heute fast vollständig russischsprachig. Besonders eindrucksvoll war der Blick im hellen nordischen Abendlicht von der mächtigen Hermannsfeste auf die russische Festung Iwangorod. Zwei Burgen stehen sich direkt gegenüber, nur durch den Grenzfluss Narva getrennt. Leider ist dies nicht nur ein historisches Symbol der wechselvollen Geschichte dieser Region, sondern markiert auch die Grenze zwischen Krieg und Frieden im heutigen Europa. Wir haben an diesem uns unwirklich erscheinenden Ort ein Friedenslied gesungen.
Weiter ging unsere Reise entlang des Peipussees, des fünftgrößten Sees Europas. Er bildet die natürliche Grenze zu Russland. Entlang des Ufers liegen kleine Dörfer der russischen Altgläubigen, die sich hier seit dem 17. Jahrhundert niederließen, um religiöser Verfolgung zu entgehen. Ihre bunt gestrichenen Holzhäuser, die Zwiebeltürme der Gebetshäuser und die berühmten Zwiebelfelder verleihen der Region einen ganz eigenen Charakter.

Nicht fehlen durfte ein Tag in der Universitätsstadt Tartu, der zweitgrössten Stadt Estlands und geistiges und kulturelles Zentrum des Landes. Ihre traditionsreiche Universität wurde im 17. Jahrhundert gegründet und gilt als eine der bedeutendsten Hochschulen Nordeuropas. In der Altstadt erinnern das historische Rathaus, die Universität und die Ruinen des Doms auf dem Hügel Toomemägi an die lange Geschichte der Stadt. Bei einem Besuch im modernen estnischen Volksmuseum konnten wir unsere neu erworbenen Kenntnisse über Kultur und Geschichte Estlands und die finno-ugrische Sprachfamilie, zu der Estland gehört, weiter vertiefen.
Die Abendmahlsfeier mit Mitgliedern der deutschsprachigen lutherischen Gemeinde von Tartu mit anschliessendem Kirchenkaffee bot eine weitere Möglichkeit zu interessanten Gesprächen über die Situation der deutschsprachigen lutherischen Gemeinden und über die Chancen und Risken des Lebens im heutigen Estland.
Den Abschluss unserer Reise bildeten ein Besuch in Viljandi im Süden des Landes mit der romantischen Burgruine des ehemaligen Schlosses des Deutschen Ordens und in Pärnu, der Sommerhauptstadt Estlands an der Ostsee. Der lange Sandstrand und die historischen Holzvillen machen die Stadt zu einem beliebten Erholungsort. Dass der Himmel an diesem Tag sehr grosszügig seine Schleusen öffnete, konnte unserer Stimmung keinen Abbruch tun. Schliesslich kann man Regenschauer auch beim gemeinsamen Singen im Bus aussitzen!
Zurückgekehrt sind wir mit vielen unvergesslichen Erinnerungen an ein freiheitsliebendes Land am Rande Europas mit seinem aussergewöhnlichen kulturellen Erbe, historischen Städten und weiten Landschaften. Doch nicht nur die Sehenswürdigkeiten bleiben in Erinnerung- vor allem die gemeinsame Zeit, die vielen Gespräche und die neu geknüpften Kontakte haben unsere Reise bereichert und zu einem echten Gemeinschaftserlebnis werden lassen. Ein herzlicher Dank gilt Pfarrer Matthias Burghardt, dessen grosses Engagement diese Reise ermöglicht hat. «Suur tänu! Nägemiseni, Eesti!»
Monika Linn
Kommentare